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"Rosenholz"-Dateien: Das große Zittern

Mehr als ein Jahrzehnt war diese Quelle verschlossen. Nachdem das Gezerre um die brisanten Daten der Auslandsagentenkartei des DDR-Geheimdienstes mit der Aufhebung der Geheimsperre beendet wurde, müssen unentdeckte IMs nun ihre Enttarnung fürchten.

Den Stoff für einen Fernsehkrimi haben die "Rosenholz"-Dateien der Stasi bereits geliefert. Am vergangenen Sonntag jagten die "Tatort"-Kommissare Ritter und Stark mit Hilfe des brisanten Materials einen Ex-Spitzel des DDR-Geheimdienstes mit dem Decknamen "Leopard".

Geheimsperre für 381 CD-ROMs aufgehoben

Ob die Dateien mit insgesamt 350.000 elektronisch erfassten Stasi-Karteikarten im "richtigen Leben" für ähnliche Spannung wie im "Tatort" sorgen, wird sich in den kommenden Monaten und Jahren herausstellen. Erst vor einer Woche wurde die Geheimsperre für die 381 CD-ROMs mit den "Rosenholz"-Daten aufgehoben. Am Dienstag präsentierte die Stasi-Akten-Beauftragte Marianne Birthler das Material der Öffentlichkeit.

Die Birthler-Behörde hofft mit den Dateien eine der letzten Lücken bei der Erforschung der Stasi-Arbeit zu schließen. Die CD-ROMs enthalten Fotos von Karteikarten der Hauptverwaltung A, die im Ministerium für Staatssicherheit für die Auslandsspionage zuständig war. Unter anderem lässt sich damit die Identität von westdeutschen Spitzeln enttarnen.

Einmaliger Vorgang in der Geschichte

"Wir gehen davon aus, dass erstmals in der Weltgeschichte der Spionage ein Nachrichtendienst so nackt da steht, wie die Hauptverwaltung A", sagt der Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs. Die Informationskette im SED-Staat lasse sich mit den Karteien von der Quelle bis zum Endverbraucher - Politbüro, Wirtschaft und Militär - schließen. "Dies ist eine ungeheure Dimension."

Mehr als ein Jahrzehnt war diese so bedeutende Quelle für die Forschung verschlossen. Der US-Geheimdienst CIA war in den Wendewirren auf bislang ungeklärte Weise an die Karteien gelangt. Als wahrscheinlichste Theorie gilt, dass die Amerikaner über den sowjetischen Geheimdienst KGB an das Material kamen. Anfang der 90er Jahre hatten deutsche Verfassungsschützer erstmals die Gelegenheit, die Dateien zu sichten. Damit sollte die Strafverfolgung von Spionen in Deutschland unterstützt werden. Die Aktion lief unter dem Codewort "Rosenholz", das sich in den folgenden Jahren als Bezeichnung für die Karteien einbürgerte.

"Geheimdienste trennen sich immer ungern von Geheimem"

Erst im April 2000 begann die CIA mit der Rückgabe der für die Stasi-Spionage in Westdeutschland relevanten Daten an die Bundesrepublik. Drei Jahre dauerte es, bis die letzte der 381 CDs in Berlin eintraf. "Geheimdienste trennen sich immer ungern von Geheimem", erklärt Birthler den langwierigen Prozess. In den nächsten Monaten werden 50 Mitarbeiter ihrer Behörde nun zunächst damit beschäftigt sein, die Dateien technisch aufzuarbeiten. Erst zum Ende des Jahres werden sie komplett nutzbar sein. Spektakuläre Enthüllungen erwartet Birthler nicht. Die Ermittlungsbehörden hätten die strafrechtlich relevanten Erkenntnisse bereits aus den Dateien herausgefiltert und für insgesamt 1.500 Spionage-Verfahren genutzt.

Die Auslandsspionage in den letzten Jahren der DDR ist nach Angaben der Birthler-Behörde ohnehin bereits weitgehend erforscht. Erkenntnisse seien vor allem für frühere Spionagefälle und das Inlandsnetz der Hauptverwaltung A zu erwarten. 1989 unterstützten noch 10.000 DDR-Bürger die Westarbeit der Stasi, in Westdeutschland gab es nach Angaben der Birthler-Behörde zuletzt noch 3.500 Stasi-Spitzel. Insgesamt spionierten zwischen 1950 und 1989 mindestens 12.000 Bundesbürger für den DDR-Geheimdienst.

Überprüfung von Parlamentariern könnte neu aufgerollt werden

Die "Rosenholz"-Dateien könnten neben der Forschung auch noch einen anderen Zweck erfüllen. Die Überprüfung von Parlamentariern oder Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes auf Stasi-Mitarbeit könnte neu aufgerollt werden. Birthler hat einen solchen Schritt für ihre eigene Behörde bereits angekündigt. Eine Empfehlung für andere Stellen wollte sie allerdings nicht abgeben.

Michael Fischer