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Attentate: Die Alpträume der Bodyguards

Die Ohrfeige für Gerhard Schröder auf einer Wahlveranstaltung hat es wieder deutlich gemacht: Einen absoluten Schutz für Politiker und Prominente gibt es nicht. Das wissen auch die Sicherheitsbeamten vom BKA, die in Deutschland Politiker beschützen.

Der warme Frühlingstag ging schon zu Ende, als Bundeskanzler Gerhard Schröder vor kurzem mit seiner Frau Doris und Hund Holly durchs Berliner Regierungsviertel spazierte. Während sich die vier Personenschützer diskret im Hintergrund hielten, zerrte der Terrier ungeduldig an der Leine. "Das ist unser schottischer Kampfhund", scherzte Schröder mit Passanten. "Ein bisschen klein, aber für unsere Bedürfnisse reicht der." Da irrte der Kanzler.

Tatsächlich werden in Deutschland hochrangige Politiker wie der Bundeskanzler, der Außenminister oder der Bundespräsident rund um die Uhr bewacht. Zuständig für den Personenschutz der Bundespolitiker und der verfassungsgebenden Organe ist das Bundeskriminalamt. Die Abteilung mit dem Namen "Sicherungsgruppe" hat ihren Sitz in der Nebenstelle Berlin-Treptow. Ihre Aufgabe ist es, den gefährdeten Politiker notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu schützen.

Absolute Sicherheit ist eine Illusion

Vorfälle wie die Ohrfeige für Bundeskanzler Schröder am Montagabend in Mannheim sind Albträume für die Sicherheitsbeamten. "Eins ist klar: Ein Restrisiko bleibt immer", sagt der Stuttgarter Polizeibeamte Günter Loos. Mitten in der Hochzeit des Terrorismus war er Chef des Begleitkommandos von Generalbundesanwalt Kurt Rebmann. Loos weiß, dass absolute Sicherheit eine Illusion ist. "Oder man müsste die gefährdete Person so abschirmen, dass überhaupt niemand mehr an sie herankommt. Das wollen wir nicht, das widerspricht der deutschen Kultur."

Während hochrangige Politiker in den USA oder Israel von "Bodyguards" geschützt werden, die stets versuchen, den Körper des Politikers abzuschirmen, halten sich die Sicherheitsbeamten in Deutschland eher im Hintergrund. Sie bleiben meist unauffällig, sind aber stets in unmittelbarer Nähe ihres Schützlings. Der Umfang des Personenschutzes richtet sich nach der jeweiligen "Gefährdungsanalyse", die von den Experten des BKA erarbeitet und ständig aktualisiert wird.

Schätzungsweise 500 bis 700 Personenschützer für Politiker

Genaue Angaben, wie viele Bewacher sich um welche Politiker kümmern, werden aus Sicherheitsgründen nicht gemacht. Geschätzt wird, dass sich in Deutschland zwischen 500 und 700 Polizisten allein um Politiker kümmern. Schutz genießen sämtliche Bundesminister, eine Reihe von Bundestagsabgeordneten und eine schwer übersehbare Zahl ehemaliger Spitzenpolitiker.

Der engere Kreis von Schröders Personenschützern dürfte bis zu 20 Beamte umfassen. Der Bundeskanzler hat "Gefährdungsstufe I", ist deshalb nie allein unterwegs. Die Männer und Frauen begleiten ihn nicht nur zu offiziellen Terminen, sondern auch im Privatleben - auch wenn es Grenzen gibt, wie der Kanzler einmal im Gespräch mit Kinder erzählte: Ins Bad könne er noch allein, scherzte Schröder, der Personenschutz gehe mit ihm "weder ins Bett noch aufs Klo".

Sie müssen sofort zur Stelle sein

Die Experten unterscheiden zwischen gesicherten und ungesicherten Bereichen: Hält sich der Kanzler im Kanzleramt, im Reichstag oder einem anderen Gebäude auf, das bereits unter Objektschutz steht, kann der direkte Personenschutz reduziert werden. Sobald er diesen gesicherten Bereich verlässt, müssen die Bewacher aber direkt zur Stelle sein. Wie viele Beamte eingesetzt werden, wird aktuell festgelegt.

Trotz aller Diskretion: Die Personenschützer sind leicht zu erkennen. Mit dunklen Anzügen bekleidet, tragen sie kleine Knöpfe im Ohr und Mikrofone im Ärmel, über die sie sich untereinander verständigen und mit dem Lagezentrum in Kontakt treten können. Sie taxieren das Umfeld, halten Neugierige zurück, bahnen Gassen durch die Menge. Sie sind bei Geburtstagsfeiern dabei, Hochzeitsfesten und Sonntagsspaziergängen.

"Dazu ist absolute Diskretion nötig"

"Dazu ist absolute Diskretion nötig", sagt Loos. "Und ein gewisses Vertrauensverhältnis. Anders geht es nicht"." Der Beamte weiß, wovon er spricht. Er blieb bis zum Ende der Amtszeit bei Rebmann, insgesamt 13 Jahre und damit weit länger als üblich. Normalerweise gilt, dass Personenschützer spätestens nach fünf Jahren ausgetauscht werden sollten, um eine Routine zu vermeiden, die gefährlich werden könnte. Auch heute noch hat Loos ein gutes Verhältnis zu Rebmann. In drei Wochen ist er zu dessen 80. Geburtstag eingeladen.

Uta Winkhaus, AP / AP / DPA