Aus stern Nr. 25/2005 Einsteigen zum Unfall


Gerhard Schröder ist wie ein Busfahrer, der seiner Reisegruppe präzise ein Unglück voraussagt. Sie wird danach schonungslos mit ihm abrechnen. Aus stern Nr. 25/2005

Ach ja, das Geschichtsbuch. Das bittersüße Sehnen nach historischer Größe, nach Unsterblichkeit hat den Mann aus kleinsten, aus ärmlichsten Verhältnissen bewegt, seit er Kanzler ist. Vermutlich noch früher, als er seine Kräfte, seine Ausstrahlung, seine Chancen mehr ahnte als kannte. Willy Brandt, Gerhard Schröder - so sollte sich die Sozialdemokratie eingravieren ins Gedächtnis der Nation.

Nach dem Geschichtsbuch hat er gestrebt, als das große, verwegene, wirre Spiel seines Lebens begann, das Spiel um Macht und Unvergänglichkeit. Von Doris befeuert, von Apologeten überhöht zum Generationenprojekt der 68er, denen er doch nie angehört hat. Genosse der Bosse, Brioni und Cohiba, Atomausstieg für alle Zeit, Sozialreformen gegen die eigene Partei, Ende deutscher Nachkriegs-Komplexe, Bundeswehr weltweit - und doch: Verweigerung beim Krieg des Imperiums im Irak, Deutschland als politische, ökonomische und militärische Macht, am Ende erhoben in den Weltsicherheitsrat, sitzend zur Rechten der Götter, der Atommächte, der Sieger des Weltkriegs. Das war der Stoff, aus dem der Traum war. Ein heißer, ein sympathischer Traum.

Ins Geschichtsbuch wollte er flüchten, als dieser Traum zu erkalten begann. Als er im März, daheim in Hannover und allein mit Doris, über das Finale nachdachte, ein grandioses, ein gewagtes Endspiel, um der Erpressung und Zermürbung durch die Partei nach dem Desaster in Nordrhein-Westfalen zu entrinnen. Als er noch einmal alles und alle zwingen wollte - in eine dramatische, mitreißende Konfrontation: charmanter, gewinnender Mann aus dem Westen gegen kalte, rätselhafte Frau aus dem Osten, reformierter Sozialstaat gegen entfesselten Kapitalismus. Atemberaubender Sieg oder ehrenhafter Untergang. So oder so: historisch.

Im Geschichtsbuch wird er nun enden, aber ganz anders. Mit der verheerendsten politischen Fehlkalkulation der jüngeren deutschen Geschichte. Mit einem Traum, der zum Albtraum entgleist. Es ist ein kollektiver Alb, der von Gerhard Schröder wie der der an ihm verzweifelnden Sozialdemokraten. Was er von seiner Partei verlangt, ist vergleichbar mit einem Busfahrer, der seine Reisegruppe zum Einsteigen bittet und ihr dabei präzise Ort und Zeit eines bevorstehenden katastrophalen Unfalls nennt. Eines Unglücks mit zertrümmertem Bus und vielen Opfern - Toten und Verletzten. Der Unfall wird sich am 18. September ereignen. Wer ihn überlebt, wird man um 18 Uhr ahnen, gegen 18.20 Uhr wissen. Die Überlebenden werden unter schwerem Schock stehen. Und sie werden dem Mann am Steuer diese letzte Fahrt, die Reise ins Verderben, in eine der schwersten, wenn nicht die schwerste Niederlage der SPD, den mutwillig, sehenden Auges herbeigeführten Abschied von der Macht nicht verzeihen. Sie werden mit ihm abrechnen. Alle, wo auch immer sie gesessen haben, links oder rechts, vorne oder hinten.

Gerhard Schröders Kanzlerschaft wird in Einsamkeit enden. Und in wechselseitiger Bitterkeit. Er ist enttäuscht und fühlt sich allein gelassen: von Wolfgang Clement, dessen Hartz-Reform in Bürokratie und Geldverschwendung erstickt; von Joschka Fischer, dessen Instinktsicherheit und Unfehlbarkeit im Visa-Skandal zerbrachen; von Hans Eichel, dem die Kontrolle der Staatsfinanzen entglitten ist und der seither nur noch ein Bild des Jammers abgibt; von Franz Müntefering, der halb loyal zu seinem Reformkurs stand und halb illoyal die Kapitalismuskritik dagegensetzte. Am Ende agiert er ganz allein - gegen alle.

Und alle wenden sich ab von ihm. Weil sie ihn nicht oder zu gut verstehen. Weil das Endspiel sein ganz persönliches ist, nicht ihres. Weil er sie nicht gefragt und ihr Schicksal nicht bedacht hat. Sein eigener Apparat, sein persönliches Umfeld, bis in die oberste Etage des Kanzleramts, offenbart kopfschüttelnden Sarkasmus: Karrieren werden geknickt oder abrupt beendet. Die Minister wahren nur noch mühsam Loyalität: Ihnen winkt der Austrag auf der Hinterbank oder das Ende der Politik. In der Bundestagsfraktion, mehr noch bei den Mitarbeitern der Abgeordneten, gehen Wut und Ratlosigkeit um: Vielen werden Mandat oder Beschäftigung abgeschnitten. In der SPD finden sich Linke wie Rechte in gemeinsamer Bestürzung wieder: wie der Mann die Partei entmündigt und von oben beherrscht, wie er die Gremien und die Programmarbeit erstickt, wie er die sozialdemokratische Seele verwirrt hat - und wie er nun, Untreue gegen Treue, den Gegner zur Macht und Lafontaines Linksbündnis ins Parlament befördert. Geradezu absurd, dass in solcher Lage gerätselt wird, ob die Abstimmung über die Vertrauensfrage ein verfassungsfestes Ergebnis bringt. Der Kanzler hat das Vertrauen gerade durch die Vertrauensfrage verspielt. Aber damit ist die Sache für ihn noch nicht ausgestanden: Es folgt eine schonungslose Entschröderisierung. Sie beginnt am 18. September um 18.01 Uhr.

Hans-Ulrich Jörges print

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