Angela Merkel Die Turnhallenaufsicht der großen Koalition


Ihr Vorbild ist Franz Beckenbauer, sie imitiert Staatschefs, und wenn es ihr schlecht geht, interessieren sie nur SMS. Warum das erste Regierungsjahr der Angela Merkel einer Hamlet-Tragödie gleicht.
Von Ulrike Posche

Erst denkt man, es liege vielleicht am Licht, oder am Ausschnitt. Aber dann sieht man, wie ihr evangelisches Lächeln Mühe hat, sich aus den Mundwinkeln durch die Wangen zu boxen. Ganz klar: die Kanzlerin hat im Laufe ihres ersten Regierungsjahres einen dickeren Hals bekommen. Und Wutbacken. Als hätte sich jede heruntergeschluckte Streiterei in den Seitenflanken südlich des Kinns verschanzt; als hätten sich flach gehaltene Auseinandersetzungen mit den eigenen Leuten und denen der anderen rings um ihren Kehlkopf niedergelassen. Gesundheitsreform, Landtagswahlen, Wulffkochstoibermüller – der ganze Krempel liegt jetzt auf Halde gleich neben den Stimmbändern. Und dann der Frust, wenn man von Super-Angie zur Kanns-nicht-Merkel heruntergetuschelt und herab geschrieben wird. Der sitzt jetzt natürlich auch da irgendwo in den Polstern des Halses.

"Machs wie der Franz"

An einem Abend im Herbst sollte Angela Merkel Franz Beckenbauer loben und sie sollte lächeln. Es fiel ihr nicht schwer, den zu "laudatieren", wie sie sagte. Sie mag ihn wirklich und so viel Lorbeer kann gar nicht wachsen, wie sie für den Kranz verbrauchte, den sie ihm wand. Sie nähme sich stets ein Beispiel an ihm, wenn sie in der Bredouille sei, bekannte die Merkel: "Mach’s wie der Franz, bewahr’ die Ruhe!" Und dann kam der Kaiser auf die Bühne, dankte ihr höflich, nahm den Preis, g’stanzlte etwas von Ehre, "gerade aus ihrer Hand" und so weiter, und wandte sich herzlich und launig an seinen Golf-Kumpel in der ersten Reihe, "Gell, Hubert, passt scho". Dabei hatte er eine Hand in der Hosentasche, was lässig wirken sollte.

Die meisten Männer in Merkels Umgebung glauben, dass das lässig wirkt. Sogar Tony Blair und Bush und Putin. Sie dagegen hielt die Hände wie üblich unter der Brust. Wie einer dieser historischen Bakelit-Osterhasen, die es in schicken Deko-Läden zu kaufen gibt. Wo soll sie auch sonst mit den Händen hin? Ihre Hosen haben meist keine Taschen. Beckenbauer hätte nun eigentlich die Kanzlerin loben können, weil die während der WM so telegen mitgefiebert und die Welt mit ihrem sympathischen Jubeln überrascht hatte, während die deutsche Nationalmannschaft – man muss das ja mal offen sagen - im Grunde bloß hinterm Ergebnis der WM 2002 zurück geblieben war. Etwas in der Art hätte Franz Beckenbauer sagen können. Er hätte einfach mal Angela Merkel zurückloben können. Machte er aber nicht. Macht nie einer.

Offenbar genieren sich potentielle Fürsprecher im Hinblick auf den, der möglicherweise nach ihr kommen könnte - 2007, 2008, 2009 – man weiß ja nie, wie lange das Großkoalitionskonstrukt überhaupt hält. Und dann hat man sich vorschnell aus dem Fenster gelehnt, ist als "Kanzlerinnen-Lober" verbrannt, verpönt, verdorben.

Wie war es in der Kabine?

"Frau Merkel, Sie haben ja die Mannschaft in der Kabine besuchen dürfen", will die Moderatorin des Abends wissen, "wie war das?" Frau Merkel überlegt kurz und sagt dann im Ton einer gutmütigen Turnhallenaufsicht: "Na ja, ich war auch im Sportunterricht schon mal in einer Umkleide-Kabine". Sie sei ganz froh, dass sie die Jungs zuvor bereits mal in einem anderen Zustand gesehen habe. Wie also war es in der Kabine? "Hm, wie soll es da sein? Die ziehen die Schuhe aus und es riecht ein bisschen....".

Angela Merkel, 52, ist seit einem Jahr Bundeskanzlerin. Sie mag die "mächtigste Frau der Welt" (Forbes-Liste) sein, sie mag eine hervorragend moderierende Außenkanzlerin sein, Blairs Chancellor Mörkel und Putins Gospodina Angela; sie mag auf gutem Fuß sein mit dem Libanesen Siniora und dem Kalifornier Klinsmann, mit den Männern und den Mächtigen der Welt. Französische Handküsse und amerikanische Nackenmassagen, Wohl und Weihen von allen Seiten. Nur in Deutschland, da ist es immer noch ein bisschen so, wie in der Umkleidekabine: Irgendwer zieht garantiert gerade sein Schuhe aus und setzt eine Duftmarke.

Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen saß gerade noch neben der Kanzlerin in einer Düsseldorfer Feierstunde. Sie haben miteinander gekichert oder lauthals gelacht. Sein Vorgänger, der heutige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück konnte das von seinem Platz aus genau beobachten. Angela Merkel hielt dann eine schöne Rede auf das Bindestrich-Land, die Leute waren ergriffen. Rüttgers sprach im Anschluss wie Johannes Rau. Da waren die Leute noch ergriffener.

Und weil ihm einmal so sozialdemokratisch ums Herz geworden war, hat er kurz darauf den Vorschlag gemacht, das Hartz-Gesetz zu ändern, also die Dinge "im unteren Segment der Wählerschaft" zu verändern. Der SPD-Wählerschaft. Wer länger gearbeitet hat, soll auch länger Arbeitslosengeld kriegen, und so weiter – das ist ja alles bekannt. Rüttgers macht neuerdings viele, wie er sagt "revolutionäre" Vorschäge. Vor Wochen hat er Jürgen Habermas, den linken Vordenker der 68er, mit dem Staatspreis ausgezeichnet.

Rüttgers findet es zum Kotzen

Jetzt sitzt Rüttgers allein in seinem Büro, dem zweitschönsten der Welt. Er guckt auf den Rhein. Er soll von seinem Verhältnis zur Kanzlerin erzählen. Aber das ist es ja gerade. Rüttgers findet es zum Kotzen, wie da dauernd ein Keil in ihr Verhältnis hinein interpretiert wird. Es habe in all den Jahren keinen gegeben, der sie so loyal unterstützt habe, wie er – "damals sogar bis vor das Ortsschild von Wolfratshausen", dem Wohnort Edmund Stoibers.

Er sei gut mir ihr, sagt Rüttgers, sie wisse, was er denkt. Er weiß, wie sie denkt. Gemeinsam wollen sie, dass die CDU irgendwann wieder mit der FDP eine Bürgerliche Koalition bilden kann. Nicht mehr, nicht weniger. "Aber jeder von uns befindet sich eben in einem System komplexer Bedingtheiten", sinniert Jürgen Rüttgers.

System Merkel gefeiert

Auf dem CDU-Parteitag Ende November haben dann die Delegierten das System Rüttgers komplex abgestraft, und das System Merkel mit zusammen gebissenen Zähnen gefeiert. Harmonie ist Christdemokraten unerträglich. Einer muss immer der Watschenmann sein. "Ich jedenfalls empfinde keine Mühe, die Kanzlerin zu loben", schnarrt Peer Steinbrück, der SPD-Minister. "Sie ist interessiert, sie will jedes Detail wissen, sie treibt kein Schindluder mit Informationen. Sie simst, sie ruft an, sie lädt ein. Ich schätze ihre Art, der direkten Kommunikation – von Hamburger zu Hamburgerin sozusagen, hä, hä, hä. Punkt aus, schönen Abend noch". So ist er, der Peer. Eine Powerpoint-Präsentation auf zwei Beinen. Kein Wunder, dass die gemütlichen NRW-Menschen zwischen Hückeswagen und Hückelhoven mit Peers nordelbischem Charme nicht klar kamen; und dass sie stattdessen den Jürgen aus Pulheim wählten.

In der Berliner Politik geht es letzten Endes immer darum, wer wem einen überbrät, und mit welchem Erfolg. Angela Merkel hat das natürlich lange durchschaut. Bereits als der heutige NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, ein gelernter Maschinenschlosser für Landmaschinen aus dem Westfälischen, kurz nach der Wahl öffentlich nörgelte, "Hörma Angela, das mit dem Wahlprogramm war wohl nich so das Gelbe vom Ei", meinten viele Hauptstädter in der Union, sie müsse dem Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft mal eins auf die Glocke geben. Hat sie aber nicht gemacht. "Sie hört sich nämlich alles in Ruhe an, dann denktSe drüber nach und dann sachtSe: Nee, da bin ich anderer Meinung, Josef." Für Laumann, der mit ihr allmontaglich in der Präsidiumssitzungen über heikle Punkte, wie den Kündigungsschutz und die Hartz-Reform streitet, hat die Kanzlerin immerhin zwei schätzenswerte Eigenschaften: "Sie ist eine kühl analysierende Frau, aber eben auch ein kameradschaftlicher Typ." Sind das nicht ideale Gemütsbedingungen, wenn man zufällig gerade eine große Koalition zu führen hat?

Bitte ein Basta

Kameradin Merkel müsse dennoch endlich mal ein Machtwort sprechen, riefen die machtwortgewöhnten Fraktionsmasochisten im Frühherbst der großen Koalition. Wenigstens ein kleines "Basta!". Aber wie soll sie denn? Wolfgang Merkel, Professor an der Humboldt-Universität, meint: "Ein autoritärer Durchgriff steht Angela Merkel nicht zur Verfügung. Durchregieren geht an Buchstaben und Wirklichkeit des Grundgesetzes vorbei. Und dafür bedürfe es auch eines erheblichen Charismas der Regierungschefin." Eben dieses notwendige Charisma besitze Merkel, die Kanzlerin, nicht, glaubt Merkel, der Professor.

Wenn einmal der Wurm drin ist, wirkt gleich die ganze Obstkiste löchrig. Hat die Physikerin Merkel womöglich ihre Betriebstemperatur noch gar nicht erreicht, wie mancher Abgeordnete auf der obersten Etage des Jakob-Kaiser-Hauses vermutet? Hat sie eventuell die Versuchsanordnung falsch gebaut, mit falschen Leuten auf wichtigen Posten? Oder fehlen ihr einfach jene Kaltblütigkeit, Begabung und der Instinkt, das in der jeweiligen Situation Gebotene zu wittern und konsequent auszuführen, wie der Humboldt-Professor glaubt? Zur Not auch qua Machtwort, oder mit einem beherzten Tritt in die – Pardon – Testikel ihrer Gegner?

Handys auf den Tisch

Karneval der Alphatiere. Es ist natürlich erstmal eine Umstellung für die Pfauen, wenn auf einmal eine Frau die Chefin im Gehege ist. Zum Beispiel im Präsidium, oder wenn sich die CDU-Ministerpräsidenten zum Gockeln treffen. Sie komme ohne Posaune, schleiche sich an, sei hinterrücks im Raum und gebe jedem die Hand, erzählt ein Landesvater aus dem Norden. Typisch Ossi, dieses Handgeben. Und dann lasse sie die Pfauen erst einmal ihre Räder schlagen, Federn spreitzen, Eier legen, gackern. "Langsam greift sie dann in die Debatte ein, kommentiert, fasst zusammen – und dann gehen alle raus und denken, sie hätten sich soeben mit dem eigenen Thema durchgesetzt". Genial. So stellt man sich eine Pastorin auf der Presbyteriumssitzung vor. Wenn Merkels Tagesform gut ist, sei sie witzig und ironisch, dann gibt Wein und Weiteres. Ist die Tagesform der Pastorentochter schlecht, interessiere sie nur, ob ihr Handy neue Kurznachrichten ausspuckt. Mancher CDU-Präside habe inzwischen selbst ein eingeschaltetes Handy auf dem Tisch, um dauernd drauf zu gucken.

Regierungssprecher Thomas Steg hat die drollige Eigenart, eine Hälfte seiner Stirn in schwere Falten zu legen, wenn er das hört. Diese Sache mit der laschen Führung.

Mit Thomas Steg ist es so, dass er bis zur Bundestagswahl 2005 als stellvertretender Büroleiter und Regierungssprecher die Reden des Kanzlers Schröder schrieb. Aber als der bei der Amtsübergabe aus dem Hauptausgang schwenkte, bog Steg mit der neuen Hausherrin zum Aufzug und zeigte deren Entourage die Sky Lobby. Kannten die ja gar nicht. Manche haben sich damals darüber gewundert, dass Steg die Geschmeidigkeit aufbrachte, für eine CDU-Kanzlerin zu sprechen. "Wir versuchen es einfach mal", hatte Angela Merkel zu ihm gesagt. Er fand das nüchtern und angemessen. Seither verstehen sie sich gut. An Angela ist Steg übrigens ohnehin gewöhnt, seine Frau heißt auch so.

Kräutertee statt Latte macchiato

Früher im Kanzleramt, da hat Steg Latte macchiato getrunken und Pfeife geraucht. Jetzt, in seinem Büro im Bundespresseamt, schenkt er sich Kräutertee ein, zwei Tassen gleichzeitig. Er ist im September den Berlin-Marathon gelaufen, drei Stunden, 49 Minuten. Er ist einer, der durchhält und durchblickt. Der Berliner Politikbetrieb schätzt ihn deshalb, sieht in ihm einen überlegenen Geist. "Führen", sagt Steg und legt die linke Hälfte der Stirn in Falten, "wer das einfordert, der denkt in aller Regel nur ans Draufhauen und meint es nicht unbedingt gut mit der Kanzlerin."

So, wie das in der Vergangenheit einmal möglich gewesen sei, zu führen, so gehe das in einer Großen Koalition heute nicht mehr. Drei Konflikte, ein Machtwort gegen die Falschen – und rumms flöge der ganze Laden auseinander, sagt einer aus der CDU-Chefetage. Wie düster das klingt, wie dräuend! Manchmal wirkt das erste Regierungsjahr der tapferen Kanzlerin wie Shakespeares Tragödie Hamlet – nur ohne den dänischen Prinzen. Irgendwas finden die Menschen an ihren Entscheidungen immer faul, und irgendwer spukt immer auf der Zinne. Kein Wunder, dass sie inzwischen einen dickeren Hals hat.

Früher trug Angela Merkel Haare und Jacken. Seitdem sie sich als Kanzlerin ums "Grand Design" kümmert, seitdem hat sie eine Frisur und Business-Anzüge. Es sind diese Jacketts mit weißen Knöpfen vorne und Schlitzen hinten. Isabellen- oder madagaskarfarben, in rot, grün oder himmelgrau, in preußischblau und caput mortuum. Sie alle stammen von Bettina Schoenbach, einer Hamburger Designerin, die Sabine Christiansen der Politikerin einst empfohlen haben soll. Seit Merkel Kanzler ist, ist Schoenbach berühmt.

Aber sprechen möchte sie nicht darüber. Nicht über Merkel, nicht über die Anzüge, die sie in einem kleinen Laden an Hamburgs Maria-Louisen-Straße verkauft. Dort brennen Kerzen auf dem Tresen, aus dem Radio tönt Roland Kaiser auf irgendeiner Oldie-Welle, und eine halbe Treppe tiefer hängen die Sakkos der Geschichte. Schweigen. "Frau Schoenbach möchte nicht nur auf ihre Merkel-Anzüge reduziert werden", sagt die PR-Dame der Designerin.

Das großartige Leben als Kanzlerin

Neulich hat Staatministerin Maria Böhmer einige Merkel-Unterstützerinnen vom "Nice-Ladies-Networking" in einen Konferenzsaal des Kanzleramtes geladen. Frau Bauknecht war mit von der Partie, die Porzellangattin Brigitte von Boch, die Schriftstellerin Gaby Hauptmann ("Nur ein toter Mann ist ein guter Mann"), Monika Griefahn von der SPD, Party-Organisatorin Isa Gräfin Hardenberg, Sabine Christiansen. Es gab italienisches Büffet und deutsche Fakten zur Migrations-Problematik.

Zur gleichen Zeit saß Angela Merkel mit der chilenischen Präsidenten Michelle Bachelet ebenfalls im Kanzleramt beim Essen. Aber um halb zwölf sei sie auf einmal überraschend in den Raum gekommen, berichten die Damen, habe sich Rotwein eingegossen und fröhlich aus ihrem Leben als Kanzlerin erzählt – großartig! Sie habe ausländische Staatschef-Typen imitiert und eigene Ministerpräsidenten - herrlich! Sie habe ganz offen über ihre Schwierigkeiten und Zwänge in der Koalition geredet. Einmal habe sie sogar nachdenklich gesagt: "Ich habe die Wahl ja auch eigentlich sooo gar nicht gewonnen". Die Ladies waren baff und begeistert -aber diskret.

Höchstens ein Sätzchen wolle sie sich zur Kanzlerin überlegen, sagt Gräfin Hardenberg. "Wer Frau Merkel einmal erlebt hat, wird für immer ihr Fan bleiben", mailt sie, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hat. Friede Springer mailt generell nichts, aus Sicherheitsgründen. Und Sabine Christiansen mailt auch nichts. Eine andere nette Lady korrigiert, es sei Weißwein gewesen, und auch erst halb zehn, als die Kanzlerin zu ihnen stieß. Zitiert werden wolle sie damit jedoch nicht.

Als Alice Schwarzer neulich mit ihrer gesamten Kölner Redaktion im Kanzleramt zu Gast war, machte Frau Merkel die Fremdenführerin und die EMMA-MacherInnen hatten fast das Gefühl, sie sei mal ganz froh über diese kleine Unterbrechung. Die Publizistin hatte vor einem Jahr, wie einige andere Journalisten aus der ersten Reihe, kaum ein Hehl aus ihrer Unterstützung für die CDU-Kandidatin gemacht. Im Unterschied zu den anderen jedoch, findet sie Angela Merkel auch heute noch gut: "Ich mag an ihr, dass sie weiß, dass Frauen eine Kategorie sind, dass sie einen Instinkt dafür hat, wo sie gelassen bleiben kann, und wo sie vorsichtig sein muss." Und es sei auch ganz nett, dass da mal kein Anhänger Macchiavellis am Werk sei. Dass die eben nicht jene, die ihr beim Aufstieg halfen, im Riss ließe und vergäße. Nicht alle jedenfalls. "Ich denke", sagt die Schwarzer mit mokantem Lächeln, "ich denke, sie hat da ein sehr, sehr gutes Gedächtnis".

Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Wirtschaftministerium, kann zumindest das mit dem Gedächtnis ohne Wenn und Aber bestätigen. Der stets zum Schmunzeln aufgelegte Nordhesse ist so etwas wie ein Hauptstädtisches Original. Ein Maverick, ein politischer Triathlet. Der parteilose Volkswirt diente als Sherpa bei G8-Gipfeln und Berater bei internationalen Konferenzen bereits Kanzler Schröder und auch Kanzler Kohl. Pfaffenbach sagt, dass Kanzlerin Merkel ihre Sache sehr gut mache, also außerordentlich gut, ziemlich gut. "Und das sage ich nicht, weil ich ein Anpasser bin", betont er. Er duzte sich mit Schröder, aber das heiße ja nicht, dass man nicht trotzdem loyal sein kann.

Turbos für die Kanzlerin

Jetzt sitzt Doktor Pfaffenbach jedenfalls direkt hinter Doktor Merkel, wenn die mit den Chefs konferiert. Im kommenden Jahr wird er dauernd dort sitzen, denn dann hat die Kanzlerin nicht nur die "Gesundheitsreformvermögensteuermehrwertsteuerdebatte" am Hals, sondern auch noch die EU-Präsidentschaft und den G8-Vorsitz. Für solche Konferenzen schreiben Pfaffenbach und die Zulieferer im Kanzleramt ihrer Chefin so genannte "Turbos". Das sind Karteikarten im Din-A-6-Format, wie auch Sandra Maischberger sie in der Talkshow benutzt. Notiert sind darauf Stichworte, die im günstigsten Falle komplexe und meist komplizierte Themen in einem Kanzlerhirn wachrufen sollen. Ein kleiner Zettel wirkt natürlich souveräner, als wenn man mit hektischen Flecken am Hals nach der entsprechenden Seite suchen muss. Aber das muss man erstmal können - auf Stichwort den Hirnordner aufblättern! Schröder konnte das. Kohl nicht. Merkel sofort.

Merkel hat nie Lampenfieber und auch keine Berührungsangst. Auf der Oktoberreise in die Türkei, zum Beispiel, erklärt sie dem Premier Tayyip Erdogan, dass der EU-Beitritt seines Landes für sie und ihre CDU erst einmal nicht in Frage komme. Sie hätte auch nett sein können, plaudern, und später eine entsprechende Presseerklärung schicken können. Aber Angsthase - das ist nicht Merkels Stil! Sie erklärt es Erdogan von Frau zu Mann, Auge in Auge: Es gibt nur eine Privilegierte Partnerschaft, basta! Bernd Pfaffenbach sagt: "Sie könnte sich das Leben sicher einfacher machen." Dann schmunzelt er wieder still vor sich hin.

Ein Jahr und einen turbulenten Monat lang ist Kanzlerin Merkel nun schon dick im Geschäft. Man kann nicht sagen, dass ihr die Fülle schlecht steht. Diese birnenförmige Veränderung ihres Gesichts sieht sogar ganz gemütlich aus. Auch ein bisschen trotzig, und entschlossen. Ihr Vorgänger hatte nach einem Jahr ein stattliches Repertoire von Sorgen- und Zornesfalten angesammelt. Das war schlimmer, machte auch älter. Und der blieb dann ja auch nur sieben Jahre. Die Kanzler mit den dickeren Hälsen bleiben allem Anschein nach länger im Amt. Aber das ist vielleicht auch nur so eine Theorie.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker