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Angela Merkel wird 55: Eine Frau im besten Mannesalter

Schöner kann's eigentlich gar nicht mehr kommen. Gut zwei Monate vor der Wahl scheint die SPD bereits geschlagen. Der US-Präsident kürt sie zur Siegerin - schon vor der Bundestagswahl. Und endlich wird's mal wieder richtig Sommer. Kein Zweifel: Frau Merkel hat einen guten Lauf. Heute wird sie 55.

Von Ulrike Posche

Klar, dass sie auch heute ganz normal zur Arbeit gegangen ist. Vom Kupfergraben rüber ins Kanzleramt, Haaremachen, Tages-Make-up, dann um halb neun in die Morgenlage. Sicher rufen Nicolas aus Paris und Dmitri aus Moskau an. Und Silvio natürlich, der wird es sich sicher nicht nehmen lassen, ihr zu gratulieren. Dann werden die Mitarbeiter sie Hoch leben lassen, eine Fraktionsabordnung vielleicht, Glückwünsche, Blumen.

Später dann schnurrt die Kanzlerin mit dem Hubschrauber in die Oberpfalz. In Neumarkt will sie die Firma Bionorica besuchen, den "Führenden Hersteller von Pflanzlichen Arzneimitteln Phytopharmaka", wie es auf der firmeneigenen Homepage heißt. Sie macht ja so was gern. Und außerdem muss sie sich im Moment um den Mittelstand kümmern.

Dabei wäre heute gerade mal ein besonders schöner Tag, um mit der ganzen Familie zu feiern.

Die Familie hätte Zeit

Merkels jüngerer Bruder, Marcus Kasner, schließt an diesem Freitag nämlich gerade seinen Vorlesungsreigen im Institut für Theoretische Physik an der Frankfurter Universität ab. Thema: "Pfadintegrale in der Quantenmechanik und in der Statistischen Physik". Merkels Mutter Herlind Kasner hat soeben das Sommersemester an der Volkshochschule Templin hinter sich gebracht. Dort unterrichtet sie, obschon 81 Jahre alt, an drei Tagen in der Woche englische Konversation. Und Papa Kasner, der 82-jährige pensionierte Pfarrer, hat ebenfalls seinen Seminarzyklus "Preußens Niedergang und Wiederaufstieg 1786-1815" an der "Kvhs-Uckermark, Regionalstelle Templin" abgeschlossen. Selbst die Praxis für Ergotherapie, die sich Merkels Schwester Irene am Prenzlauer Berg mit einer Kollegin teilt, hat am Freitagabend zu.

Es könnte ein wunderbar privater Geburtstag werden. Joachim Sauer, Merkels Ehemann und Chemiker mit Weltruf, könnte auf der Datsche in Hohenwalde Würstchen grillen. Sie könnte den Kartoffelsalat machen. Dann, lebhafte Diskussionen über theoretische Pfadintegrale, verbrannte Würstchen und englische Konversation. Wie herrlich könnte dieser schnapsrunde Geburtstag sein!

Die Kartoffel-Kanzlerin

Ihren 50. Geburtstag hat die damals bereits angehende Bundeskanzlerin noch groß und öffentlich gefeiert. Es ließ sich wohl nicht vermeiden. Viele Leute waren geladen, in der ersten Reihe saß Guido Westerwelle mit seinem Lebengefährten Michael Mronz. Es gab einen Vortrag des Hirnforschers Wolf Singer: "Gehirn - Ein Beispiel zur Selbstorganisation komplexer System". Dann ein kleiner Stehimbiss und Schluss. Es war, bündig gesagt, typisch Merkel.

Man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie je ein großes Bohei um sich veranstalten ließe. Weiße Party-Hütchen, Scampi im Kokosmantel, Pink Champagne on Ice, Elton John als Ständchen-Sänger und Cherno Jobatey als Moderator. Oder Tom Buhrow, falls es etwas teurer sein darf. Nein, all das passt nicht zu Angela Merkel, Sternzeichen Krebs; und Pferd nach dem chinesischen Horoskop. Denn seit die Hamburger Pastorentochter bei der CDU und auch bei Deutschland am Ruder ist, gibt es auf Parteitagen, die neuerdings nach dem "Townhall-Prinzip" veranstaltet werden, Kartoffelsuppe.

Es gibt überhaupt immer Kartoffelsuppe, wenn irgendwo etwas stattfindet und die Kanzlerin eine Rede hält oder ein Grußwort spricht. Oder wenigstens etwas Kartoffelsuppenähnliches. Sie liebt ja das Deftige. Leberwurst, Blutwurst. Das fing schon bei ihrer Vereidigungsfeier am 22. November 2005 an. Schon damals ließ sie kulinarisch die Kirche im Dorf und lud ihre Eltern, ihre tapferen Freundinnen Friede Springer, Sabine Christiansen und Inga Griese zu einem Eintopf. Dann hat sie eine Weile regiert. Dann kam die Krise. Und wieder Kartoffelsuppe.

Schlimm war es neulich beim Jahrestag des Bundes der Deutschen Industrie (BDI). Da hatte Sarah Wiener gekocht. Der halbe Dax war versammelt, Mittelständler, Wirtschaftsgurus. Es gab Kartoffelsalat - und Graupen.

Bloß kein Bohei

Party, Scampi, Tralala, das ist einfach nicht Merkels Ding. Und das, obwohl sie seit vier Jahren das Leben einer politischen Jet-Set-Lady führt. Obwohl sie mit den gemäßigten Absätzen ihrer schwarzen Universal-Loafers längst auf allen Parketten dieser Welt Tritt gefunden hat. Obwohl sie wie selbstverständlich mit der Queen im Buckingham Palace plaudert - und mit dem kleinen König im Élysée. Stippvisite im White House, Konsultation in Brüssel, Natogipfel und UN. Meistens trinkt sie Weißwein.

Viele Politiker vor ihr haben in ähnlicher Lage die eigene Bedeutsamkeit mit antiken Rotweinen umgespült, sich mit schweren Zigarren beweihräuchert, von denen eine so teuer ist wie der Wocheneinkauf einer ganzen Familie. Und die Hemden, die ließen sie sich natürlich in New York auf Maß schneidern.

Nicht so die promovierte Physikerin aus der Uckermark. Tief in ihrem Inneren bleibt Angela Merkel nämlich immer Kartoffelsuppe und Graupen. Bewunderer in- und außerhalb ihrer Partei haben für diesen Grundzug der merkelschen Persönlichkeit das Wort "bodenständig" gefunden. Und das ist es wohl auch. Sie ist absolut "down to earth".

Merkels großer Plan

Auf die Frage der Journalistin Margaret Heckel, ob es in der Politik "den großen Plan" gebe, antwortete die Kanzlerin der Großen Koalition: "Es gibt beides, eine Vorstellung vom Ganzen und das tägliche Tun. Die große Vorstellung ist, das Land so weiterzuentwickeln, dass der Wohlstand steigt und sich die nächste Generation nicht mehr Sorgen machen muss als die vorherige, im besten Fall sogar weniger Sorgen." Bodenständiger hat wohl noch kein Außenstehender deuten können, was ihre Politik eigentlich ist und will.

Angela Merkel muss derzeit vieles auf dem Schirm haben. Mehr, so scheint es gelegentlich, als viele Kanzler vor ihr. Das "Zwei-Grad-Ziel bis 2050" genauso, wie die Uiguren-Aufstände im fernen China. Sie muss sich ständig fragen, ob ihre Denkschule die geeignete ist, um eine Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden, die es so nie zuvor gab. Keynesianisch oder regulativ. Gelddrucken oder Sparen?

Sie will keine Fehler machen. Sie will das Große groß denken. Da macht sie sich ungern Gedanken über die niederen Rituale des Wahlkampfs, die derzeit unweigerlich auf sie zurollen. Nur in Muße-Minuten grübelt sie darüber, wie ihr Kabinett nach der Bundestagswahl wohl aussehen könnte, ob man vielleicht hier ein Ministerium neu zuschneiden müsste, oder dort zwei Ministerien zusammenlegen könnte.

Überflüssiger Wahlkampf

Es hat manchmal ein wenig den Anschein, als hielte sie das Hick-Hack, das nötig ist, um eine Bundestagswahl zu gewinnen - nun ja - für überflüssig. Es läuft doch gerade alles so schön! Die Umfragen sind für sie, die Stimmung sowieso. "Ein Teil der Sozialdemokraten und ihre Wähler betrachten mich auch als "ihre" Kanzlerin", sagt sie, "das ist gut und wichtig."

Der Termin heute bei Bionorica in der Oberpfalz wird aller Voraussicht nach um halb vier zu Ende sein. Im Grunde könnte sie nach der Landung in Berlin schnell zu "Edeka" an der Friedrichstraße rüberflitzen, Würstchen und Kartoffeln kaufen - und dann auf die Datsche düsen. Im Grunde.

Aber wahrscheinlich ruft dann ausgerechnet gerade Barack Obama an.