Babyleichen-Prozess Die Todesmutter schweigt


Neun getötete Babys, neun Schwangerschaften und niemand will etwas bemerkt haben. Im Prozess schweigen sowohl die angeklagte Mutter als auch der Zeuge, der Licht ins Dunkel bringen könnte, der damalige Ehemann und Vater der toten Säuglinge.

In Handschellen wird Sabine H. ins Landgericht Frankfurt (Oder) gebracht. Die zierliche Frau wirkt ruhig und blickt meist geradeaus, als der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs den Prozess gegen sie eröffnet. Die 40-jährige Zahnarzthelferin soll für den schlimmsten bisher in Deutschland bekannten Fall von Kindstötungen verantwortlich sein. Sie ist die Mutter der im vergangenen Sommer bei Frankfurt (Oder) gefundenen neun toten Babys. Deren Entdeckung hatte einen Schock in ganz Deutschland ausgelöst.

Auch zu Beginn der Gerichtsverhandlung demonstrieren zwei Männer emotional aufgewühlt vor dem Gerichtsgebäude mit neun Kerzen und einem Schild: "Wir trauern um neun tote Babys", steht darauf. Drinnen im Saal 007 des grauen Justizneubaus dagegen geht es nüchterner zu. Zunächst liest Staatsanwältin Anette Bargenda die Anklage vor, in der sie der Frau achtfachen Totschlag vorwirft.

Angeklagte schweigt zu den Vowürfen

Die erste Tötung eines Neugeborenen 1988 hatte die Strafkammer bereits als verjährt nach DDR-Recht bewertet. Dann erklärt Verteidiger Matthias Schöneburg: "Meine Mandantin möchte zu den Vorwürfen nichts sagen." Reglos verfolgt Sabine H. in weißer Bluse und schwarzen Jeans, wie das Protokoll ihrer ersten Vernehmung vor der Haftrichterin verlesen wird. An jenem 1. August 2005, einen Tag nach dem Fund der Babyleichen, hatte sie gestanden, die Kinder jeweils kurz nach der Geburt getötet zu haben.

Allerdings konnte sie sich nur in zwei Fällen auch an die näheren Umstände erinnern. "1988 hatten wir schon drei Kinder, mein Mann wollte keine weiteren Kinder", berichtete sie in der richterlichen Vernehmung. Weil sie Angst davor hatte, dass Oliver H. sie nicht unterstützen werde, gebar sie das Kind in die Toilette ihrer Wohnung. "Damit begann der Teufelskreislauf", sagte Sabine H. damals. Ihr Mann lag nebenan im Schlafzimmer, will aber nichts mitbekommen haben. Überhaupt will der heute 43-Jährige keine der neun Schwangerschaften seiner Frau bemerkt haben. Vor Gericht verweigert der frühere Stasi-Mann die Aussage. Ermittelt wird gegen ihn nicht.

Niemand hat etwas bemerkt

Sabine H. versicherte der Haftrichterin: "Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich jedes Kind bekommen." Sie habe immer gehofft, dass ihr Mann die Schwangerschaften selbst bemerkt, ihm aber nie etwas erzählt. Auch im Umkreis der Familie, die in einem Hochhaus für Stasi-Mitarbeiter wohnte, soll niemand etwas von dem neunfachen Drama mitbekommen haben. Auch an das zweite Baby, dass sie sterben ließ, erinnert sich Sabine H. noch. 1992 habe sie bei einem Arbeitsaufenthalt in Goslar in ihrem Hotelzimmer einen Jungen entbunden.

Im Vernehmungsprotokoll hieß es, kurz darauf sei eine Kollegin ins Zimmer gekommen, vor der sie das Baby unter einer Decke verborgen habe. Weil Sabine H. das Kind nicht versorgte, starb es vermutlich an Unterkühlung. Nach eigener Aussage litt Sabine H. selbst stark darunter, dass sie auch die folgenden sieben Kinder nach der Geburt nicht versorgte, bis sie starben. Ihren Schmerz habe sie im Alkohol ertränkt. In der neunmonatigen Untersuchungshaft hat sie mittlerweile eine Entziehungskur hinter sich gebracht, wie ihr Verteidiger sagte. Außerdem ist Sabine H. schwer an Krebs erkrankt, nach dem Prozess soll sie sich in Therapie begeben.

Vor den Geburten betrunken

Auch beim Einsatz der Wehen habe sie sich stets betrunken, erklärte Sabine H. Deshalb wisse sie nicht, wie die Babys zur Welt kamen und gleich wieder starben. Die toten Körper habe sie jeweils erst in Tüten verpackt, in Blumentöpfen vergraben und diese dann auf ihren Balkon gestellt, wenn der Alkoholrausch verflogen war. Erst vor knapp drei Jahren brachte sie die Behälter in den Schuppen hinter ihrem Elternhaus, wo sie später auch entdeckt worden waren. Wenn sie nüchtern gewesen sei, sei ihr klar gewesen, dass die Neugeborenen ohne Versorgung sterben würden, hatte die Angeklagte bei der Haftrichterin eingeräumt. Immerhin hat die Frau noch vier weitere Kinder, die alle leben. "Ich hätte mich auch sterilisieren lassen, aber ich habe Angst gehabt, dass ein Arzt Spuren der Geburten entdeckte", erklärte sie.

In den kommenden Prozesstagen will das Gericht unter anderem die persönliche Entwicklung der Angeklagten zu beleuchten versuchen. "Wir fragen uns natürlich alle, wie es dazu kommen konnte, dass eine Frau so viele Kinder sterben lässt, und weshalb niemand etwas gesehen hat", sagte Justizsprecher Andreas Dielitz. Derjenige, der nach Meinung aller Prozessbeobachter als erster etwas bemerkt haben müsste, war als einziger Zeuge für den ersten Prozesstag geladen: Der frühere Ehemann Oliver H., von dem Sabine H. mittlerweile geschieden ist. Von dem schlanken Mann mit den dunklen kurzen Haaren verspricht sich das Gericht ein wenig Aufklärung des über die vergangenen 20 Jahre Familiengeschichte. Auch die Angeklagte blickt Hilfe suchend zu ihm hinüber. Doch Oliver H. schweigt auch diesmal - er macht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Sven Kästner/AP AP

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