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Pressestimmen

Verzicht auf CDU-Parteivorsitz: "Vielleicht vermag sie bald noch einmal zu überraschen" – das Presse-Urteil zu Merkel

Am Schluss war der Druck dann doch zu groß. Angela Merkel musste reagieren - und trennt sich vom CDU-Vorsitz. Das Echo in den Medien auf dieses Manöver ist groß.

Angela Merkel

Angela Merkel hat sich zu einem historischen Schritt entschlossen: Sie will ihre Ämter in den nächsten drei Jahren aufgeben

Getty Images

Nun hat sie es also doch getan: Angela Merkel gibt ihr Amt als CDU-Vorsitzende im Dezember auf. Auch ihre Kanzlerschaft will sie 2021 ausklingen lassen. Damit kündigt sich eine Zeitenwende in der Politik an. Die Kommentatoren bewerten dieses Manöver sehr unterschiedlich. Manche zollen ihr Respekt für diesen Schritt, andere unterstellen ihr reine Taktik. 

Die "Welt": Am Ende ging es schneller als gedacht. Die unhaltbaren Zustände in der Union wurden nach dem erneuten Wahldebakel in Hessen unerträglich. Jetzt steht eine Richtungswahl an für eine Partei, die in den vergangenen Jahren konsequent vergessen hat, was sie will. Angela Merkel hat die CDU in einen Pragmatismus manövriert, der die Partei von ihrem Erbe und ihrer Tradition isolierte.

"Süddeutsche Zeitung": Das Bittere war und ist, dass man seit ihrer Wiederwahl die Lust- und Kraftlosigkeit der Kanzlerin spürt. Regierungserfahrung, Seriosität und Solidität sind ein schöner Dreiklang, aber keine Garantie auf Erfolg. Merkels Erfolgsrezept war der Erfolg - solange sie ihn hatte; seitdem er bröckelte und schließlich ausblieb, wuchsen die Zweifel an ihrer Führungsstärke. In der gerade noch rechtzeitigen Abgabe der Parteiführung hat sie die Kraft noch einmal aktiviert. Mit dem Parteivorsitz schwindet die Macht zu regieren.

"Spiegel": Auch Merkels härteste Gegner in der Opposition müssen nun umdenken, sich womöglich schneller als geplant auf eine Zeit ohne sie einstellen. Niemand kann derzeit garantieren, dass die Große Koalition bis 2021 hält - angesichts der ständigen Unruhe in der SPD. Ein vorzeitiger Bruch mit Neuwahlen, ohne Merkel, ist eine Option in den kommenden Monaten. Alles ist derzeit im Fluss.

"Heilbronner Stimme": Es stellt der Kanzlerin kein gutes Zeugnis aus, dass sie diesen Rückzug angeblich schon in der Sommerpause für sich entschieden hat. In die Wahlkämpfe ging sie mit einer anderen Wahrnehmung - und dafür wurden die Unionsparteien abgestraft. ... Dass sie aber das Steuer des Landes noch drei Jahre lang in Händen halten kann, ist kaum denkbar."

"Nürnberger Zeitung": Merz gäbe all jenen in der Union Hoffnung, die endlich das konservative Element gestärkt sehen wollen, und das sind nicht wenige. ... Doch er ist seit 2009 nicht mehr in der aktiven Politik tätig. Wenn er einen neuen Anlauf wagt, wird es spannend. Vor allem, wenn man an die Zeit nach Merkel denkt.

"Sächsische Zeitung": Nach 18 Jahren leitet Angela Merkel den fälligen Machtwechsel an der Spitze der Union ein - bevor andere es machen. Besonders froh und erleichtert dürften ihre Parteifreunde in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sein. Die Entscheidung wird den ostdeutschen CDU-Wahlkämpfern im nächsten Jahr enorm helfen. ... Mit der Wahl von Friedrich Merz oder Jens Spahn würde sich die CDU spürbar verändern.

"Leipziger Volkszeitung": Merkel war klug beraten, keine namentliche Empfehlung für ihre Nachfolge auszusprechen, auch wenn jeder ahnt, dass sie ihre treue Dienerin Annegret Kramp-Karrenbauer für die geeignete Kandidatin hält. ... Sie will anschließend weder als einfache Abgeordnete im Bundestags sitzen noch "weitere politische Ämter" anstreben. Sie hat also klargestellt, dass sie in der Causa Merkel Nachfolge keinerlei eigene Aktien hat. Das verleiht ihr für die Gestaltung des anstehenden Prozesses eine besondere Glaubwürdigkeit.

Die "Zeit": Merkel, der man nachsagt, alles vom Ende her zu denken, hat die Größe bewiesen, endlich auch ihr eigenes Ende mitzudenken. Sie ist uneitel genug, sich selbst für ersetzlich zu halten. ... Mehr noch: Merkel hat erkannt, dass mit ihr an der Spitze der Abstieg der Union zu einer 20+x-Partei unaufhaltsam und unumkehrbar gewesen wäre. Eine sicherlich schmerzhafte Einsicht - die im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass all jene recht haben, die seit Jahren brüllen: "Merkel muss weg!"

"Mitteldeutsche Zeitung": Wenn nicht noch etwas dazwischen kommt, beendet Merkel ihre Amtszeit als historische Figur: Nicht nur als erste Frau im Kanzleramt, nicht nur als Ewigkeitskanzlerin, sondern auch als erste und einzige deutsche Regierungschefin, die sich selbstbestimmt aus dem Amt zurückzieht, nicht durch Abwahl oder einen Skandal.

"Straubinger Tagblatt": Mit ihrer Rückzugsankündigung hat Merkel jedenfalls für eine riesige Überraschung gesorgt. Doch sollte sie vorsichtig sein. Ihre Macht wird nun, nach ihrem selbst gesteckten Ausstiegsweg, schneller schwinden, als es ihr lieb sein kann. Wenn sie wirklich möglichst autonom über ihr Schicksal entscheiden will ..., sollte sie zumindest für sich bald weitere Entscheidungen treffen. Vielleicht vermag Merkel bald noch einmal zu überraschen.

Internationale, deutschsprachige Reaktionen aus Österreich und der Schweiz:

"Die Presse": Die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz ist ein fataler Fehler. Sie bedeutet einen "Autoritätsverlust auf ganzer Linie" und den "Anfang vom Ende" einer Kanzlerschaft. Es ist eine brutale Analyse. Sie stammt von Angela Merkel, aus dem Jahr 2004. Parteivorsitz und Kanzlerschaft gehören zusammen: Das war ein ehernes Prinzip der deutschen Regierungschefin. Sie wiederholte es immer wieder. Bis gestern, als die mächtigste Frau Europas ihre Grundsätze brach und nach 18 Jahren an der Spitze der CDU ihren Verzicht auf das Amt des Parteichefs kundtat. Im Angesicht von Umfragetiefs und Wahlpleiten räumte Merkel auch ein zweites ihrer Machtprinzipien ab: Nenne kein Ablaufdatum! "Die vierte Amtszeit ist meine letzte", sprach die Kanzlerin. Angela Merkel hätte besser bei Angela Merkel nachgelesen.

"Der Standard": Jeder weiß, sie wird nicht mehr lange da sein, sie hat jetzt ein Ablaufdatum, das schneller kommen könnte, wenn es in Berlin tatsächlich auf Neuwahlen hinausläuft. Und ob der oder die Neue sie bei normalem Verlauf der Legislaturperiode tatsächlich noch bis 2021 als Kanzlerin akzeptieren wird, ist ebenfalls sehr fraglich. Die Zeit für Merkel könnte also sehr viel schneller ablaufen, als diese es in ihrer Abschiedsrevue den Bürgerinnen und Bürgern so schön vormacht. Das ist ein Risiko, das Merkel wohl selbst auch sieht. Aber es erschien ihr als das geringere Übel als zu bleiben und zu riskieren, dass sie nach einem eventuellen Verlust des Kanzleramtes nach der nächsten Wahl mit Schimpf und Schande davongejagt wird.

"Neue Zürcher Zeitung": Stattdessen muten ihre Ankündigungen eher als ein Manöver an, das die verbliebene Macht noch so lange wie möglich in die Zukunft hinüberretten soll. Der Verzicht auf das Parteiamt ist ein Blitzableiter. An der neuen Person an der Parteispitze und an den Kämpfen um die nächste Kanzlerkandidatur sollen sich in den kommenden Jahren die Medien und die politische Konkurrenz innerhalb und ausserhalb der Partei abarbeiten, während die Grand Old Lady im Kanzleramt noch drei Jahre lang weiter die Fäden zieht.

sos / DPA / AFP