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Auf Tour mit von der Leyen: Merkels Kinder-Frau

Sie ist siebenfache Mutter, sie ist Ärztin. Und würde Schwarz-Gelb die Wahl gewinnen, wäre die niedersächsische Sozialministerin Ursula von der Leyen für's Bundeskabinett gesetzt. stern.de hat Angela Merkels Kinder-Frau begleitet.

Von Florian Güßgen

Immer wieder Kinder. "Wie heißt die Bürgermeisterin denn?", fragt eines der sieben Mädchen, die vor dem Flachbau im Osnabrücker Stadtteil Haspe ungeduldig warten. Vier, fünf, sechs Jahre sind sie vielleicht alt. Jede hält eine Sonnenblume in der Hand. Gleich wollen sie singen – "He, ho, spann' den Wagen an". Gleich kommt sie, sie, die Bürgermeisterin, die gar keine Bürgermeisterin ist. Ursula von der Leyen ist Ministerin – derzeit noch in Niedersachsen, demnächst vielleicht in Berlin. In Angela Merkels Kompetenz-Team ist von der Leyen die Kinder-Frau.

Von der Leyen ist der fleisch gewordene Traum eines jeden Parteistrategen. Die zierliche, drahtige Frau ist alles, sie kann alles: Als Tochter des ehemaligen niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht gehört die 46-Jährige qua Geburt zur CDU - obwohl sie erst mit knapp 20 eingetreten ist. Sie ist siebenfache Mutter. Sie ist promovierte Ärztin. Sie ist niedersächsische Sozialministerin. Wäre es nicht ein etwas derber Begriff müsste man sie als eierlegende Wollmilchsau der Union bezeichnen. Sie vereinbart Familie und Job, verkörpert ein modernes Frauenbild, ist regierungserfahren. Für ein Kabinett unter einer Kanzlerin Merkel ist die 46-Jährige wie geschaffen - im Kompetenzteam deckt sie die Themenfelder Gesundheit und Familie ab.

Mission Kinderkriegen

Zwar hat von der Leyen sich als leidenschaftliche Verfechterin der Kopfpauschale auch in der Gesundheitspolitik Meriten erworben, im Wahlkampf ist ihre Mission jedoch vor allem das Kinderkriegen. Wenn die Gesellschaft vergreist, arbeiten zu wenige, um mit ihren Sozialversicherungs-Beiträgen für die Alten zu bezahlen. Deshalb müssen im geburtenschwachen Deutschland Kinder her. Das haben mittlerweile alle Parteien erkannt. Nur wie? SPD und Grüne orientieren ihre Familienpolitik schon länger an einem modernen Frauenbild. Sie gehen davon aus, dass Frauen nur zum Kinderkriegen animiert werden können, wenn man es ihnen erleichtert, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen - statt sie hinter den Herd zu verbannen. Nur flexiblere Arbeitszeiten, mehr Geld und bessere Betreuungsmöglichkeiten, so die Überlegung, können die Geburtenrate in Deutschland anheben. Renate Schmidt, die SPD-Familienministerin, hat die Verbesserung der Kinderbetreuung - eigentlich eine Angelegenheit von Ländern und Kommunen - zum Top-Thema gemacht, die Familienpolitik erfolgreich besetzt. Mit von der Leyen hält die Union nun dagegen, zumindest personell.

"Es ist keine Frage mehr, ob Frauen arbeiten," sagt von der Leyen nach der Veranstaltung in Haspe, wo sie ein Mehrgenerationen-Haus eröffnet hat. "Entscheidend ist, ob sie Kinder bekommen oder nicht." Auf dem Weg zur nächsten Wahlkampf-Veranstaltung in Nordhorn, unweit der Grenzen zu den Niederlanden, sitzt sie auf der Rückbank ihres dunklen Dienst-BMWs und erklärt, wie für sie die Lebenswirklichkeit junger Paare aussieht. Diese Generation deutscher Mädchen und Frauen sei besser ausgebildet als jede Generation zuvor, sagt sie. Allein wirtschaftlich sei es Unsinn, sie vom Arbeitsmarkt fern zu halten. Junge Frauen müssten das Gefühl haben, auch wirtschaftlich für ihre Kinder sorgen zu können. Nur dann hätten sie den Mut, diese in die Welt zu setzen. Sie selbst haben nach der Geburt ihres ersten Kindes den Mut zu weiteren Kindern nur gehabt, weil sie gewusst habe, als Ärztin gemeinsam mit ihrem Mann Heiko von der Leyen für den Lebensunterhalt aufkommen zu können. "Sein Einkommen alleine hätte nicht gereicht", sagt sie.

Von der Leyen verkörpert eine moderne CDU. Eine Union, die sich lossagt von verstaubten, lebensfernen Vorstellungen, von schwerem Traditionalismus. Dabei ist längst nicht ausgemacht, ob die Vorstellungen von der Leyens in der Partei auch tatsächlich mehrheitsfähig sind, ob familienpolitische Vorstellungen, wie sie etwa Merkels Steuer-Mann Paul Kirchhof verteidigt, nicht eher den Zuspruch der schwarzen Klientel finden. In einem Aufsatz hatte Kirchhof noch vor wenigen Jahren geschrieben, Frauen machten ihre Karriere in der Familie. Offen angreifen würde von der Leyen Kirchhof deswegen nie. Zumindest nicht jetzt, wo es wieder eng wird für Schwarz-Gelb, enger denn je. Aber von der Leyen lässt auch keine Zweifel daran, dass ihr ein anderes Frauenbild vorschwebt als dem ehemaligen Verfassungsrichter.

"Wie kriegen sie das hin, mit den Kindern"

Es ist das Frauenbild, das sie lebt, dem sie durch ihre eigene Biografie Glaubwürdigkeit verleiht. Dabei verschwimmen bei von der Leyen, wie bei wenigen anderen, die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem. Ihre sieben Kinder sind, freiwillig oder nicht, zu einem politischen Pfund geworden, zu einem wichtigen Bestandteil ihres öffentlichen Bildes. Sie ist die Kinder-Frau. Sie lässt sich mit den sieben Kindern fotografieren, mit den Haustieren, den Ziegen, den Ponys. Sie missbrauche die Kinder, wurde ihr schon vorgeworfen, sie lasse sie bei Aufnahmen sogar doubeln, wurde kolportiert. Zwar hat sie diese Behauptungen zurückgewiesen, dass ihr Image jedoch auch Gefahren ins sich birgt, ist ihr bewusst. Aber was bleibe ihr auch übrig, fragt sie. Die erste Frage eines jeden Journalisten laute doch ohnehin: "Wie kriegen sie das hin mit den Kindern?" – und es sei doch Unsinn, die Kinder zu verleugnen. Von der Leyen ist selbstbewusst genug, um zu wissen, dass sie mehr ist als die "Supermutti". Auch auf dem Terrain der Gesundheitspolitik sitzt sie fest im Sattel, scheut keine Debatte. Deshalb macht sie weiter, macht das eigene Leben zum Modell ihrer Politik, erzählt davon, wie die Kinder häufig mittags ins Ministerium kommen, um mit ihr zu essen, bei ihr Hausaufgaben zu machen. Sie berichtet davon, dass sie im Ministerium ein Eltern-Kind-Büro eingerichtet hat. Der Computer steht hier neben den Spielsachen. Die Mitarbeiter sollen die Möglichkeit erhalten, ihren Job zu machen und sich um das Kind kümmern zu können. Keiner soll mehr Krankmachen müssen, nur damit er Zeit für die Kinder hat.

Zwitterwesen zwischen Politik-Adeliger und Seiteneinsteigerin

Von der Leyen ist in der Riege der Union eine seltene Figur, eine Mischung von Politik-Erbadeliger und Seiteneinsteigerin. Sie gehört zum Politik-Adel, weil sie die Tochter Ernst Albrechts ist, Gerhard Schröders Vorgänger im Amt des niedersächsischen Regierungschefs. Die Politik, die CDU, das alles wurde ihr in die Wiege gelegt. Sie kennt die Show, sie kennt die Kulissen, sie kennt die Tricks und Kniffe, sie kennt den Polizeischutz. 1978, im Jahr nach dem Deutschen Herbst, empfahlen ihr die Sicherheitsleute sogar, ins Ausland zu gehen. Unter dem Decknamen "Rose Ladson" studierte sie ein Jahr lang an der renommierten London School of Economics (LSE). Von der Leyen lernte das politische Geschäft früh kennen, war früh CDU-Mitglied, hielt sich dann aber dennoch lange fern von der aktiven Politik. Sie studierte Medizin, promovierte, arbeitete in einer Klinik, bekam ihre Kinder, arbeitete weiter, zog wegen des Jobs ihres Mannes Heiko von der Leyen mit ihrer Familie nach Kalifornien. Ende der 90er Jahre, als sie begann, in Niedersachsen in gesundheitspolitischen Gremien mitzuarbeiten, war sie eine Seiteneinsteigerin. Erst 2001 gewann sie ihre erste Wahl, wurde Stadträtin in Sehnde und, postwendend, CDU-Fraktionschefin in dem Stadtparlament. Seitdem ging es steil bergauf. 2003 berief der neue niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff von der Leyen in sein Kabinett, 2004 wurde sie ins CDU-Präsidium gewählt. Jetzt ist sie Anwärterin auf das Familienministerium, auch für das Gesundheits-Ressort kommt sie theoretisch in Frage.

Nein, von der Leyen ist keine Anfängerin mehr im politischen Geschäft. Zwar klingt ihre Stimme bei Reden auf Wahlkampf-Veranstaltungen noch etwas schrill - wie an diesem Tag im "Grafschafter Brauhaus" in Nordhorn. Die Techniken jedoch, mit denen man Menschen überzeugen kann, die hat sie drauf: Sie breitet die Arme aus, wenn sie redet, würzt ihre Rede mit Anekdoten und verwendet eingängige Bilder. Wenn sie von Deutschlands Misere spricht, spricht sie von "Krankheiten". Den Schluss, dass nur die Ärztin von der Leyen diese Krankheiten kurieren kann, darf das Publikum dann selbst ziehen. Im persönlichen Gespräch ist von der Leyen offen, gewinnend. Es fällt schwer, sich ihrem Charme zu entziehen. Sie lächelt ohne Unterlass. Das liege in der Familie, sagt sie.

Sicher, in Hannover dürfte ihr das Lächeln seit dem Regierungsantritt des Kabinetts Wulff des öfteren vergangen sein. Die Sanierung des niedersächsischen Haushalts zwang sie zu erheblichen Einsparungen. Überdies musste sie Niederlagen einstecken. So verteidigte sie das Konzept der Frauenbeauftragten auch noch, als Wulff schon längst beschlossen hatte, den Zwang aufzuheben, dass jede Gemeinde eine Frauenbeauftragte haben müsse. Aus diesen Niederlagen habe sie ihre Lehren gezogen, sagt von der Leyen. Auch in der Auseinandersetzung um das Familienprogramm der Union hat sie Abstriche machen müssen, ihre familienpolitischen Vorstellungen haben kaum Niederschlag gefunden. Ähnlich wie die SPD hatte von der Leyen ein einkommensabhängiges Elterngeld gefordert - aber sich nicht durchsetzen können. Nun will die Union den Grundfreibetrag pro Kind auf 8000 Euro anheben und Eltern einen Bonus bei der Rentenversicherung von 50 Euro pro Monat und Kind für Kinder zahlen, die ab 2007 geboren werden. Die Kinderbetreuung, die eigentlich auch Sache von Ländern und Kommunen ist, kommt so gut wie nicht vor.

Dieses Signal würde unserem Land den Garaus machen

Für Merkel ist von der Leyen trotzdem ein Trumpf. Anders als Edmund Stoiber, Roland Koch oder auch Christian Wulff ist von der Leyen keine, die ihr ans Leder will. Sie ist mehr Expertin als machthungrige Politikerin, mehr Kirchhof als Koch. Sie hat keine starke Hausmacht, die sie gegen die Chefin in Stellung bringen könnte – oder wollte. Auch als Ministerin wäre sie wohl von der Kanzlerin Merkel völlig abhängig. Im Gegenzug kann von der Leyen mit einem hohen Grad an Glaubwürdigkeit punkten, dem Team um die im Prinzip menschenscheue Macht-Wissenschaftlerin Merkel verleiht sie den Schein von Lebensnähe. Noch, sagt von der Leyen brav, wisse sie nicht, was am Abend des 18. September sein werde. Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot, derzeit ist ungewisser denn je, wer welche Posten zu vergeben hat. Darüber, was das Ministeramt für sie und ihre Familie bedeuten könnte, will sie nicht spekulieren. Aber es zeugt vom Selbstbewusstsein der Ursula von der Leyen, dass sie die Messlatte schon jetzt sehr hoch hängt: "Wenn ein Spitzenamt wie das eines Ministers nicht vereinbar wäre mit Kindern, dann wäre das ein katastrophales Signal an Deutschland", sagt sie. "Jungen Menschen würde man dann sagen: Wenn Du nicht ausschließen willst, eines Tages ganz oben mit zu arbeiten, solltest Du besser keine Kinder haben. Dieses Signal würde unserem Land den Garaus machen."