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Atommüll-Transport nach Gorleben: Castor-Behälter strahlen stärker als zuvor

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schlägt Alarm: Nach ihren Angaben strahlen die aktuellen Castor-Behälter noch stärker als die bisherigen. Unterdessen kommt der Transport des Atommülls nur langsam voran. Die Umladung auf Lkw-Tieflader dauerte länger als geplant. Die Polizei hat damit begonnen, die Blockade des Lagers Gorleben durch die Demonstranten zu beenden.

Die Strahlenbelastung durch den aktuellen Atommülltransport ins Zwischenlager Gorleben ist deutlich höher als bei früheren Castor-Transporten. Dies hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace mitgeteilt. "Die Belastung des Begleitpersonals, der Anwohner und Demonstranten ist unverantwortlich", kritisierte der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Unterdessen kommt der Transport der Atommüll-Behälter nur langsam voran. In Dannenberg ist die Verladung von der Bahn auf Straßen-Tieflader zwar inzwischen abgeschlossen, zog sich aber unerwartet lange hin. Am Wochenende hatten massive Proteste den Transport auf der Schiene bereits um insgesamt 14 Stunden verzögert.

Das 500-fache der natürlichen Belastung

Nach Messungen von Greenpeace liegt rund 14 Meter von den Behältern entfernt die Neutronenstrahlung bei 4,8 Mikrosievert pro Stunde und damit 40 Prozent höher als beim Castor-Transport 2005. Dies sei mehr als 500-mal so viel wie die natürliche Hintergrundstrahlung, teilte die Organisation am Montag mit. Die Radioaktivität liege damit zwar vermutlich noch innerhalb der Grenzwerte, in unmittelbarer Nähe zu den Containern würde jedoch binnen weniger Stunden die zulässige Strahlen-Jahresdosis erreicht. Greenpeace-Atomexperte Smital zeigte sich verwundert über die erhöhten Werte, da für den Transport Behälter des neue Typs TN85 verwendet würden, die für stärker strahlendes Material gebaut worden seien. Er habe zwar mit stärker strahlendem Material gerechnet, aber auch mit einer besseren Abschirmung. "Dass man solche Behälter zulässt, ist eigentlich skandalös", sagte Smital der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Sprecherin des Eisenbahnbundesamtes in Bonn betonte, die vorgegebenen Grenzwerte würden bei dem Transport eingehalten.

Vor der letzten Etappe des Castor-Transportes zum Zwischenlager Gorleben hat es unterdessen weitere Verzögerungen gegeben. In Dannenberg dauerte das Umladen der elf Behälter vom Atommüllzug auf Straßentieflader deutlich länger als geplant. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg machte die verstärkte Strahlung der Behälter für Verzögerungen verantwortlich. Dem widersprach das für die Überwachung des Transportes zuständige niedersächsische Umweltministerium. Inzwischen stehen alle elf Behälter für den weiteren Transport über etwa 20 Kilometer bereit.

Mit mehr als 14-stündiger Verspätung und begleitet von heftigen Protesten hatte der Atommüll-Transport in der Nacht zum Montag die Umladestation Dannenberg erreicht. Rund eine Stunde später begann die Polizei mit der Umladung der elf Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll auf Lastwagen.

Polizei spricht von "hoher Gewaltbereitschaft"

Unmittelbar vor dem Zwischenlager beteiligen sich derzeit 1.200 Atomkraft-Gegner an einer Sitzblockade und versperren die Straße. Nach dreimaliger Aufforderung, von sich aus die Castor-Route freizugeben, begann die Polizei mit der Räumung. Eine Blockade der Ausfahrt der Umladestation in Dannenberg durch Greenpeace konnten die Ordnungshüter schnell beenden. Zwölf Greenpeace-Aktivisten ketteten sich an einen Lkw der Umweltorganisation an und wurden nach einer guten halben Stunde von dem Fahrzeug getrennt. Auf dem Weg nach Gorleben werden sich voraussichtlich noch einmal hunderte Menschen an Sitzblockaden beteiligen. Die Polizei geht von einer "hohen Gewaltbereitschaft" unter den Demonstranten aus. Ein Sprecher machte dies unter anderem daran fest, dass Gleise unterhöhlt und Hubschrauber mit Signalmunition beschossen worden seien.

Seit Samstag war der Zeitplan für den Castor-Transport aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague durch Blockaden und Protestaktionen heftig durcheinandergeraten. Am Samstag ketteten sich drei Demonstranten an der deutsch-französischen Grenze an die Gleise und verzögerten so die Weiterfahrt des Castors um zwölf Stunden. Im Lauf des Sonntags versuchten hunderte Gegner im Wendland erneut, den Transport durch Sitzblockaden, Unterhöhlung des Gleisbetts und brennende Barrikaden aufzuhalten. Am Nachmittag ketteten sich erneut zwei Demonstranten an. Von einer Brücke über der Bahnlinie seilten sich am Abend zwei weitere Atomkraftgegner ab. Kurz vor Mitternacht kletterten drei Demonstranten auf einen der Castor-Behälter.

Bei der Räumung der Blockaden kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei. Die Beamten setzten Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Mehrere hundert Menschen wurden in Gewahrsam genommen. Beide Seiten bestätigten, dass der Widerstand dieses Mal deutlich heftiger ausfiel als beim letzten Transport aus Frankreich nach Gorleben vor zwei Jahren. Im Wendland sind rund 10.000 Beamte im Einsatz.

An der Strecke zwischen Lüneburg und Gorleben gilt ein generelles Demonstrationsverbot. Die Initiativen der Atomkraftgegner halten Blockadeaktionen für die einzige Möglichkeit, gegen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke und ein mögliches atomares Endlager Gorleben zu protestieren.

Unterdessen hat Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus an die Atomgegner appelliert, Gorleben als nationales Endlager zu akzeptieren. "Wir haben das Endlager, und ich finde, es gibt klare Beschlüsse", sagte der CDU-Politiker am Montag in Berlin. Wer die Begrenzung der Atomlaufzeiten wolle - was er nicht teile -, der müsse auch zu dem Endlager stehen.

"Der Müll muss entsprechend versorgt und gelagert werden", sagte Althaus. "Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Leute sehen, dass der Konsens auf beiden Seiten eingehalten wird."

Grüne fordern neue Suche nach Endlager

Der Atomkonsens aus dem Jahr 2000 sieht vor, die deutschen Atomkraftwerke noch eine bestimmte Menge Strom produzieren zu lassen und sie danach abzuschalten. Für den Salzstock Gorleben, der Ende der 70er Jahre zum Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle erkoren wurde, wurde gleichzeitig ein Forschungsmoratorium verhängt. Das sollte nach dem Willen der rot-grünen Bundesregierung dazu dienen, die Suche nach einem Endlager noch einmal aufzurollen. Dieses Ziel verfolgt Umweltminister Sigmar Gabriel noch immer, während sich die Union dagegen stemmt.

Demgegenüber fordern Vertreter der Grünen, die Suche nach einem Atommüll-Endlager neu zu beginnen. "Ich glaube, dass man die Suche neu aufmachen muss, damals ist ja politisch entschieden worden für Gorleben", sagte die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, am Montag im Bayerischen Rundfunk. Gorleben habe viele Schwächen. Man müsse ähnlich wie in Frankreich und in der Schweiz eine offene Suche machen, auch mit Alternativstandorten, um dann zu sehen, "wo ist der bestmögliche Standort".

AFP/Reuters / Reuters