AFGHANISTAN-KONFERENZ Ohne Frieden kein Geld


Nach 23 Jahren Krieg in Afghanistan hat jetzt die Diplomatie das Wort. Die Delegierten in Bonn wissen aber: Ohne Einigung auf eine Übergangsregierung können sie nicht mit Finanzhilfen aus dem Ausland rechnen.

Die politischen Reden begannen mit der Anrufung des Allmächtigen. »Im Namen Gottes hoffen wir, dass das geschundene afghanische Volk seinen Platz in der internationalen Gemeinschaft wiederfindet«, so leitete nahezu jeder Delegationschef der vier Gruppen, die auf der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn nach Lösungsansätzen für eine bessere Zukunft des vom Krieg zerstörten Landes suchen, seine Worte ein. Es war kurz nach 10.00 Uhr, als Außenminister Joschka Fischer und der UN-Sonderbeauftragte Lakhdar Brahimi die Konferenz eröffneten.

»Sie zuerst und vor allem tragen eine große Verantwortung für die Zukunft Ihres Landes«, sagte Fischer. Die eigens aus London eingeflogenen vier Dolmetscher übersetzen die Ministerworte in die afghanischen Landessprachen Dari und Pashto. Um den runden Mahagoni- Tisch und auf schwarzen Ledersesseln saßen 38 Abgesandte aus Afghanistan und aus dem Exil, in das sie mehr als 20 Jahre Krieg aus vielerlei Gründen getrieben hat. Was unter der Taliban-Herrschaft undenkbar war, ist plötzlich Wirklichkeit: Direkt am Verhandlungstisch in der Petersberger Rotunde sassen auch zwei Frauen, unverschleiert, den Kopf mit einem Tuch bedeckt. Eine der Frauen hatte inmitten der Männer der Nordallianz Platz genommen.

»Große Chance zum Frieden und Wiederaufbau«

»Afghanistan hat nunmehr eine große Chance zum Frieden und Wiederaufbau, die Chance zu einem einigen, unabhängigen Afghanistan«, betonte Fischer. Der Optimismus, den der deutsche Außenminister und der UN-Sonderbeauftragte Brahimi

verbreiteten, schien sich auch auf die Delegationen auszuwirken. Alle Redner bekundeten in der ersten Plenarsitzung der Konferenz ihren Willen zum Frieden und Ausgleich. Einige, wie der Innenminister der Nord-Allianz Junus Kanuni, sprangen sogar über ihren Schatten: »Es ist keine Ehre, die Macht mit den anderen nicht zu teilen«, sagte der Repräsentant der in weiten

Teile Afghanistans siegreichen Allianz, die auf dem Petersberg als »Vereinte Front« firmiert.

Skepsis unter den internationalen Beobachtern

Die Rückkehr zur Normalität und der Weg aus jahrelanger fundamentalistischer Unterjochung schien in den ersten Stunden den Geist der Gespräche zu prägen. Im Gästehaus der Bundesregierung, wo in der Vergangenheit schon viele Auswege aus Krisen gefunden wurden, gilt es jetzt den Grundstein für ein Regierungssystem zu legen, an dem alle beteiligt sind. Aus den Reihen der internationalen Beobachter kam aber auch Skepsis. Viele von denen, die jetzt am Verhandlungstisch sitzen, waren noch vor kurzem erbitterte Gegner. Über den Wolken, die den Petersberg wie eine graue Mauer umhüllten und jede Sicht ins liebliche Rheintal verhinderten, ist die Hoffnung nicht grenzenlos.

Die Europäische Union sei in erheblichem Umfang bereit, sich langfristig am wirtschaftlichen und sozialen Aufbau Afghanistans zu beteiligen, versicherte Fischer. Erfreut nahmen dies die 38 Delegierten, von denen nur wenige in ihrer typischen Landeskleidung und mit Turban erschienen waren, zur Kenntnis. Wohl mit Absicht wurde am Rande der Konferenz bekannt, dass die Vereinten Nationen mit Hilfe der westlichen Industrienationen eine 12jährige Entwicklungshilfe auflegen wollen. Eines der Hauptprobleme könnte die Sicherheitsstruktur des Landes zu sein, bis die Machtverhältnisse in Afghanistan geklärt sind.

Sicherheit wurde groß geschrieben

Sicherheit wurde in Königswinter bei Bonn schon jetzt groß geschrieben: Polizeifahrzeuge - auch gepanzerte - an jeder Ecke. Beobachter, die zur ersten Plenarsitzung auf den Petersberg durften, mussten durch elektronische Schleusen und wie Säuglinge in Krankenhäusern ein gelbes Plastik-Armband tragen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker