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Bad Doberan: Ehrenbürger Adolf Hitler

Unangenehmes und pikantes Relikt aus der Nazizeit: In einer kleinen Stadt an der Ostsee, in der bald der G8-Gipfel tagt, ist Adolf Hitler immer noch Ehrenbürger. Das Problem haben aber auch viele andere deutsche Städte.

Ob der britische "Guardian" oder der amerikanische "Boston Herald" - plötzlich richtet die Welt den Blick auf das verschlafene Städtchen Bad Doberan. Denn auf dessen Liste der Ehrenbürger steht eine persona non grata: Adolf Hitler. Besonders pikant ist dieses Relikt aus NS-Zeiten, weil in knapp drei Monaten die Staats- und Regierungschefs der G8-Gruppe im Ortsteil Heiligendamm an der Ostsee tagen werden.

Dabei sind die Doberaner Stadtverordneten bei weitem nicht die einzigen, die sich mit Nazi-Größen auf den Ehrenbürgerlisten beschäftigen müssen. "Mehr als 4000 Städte haben Herrn Hitler allein an seinem Geburtstag am 20. April 1933 diese Würde verliehen", sagt Rüdiger Schulz von der Stadtverwaltung Aschersleben in Sachsen-Anhalt. Bis Mai 2006 stand Hitler auch in seiner Stadt zwischen den Namen ehrenwerter Bürger.

Hitler erst seit 2000 kein Ehrenbürger mehr

"In der DDR sah sich die kommunistische Stadtverordnetenversammlung nicht in der Kontinuität der nationalsozialistischen. Deshalb fühlte sich keiner bemüßigt, diesen Beschluss aufzuheben", erinnert sich Schulz. Nach der Wiedervereinigung sei es zunächst niemandem aufgefallen. 2006 ging es dann sehr schnell: Ohne Aussprache entzog der Stadtrat dem einstigen "Führer" die Würde.

Mit diesem Vorgehen steht das 26 000-Einwohner-Städtchen im Herzen Sachsen-Anhalts nicht alleine da. Auch die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf erkannte Hitler erst im Jahr 2000 die Ehrenbürgerschaft ab. "Es wusste keiner, dass Hitler sie besessen hat", sagt der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Manfred Graff. Die Unterlagen seien im Krieg zerstört, verbrannt, vielleicht auch nach 1945 vernichtet worden. Mitte 2000 dann drängte die braune Vergangenheit der Stadt wieder ins Bewusstsein der Politiker.

Aberkennung als symbolischer Akt

Der nicht öffentlich tagende Ältestenrat der Stadt diskutierte das heikle Thema - am Ende stand ein gemeinsamer Beschluss aller Fraktionen. Eine öffentliche Diskussion über die Umstände, die Hitler zu seinem Platz unter den Ehrenbürgern verholfen hatten, gab es aber weder in Aschersleben noch in Düsseldorf. "Wir wollten nicht lange diskutieren - Aberkennung, Strich drunter und fertig", sagt Graff.

Dabei sind die Parlamentsbeschlüsse in Düsseldorf, Aschersleben oder demnächst Bad Doberan eigentlich unnötig. "Die Ehrenbürgerwürde ist zwingend daran gebunden, dass der Ehrenbürger am Leben ist", erklärt Jens Metzger vom Deutschen Städtetag die Sichtweise der Juristen. "Sie wird zu Lebzeiten verliehen und erlischt mit dem Tod", bestätigt der Ascherslebener Schulz. Doch wie er halten viele Politiker die Aberkennung als symbolischen Akt für sehr wichtig.

Posthumer Entzug schwierig

Hinsichtlich der Ehrenbürgerschaft sind sich die Juristen einig - ob man Hitler nach seinem Tod auch die Staatsbürgerschaft entziehen kann, diskutieren sie noch. In der niedersächsischen Staatskanzlei wird diese Frage der SPD-Landtagsabgeordneten Isolde Saalmann derzeit geprüft. "Braunschweig war vor 75 Jahren dafür verantwortlich, dass Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat", sagt SPD-Fraktionssprecher Simon Kopelke. "Ein Stück weit ist das seit Jahrzehnten Braunschweigs Trauma - welche Stadt wäre schon gerne dafür verantwortlich, dass einer der schlimmsten Verbrecher der Menschheit eingebürgert wird?"

Dafür hat Schulz, der sich lange mit Hitlers Verbindung zu Aschersleben auseinander gesetzt hat, keinerlei Verständnis: "Wem hilft das? Entschuldigt das die Verbrechen?" Die juristischen Chancen für den posthumen Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft sind ohnehin gering. Der gebürtige Österreicher Hitler würde dadurch staatenlos - und das ist nach dem Grundgesetz verboten. Doch vielleicht verliert Hitler am Ende dennoch seine Staatsbürgerschaft ebenso unspektakulär wie seine Ehrenbürgerschaft in Aschersleben: Mit einigen dürren Zeilen im Amtsblatt, zwischen Verkündungen zu freiwilliger Feuerwehr, Abwasserentsorgung und neuen Straßenlampen.

Elke Richter/DPA / DPA