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70 Jahre stern: Angela Merkels weiter Weg

Kein Pathos. Viel "Muss ja". Angela Merkel hat die Republik die neue Nüchternheit gelehrt. Der stern war nicht immer auf ihrer Seite, aber oft in ihrer Nähe.

1990: Vorsichtige Schritte  Vor den ersten gesamtdeutschen Wahlen tourt Angela Merkel, damals 36, durch den Wahlkreis 267 - und schaut auf ein paar Schnäpse auch bei den Fischern auf Rügen vorbei. Sie gewinnt das Direktmandat

1990: Vorsichtige Schritte

Vor den ersten gesamtdeutschen Wahlen tourt Angela Merkel, damals 36, durch den Wahlkreis 267 - und schaut auf ein paar Schnäpse auch bei den Fischern auf Rügen vorbei. Sie gewinnt das Direktmandat

Nein, das hätte sie so niemals kommen sehen. Und wenn wir ehrlich sind – der stern auch nicht.

Ein Bild aus dem Juni 2018, gemalt wie vom frühen Gerhard Richter. Titel: Der Bruch des Westens. Ein Augenblick nur im endlosen Fluss der Geschichte. G7-Gipfel im kanadischen Charlevoix, die Wichtigen der Welt unter sich – ratlos verhakt. Und sie? Mittendrin. Fast in Herrscherpose, den mächtigsten Mann der Welt fixierend. Nicht verächtlich, das nicht, so ist sie nicht, war sie nie. Aber doch sehr kühl und auf Distanz. Sie, Angela Merkel – auf Distanz zu einem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dem Land, ausgerechnet, das doch mal ihr Hoffnungsland war.

Sie sagt nun Sätze wie: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Gar nicht lange her, dass das, aus ihrem Mund, unvorstellbare Sätze gewesen wären.

Die Zeiten ändern sich – und wir uns in ihnen.

Und manchmal, weil wir es müssen.

Angela Merkel: Gegen alle Widerstände

Angela Merkel hat das zweimal erlebt. Einmal als eifrig lernende Zuschauerin der innerdeutschen Wende, einmal als nicht minder lernende Hauptdarstellerin auf internationaler Bühne. Dass aber eine ganze Welt binnen weniger als einer Generation schon wieder derart ins Schlingern geraten könnte, das hat sich, ganz sicher, auch diese Kanzlerin so nicht ausgemalt. Dabei hat Merkel, die die Probleme vom Ende her denkt, aber sich mit ihnen erst zu beschäftigen pflegt, wenn sie vor ihr auf dem Tisch liegen, durchaus eine profunde Vorstellungskraft.

Auf dem G7-Gipfel im Juni steht Merkel im Kreise der Mächtigen - und in Konfrontation mit Donald Trump

2018 - Neue Richtung

Auf dem G7-Gipfel im Juni steht Merkel im Kreise der Mächtigen - und in Konfrontation mit Donald Trump

DPA

Sie ist einen weiten Weg gegangen, von jenem Fischerhüttenbesuch auf der Ostseeinsel Rügen im November 1990, wo in einer kurzen Pause ihres ersten Bundestagswahlkampfs jenes Ikonenbild entstand, das heute, keine drei Jahrzehnte später, wirkt wie aus einer anderen, längst untergegangenen Welt. Die Neunziger, sie waren, wie der Liedermacher Rainald Grebe so schön singt, eine "andere Epoche – war das im Pleistozän oder letzte Woche?“ Es ist jedenfalls ein in mildes Licht getauchter, letzter Blick auf die Hinterlassenschaft des real schon nicht mehr existierenden Sozialismus.

Die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur und den weiten Gewändern hat dann nur einen Monat später sehr souverän mit exakt 48,5 Prozent der Erststimmen den Wahlkreis, zu dem die Insel Rügen gehört, für die CDU des Einheitskanzlers Helmut Kohl geholt. Da war sie 36.

Doch ein weiter Weg war es von da noch immer bis zu ihrer eigenen ersten Kanzlerschaft im Jahr 2005 – against all odds, wie man im Englischen sagt, gegen alle Widerstände. Und gegen alle Wahrscheinlichkeit. Und, sozusagen on top, auch gegen die energische Kurzzeitprognose von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der ihr noch am Bundestagswahlabend des 18. September 2005 unter Zuhilfenahme eines (un)gehörigen Quantums Testosteron vor laufenden Fernsehkameras prophezeite: Sie werden es nicht! Knapp neun Wochen später wurde sie als siebte Kanzlerin der Bundesrepublik vereidigt. Da war sie 51.

Der stern hat 18 Titel mit der Frau bestritten, die es als erste Regierungschefin der Bundesrepublik Deutschland ohne jeden Zweifel in die Geschichtsbücher schaffen wird. Auf der Skala der stern-Titelhelden liegt sie damit (noch) auf Platz 3 – hinter Helmut Kohl (wahrscheinlich für immer uneinholbar) und Helmut Schmidt. Mal war sie Eiskönigin, mal Angela Kohl. Mal allein in Europa, mal im freien Fall.

Der stern war nicht immer auf ihrer Seite - aber oft in der Nähe

Man kann daran gut ablesen: Der stern war in all den Jahren nicht immer auf ihrer Seite, oft aber in ihrer Nähe – wenn auch beileibe nicht so oft, wie wir das gern gewollt hätten. Aber Nähe ist nun mal ihre Sache nicht. Ist es nie gewesen. Wird es nie werden.

Sie hat ein paar wohlbegründete und niveauvolle Rücktrittsforderungen überstanden (die nichts, aber auch gar nichts mit dem tumben "Merkel muss weg“-Gebrüll dieser Tage gemein hatten) – und auch jene präzise aufs Jahr 2016 datierte Ausstiegsprognose unseres Kolumnisten Hans-Ulrich Jörges, nun ja, ausgesessen. Es war einfach noch zu viel zu tun. Statt, wie von Jörges vorhergesagt, mit dem emeritierten Ehemann Joachim Sauer die Panamericana entlangzureisen, hat sie seitdem sogar ihren größten Wandel vollzogen – eine Art gesinnungsethische Justierung ihrer ansonsten von pragmatischer Nüchternheit durchzogenen Merkel-Politik.

Keine Frage: Es wird die Flüchtlingspolitik sein, die später einmal in einem Atemzug mit ihrem Namen genannt werden wird, noch weit vor ihrem rastlosen Krisenmanagement, das mit der Finanzkrise 2008 begann und seitdem eigentlich nicht mehr aufgehört hat. Ein Umstand, der auch ganz wesentlich dazu beige tragen hat, dass Merkel den 70. Geburtstag des stern als Kanzlerin und nicht im Ruhestand erlebt, weil ihr schlicht die Vorstellungskraft fehlte, wie es ohne sie denn weitergehen solle mit dieser Welt und all ihren noch immer ungelösten Krisen und den immer dünner werdenden Stimmchen der Vernunft.

Und ja, dies ist nun eine gut geeignete Stelle, noch einmal zurückzublicken auf das Bild aus Charlevoix – sie, Merkel, im Blickduell mit dem irren Trump. Wer genau hinschaut, der kann Emmanuel Macron entdecken, den französischen Präsidenten. Es gibt, aus französischem Blickwinkel aufgenommen, die gleiche Szene – mit Macron im Zentrum. Wer die Bilder nebeneinanderlegt, bekommt einen Eindruck davon, wie gnadenlos einfach sich in unserer bildgetriebenen Welt die interpretatorischen Gewichte verschieben lassen. Ein Mausklick genügt.

Sie ist also gar nicht so einfach vorzunehmen, die präzise Verortung der Angela Merkel in dieser aufgewühlten Welt. Dreht sich diese Welt noch um sie – sonnenköniginnenhaft? Oder wenigstens Europa? Wohl eher nicht. Zu viel ist auf dem Kontinent kaputtgegangen in den vergangenen Jahren. Merkel muss kämpfen, um das, was ihr wichtig ist, den Zusammenhalt der Wertegemeinschaft, die Einsicht, es nur gemeinsam zu schaffen, kompromissbereit zu sein, in Zeiten der grassierenden Nationalismen. Es ist dies auch der Kampf um den Fortbestand ihres Politikbegriffs. Jene schier immerwährende Suche nach Ausgleich mit eingebauter Endlosgesprächsbereitschaft. Ist Merkels Politikstil noch zeitgemäß? Die Frage muss man stellen.

Es wäre jetzt typisch für uns, hier Skepsis anzumahnen. Vorbei, die Merkel-Zeiten, in denen ... Stopp. Heute nicht. Zu groß die Gefahr, sich im nächsten Jubiläumsheft korrigieren zu müssen. Mittlerweile haben ja sogar die Ambitionierten im Berliner Kosmos wieder die Worthülsen in Gebrauch, wonach noch gar nicht ausgemacht sei, dass mit Ablauf der Legislaturperiode Schluss sei.

Das uckermärkische "Muss Ja"

Es ist ein paar Jahre her, Heiner Geißler, der frühere CDU-Generalsekretär, lebte noch, da hat Angela Merkel ihm zum 80. Geburtstag Richard Wagners "Ring des Nibelungen“ geschenkt. Sie mag die Musik – aber ihr gefällt auch die Geschichte, schon deshalb, "weil gleich am Anfang klar ist, dass es nicht mehr gut werden kann und es trotzdem so menschlich weitergeht“.

Man möchte sie küssen, die Kanzlerin, für diese vor Lakonie nur so triefende Sicht der Dinge – das Einfinden in das Notwendige unter Verzicht auf jegliches Lamento. Dieses staubtrockene, uckermärkische "Muss ja“, die Absage an jegliches Pathos. Es war stilbildend, es ist es noch.

Angela Merkel hat der Republik eingehöriges Quantum Nüchternheit verordnet. Man kann auch sagen: Sie hat sich geweigert, nach den Spielregeln der Wallungsdemokratie zu agieren. Auch das hat erheblich zu ihrem Machterhalt beigetragen.

Deutschland hat sich verändert in und unter demnächst 13 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel. Sie ist nicht für alles verantwortlich, geschweige denn an allem schuld. Manches lief auch ohne sie. Manches ging an ihr vorbei. Und einiges hat sie zu spät kommen sehen.

Ihr weiter Weg ist noch nicht zu Ende. Sehr wahrscheinlich, dass sie Helmut Schmidt bei den stern-Titeln doch noch überholt.

Dieses Stück ist aus dem aktuellen Jubiläums-stern entnommen: