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Satire: "Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf" - wie die "Titanic" (mal wieder) für Verwirrung sorgt

In der "Titanic"-Redaktion in Frankfurt dürften die Sektkorken knallen. Wieder einmal konnten sie Journalisten ohne viel Mühe mit einem Fake hinters Licht führen. Der Vorfall zeigt die derzeitige Atemlosigkeit des Politik- und Medienbetriebs.

"Titanic"-Fake, Horst Seehofer, Angela Merkel

Der "Titanic"-Fake sorgte für Aufregung in deutschen Redaktionen

Getty Images

"EIL-HR-Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf" - Die Eilmeldung der Nachrichtenagentur Reuters schlug in deutschen Redaktionen ein wie ein Bombe: Der Showdown zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer ist zu Ende gegangen, mit dem historischen Bruch zwischen der CDU und ihrer bayerischen Schwesterpartei CSU. So schien es, für einige Minuten. 

Auf unzähligen Smartphones gingen Pushmitteilungen der Nachrichtenportale ein: N-TV, "Focus", "Bild", veröffentlichten eilig Artikel. Andere, wie die "Süddeutsche Zeitung", die "Tagesschau" oder der stern verzichteten darauf.

Die Eilmeldung sorgte für Aufregung

Die Eilmeldung sorgte für Aufregung

Wer mitmachte, musste seine Meldung kurz darauf korrigieren. Reuters war einem Fake von "Titanic"-Redakteur Moritz Hürtgen aufgesessen. Aus dem Namen seines Twitteraccounts "@hrtgn", der sich aus den Konsonanten seines Nachnamens zusammensetzt, bastelte er sich die Bezeichnung "HR Tagesgeschehen", also einen vermeintlichen Newsaccount des Hessischen Rundfunks (HR).

An seine über 7000 Follower versandte er um 11.56 Uhr folgenden Tweet: "+++ Breaking - Politbombe platzt in Hessen +++ Seehofer kündigt laut interner Bouffier-Mail Unionsbündnis mit CDU auf +++ Merkel informiert, PK gegen 15 Uhr +++ Details folgen!"

Der Tweet des "Titanic"-Redakteurs

Der Tweet des "Titanic"-Redakteurs

Hürtgen besitzt sogar den blauen Haken, der ihn als von Twitter verifiziert ausweist - bloß hatte er diesen erhalten, als er noch unter seinem bürgerlichen Namen twitterte. Die Änderung des Benutzernamens ist ein Kinderspiel und mit wenigen Klicks erledigt. Ein "HR Tagesgeschehen" gibt es nicht, die entsprechenden Info-Angebote des Senders heißen etwa "HR Hessenschau" und "HR Info".

Reuters verließ sich auf Seehofer-Tweet der "Titanic"

Auf den Tweet Hürtgens verließ sich Reuters und verbreitete um 12.21 Uhr die Eilmeldung, um neun Minuten später zurückzurudern: "EIL-CSU - Angeblicher Rückzug aus Unionsgemenschaft ist 'Quatsch'", hieß es dann unter Berufung auf den Vize-Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hans Michelbach. Auch im Bundestag, der zu der Zeit tagte, hatte die Eilmeldung schon für Unruhe gesorgt. 

Wenig später klärte Reuters auf: "Reuters zieht die Eilmeldung 'HR - Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf' zurück. Die Quelle HR bezog sich auf den Twitter-Account 'HR Tagesgeschehen', bei dem es sich nicht um einen Account des Hessischen Rundfunks handelt."

Die falsche Eilmeldung wirft einmal mehr ein Licht auf den bisweilen völlig überhitzten politischen und medialen Diskurs. Politiker und Journalisten sind getrieben, müssen schnelle Schlagzeilen produzieren, es gibt keine Atempause. So bleibt die Sorgfalt auf der Strecke, alles wird für möglich gehalten. Wobei vieles, was derzeit rund um die Union in Berlin geschieht, von Beobachtern ohnehin als Satire bewertet werden kann. 

Dabei wäre der Fake in diesem Fall leicht zu enttarnen gewesen. Der Twitteraccount weist unter den Kontaktdaten eine Frankfurter Telefonnummer auf: (069) 97050***. Die Rufnummer der "Titanic"-Redaktion ist (069) 97050***. Auch die kürzlich verbreiteten Inhalte auf dem Kanal sprechen nicht unbedingt dafür, dass es sich dabei um ein Angebot des Hessischen Rundfunks handelt: eine Mischung aus Humor und persönlichen Anekdoten. Erst seit Donnerstagabend wurde der Account mit Neuigkeiten aus Hessen befüllt.

Der "Titanic" kann die Aufmerksamkeit für den Account ihres Redakteurs recht sein: Sie versucht zurzeit Digital-Abos an den Mann oder die Frau zu bringen. 

Es ist bei Weitem nicht das erste mal, dass es dem Satiremagazin gelingt, Medien auf die falsche Fährte zu führen. Erst im Februar hatte sie zum Beispiel der "Bild"-Zeitung eine angebliche Schmutzkampagne bei der SPD von Juso-Chef Kevin Kühnert untergejubelt. 

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