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Baustelle Bildung: Ein Gutschein spaltet die Stadt

Die Politik hat Bildung als Thema entdeckt und lädt zum großen Gipfel. Es gibt viel zu tun: In Deutschland baut Bildung keine Brücken, sondern vertieft soziale Gräben. Das Kita-Gutscheinmodell ist so ein Fall. Es geht ausgerechnet zu Lasten derer, die Förderung am dringendsten benötigen.

Von Anika Jurkuhn

Der Kampf gegen die Piraten hat begonnen. Mit entschlossenem Blick und hastigen Bewegungen versucht der schwarzhaarige Junge, sein Schiff gegen die Angreifer zu verteidigen. Doch gegen die beiden Mädchen hat er keine Chance: Johlend entern sie das blau-weiße Plastikboot.

Von ihrem Büro mit den riesigen Fenstern aus hat Kita-Leiterin Petra Eggers das bunte Gebalge im Garten im Blick. Doch jetzt, um halb drei am Nachmittag dringt nur noch wenig Lärm durch die Scheiben. Es sind nicht mehr viele der insgesamt 96 Kinder da, die die Kita Schönenfelder Straße im Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg am Tag besuchen. "Bei vielen Kindern wäre ich aufgrund der familiären Verhältnisse froh, wir könnten sie mehr als die paar Stunden hier behalten. Hier erfahren die Kinder wenigstens Zuwendung und Anregungen", sagt die Kindergarten-Chefin.

Genau das ist eines der großen Probleme der frühkindlichen Betreuung: Fünf Stunden stehen den Kleinen in der Hansestadt zu, doch viele hätten mehr Förderung nötig. Und andere finden nicht einmal den Weg in eine Kita. Dabei stößt das Thema vorschulische Erziehung dank Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) wieder auf breites Interesse und genießt Priorität in der Politik. Lange hat es gedauert bis es soweit war, dass in Deutschland erkannt wurde: Wir können es uns nicht leisten, Kinder in diesen wichtigen Lebensjahren nicht zu fördern. Von der Leyen forderte den massiven Ausbau der Kinderbetreuung und bekam ihn auch. Ende September hat der Bundestag das Kinderförderungsgesetz beschlossen. Es legt den Grundstein für die von der Familienministerin angekündigte Verdreifachung der Krippenplätze bis 2013. Unter Dreijährige haben nun sogar einen Rechtsanspruch auf Betreuung.

Kita-Träger im Wettbewerb

Dass die Kleinsten besser gefördert werden müssen, ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens und bei der Umsetzung hat die Stadt Hamburg die Nase vorn. Zumindest auf den ersten Blick: Werden in Westdeutschland im Durchschnitt nur zehn Prozent der Kinder bis drei Jahre in Krippen betreut, sind es in der Hansestadt mehr als 22, Tendenz steigend. Teil des Erfolgsmodells ist der Kita-Gutschein, über den seit 2003 die Betreuungsplätze vergeben werden - ein Modell, für das von der Leyen immer vehement geworben hat. Prinzip des Modells: Die Stadt regelt nicht mehr zentral Verwaltung und Finanzierung der Plätze, stattdessen buchen die Eltern direkt bei den Kitas. "Jetzt ist das Angebot nachfragegerecht gestaltet. Das hat auch die Qualität der Kitas verbessert", sagt Jasmin Eisenhut, Sprecherin der städtischen Sozialbehörde.

Wie viel Geld eine Kita bekommt, richtet sich nach der Stundenanzahl der Kinder. Je länger die Kleinen im Kindergarten sind, desto "reicher" sind die Kitas. Das war bis vor wenigen Jahren noch anders, damals wurden auch nicht besetzte Plätze finanziert. Was auch Vorteile hatte: Die Gutscheine decken nur die reine Betreuungszeit der Kinder ab - Geld, das zuvor wegen leerer Plätze übrig war, gibt es jetzt nicht mehr. Das hat zum einen zur Folge, dass besonders kleine Einrichtungen Extras wie Ausflüge streichen müssen.

Fünf-Stunden-Gutscheine unbeliebt bei Kitas

Zum anderen sind Gutscheine mit dem Mindestsatz von fünf Stunden unbeliebt bei den Kitas: Sie bringen weniger Geld für die Einrichtung, obwohl die Fixkosten für Putzkräfte oder Lernmaterialien gleich bleiben. Viele Kindergärten nehmen daher lieber Kinder mit Acht- bis Zwölf-Stunden-Gutscheinen - meist Nachwuchs von berufstätigen, ohnehin besser gebildeten Eltern. Kinder arbeitsloser Eltern und Migrantenkinder, deren Mütter zu Hause sind, bleiben so in den Kitas unter sich - die zudem oft noch schlechter ausgestattet sind, weil ihnen nicht soviel Geld zur Verfügung steht.

Um gerade kleine Kinder besser zu fördern, sei das Stundenmodell absolut ungeeignet, sagt Gerd Schäfer, Erziehungswissenschaftler an Universität Köln. Seiner Meinung nach sind Gutscheinsysteme nur finanzielle Erfolgsgeschichten - den Bildungsgedanken untergraben sie jedoch: "Man kann die Bildungsprozesse kleiner Kinder nicht in ein Stundenschema pressen. Gerade sie brauchen Kontinuität - das Gutscheinsystem aber hat ständige Personalwechsel zur Folge." Tatsächlich birgt Modell für die Einrichtungen personelle Probleme: Langfristiges Planen ist durch ein sich ständig veränderndes Sammelsurium an Gutscheinen mit unterschiedlichem Umfang so gut wie unmöglich, nachmittags müssen oft Ersatzkräfte her. Brechen Gutscheine durch Arbeitslosigkeit der Eltern weg oder reduzieren sich auf fünf Stunden, müssen Erzieherinnen um Stellenanteile oder gar ihre Stelle fürchten.

Anspruch an Berufstätigkeit geknüpft

Andere sehen das Gutscheinsystem positiver. Elke Thiel etwa. Sie leitet seit 2005 den Kindergarten Falkennest im sozial benachteiligten Stadtteil Hamburg-Billstedt. 85 Prozent der Kinder hier haben einen Migrationshintergrund. "Die Eltern nehmen das Betreuungsangebot nicht mehr oder weniger als zuvor in Anspruch", sagt Thiel. Doch auch sie wendet ein, dass die Koppelung des Betreuungsanspruchs mit der Berufstätigkeit der Eltern schwierig sei, weil zu wenige der Erziehungsberechtigten überhaupt einen Job haben.

Auch ihre Kollegin Petra Eggers aus Wilhelmsburg hat damit massive Probleme. In den letzten drei Jahren, die sie in der Einrichtung des Trägers SterniPark verbracht hat, musste sie mit vielen Eltern um zusätzliche Stunden für die Kinder kämpfen. Der Rechtsanspruch sieht für Kinder ab drei täglich fünf Stunden Betreuung plus Mittagessen vor, bundesweit sind es vier Stunden. "Alles darüber hinaus ist schwierig", sagt Eggers. Die Verlierer des Systems sind auch hier die Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen und Migrantenkinder. Dabei hätten gerade die oft mehr Förderung nötig. "Das Gutscheinsystem verschärft die soziale Spaltung", sagt Eggers. Zwar können die Eltern einen Antrag wegen besonderen Förderbedarfs stellen, doch dafür müssen sie erst einmal erkennen, dass ihr Kind diese besondere Förderung benötigt.

Armut und Vernachlässigung

Und genau daran hapert es oft, angesichts der elementaren Probleme, mit denen es die Erzieherinnen zu tun haben. Täglich sehen sie Armut und Vernachlässigung, einige Kinder müssen morgens sogar erst einmal gewaschen werden, damit die anderen mit ihnen spielen, sagt Petra Eggers. Die meisten kämen nie aus ihrem Stadtteil heraus. Als die Erzieherin einmal mit ihrer Gruppe bei einem Ausflug an der riesigen Köhlbrandbrücke vorbeikam, hatte die Erzieherin beim Anblick der Kleinen Tränen in den Augen: "Wegen der riesigen Freude der Kinder - die hatten so etwas noch nie gesehen".

Wenn Kinder früh genug, also etwa mit drei Jahren in die Kita kommen, könnten einige Rückstände noch aufgeholt werden, so die Pädagogin. Doch dann gibt es Fälle, in denen Eltern ihr viereinhalbjähriges Kind in die Kita bringen, eines mit erheblichen Sprachproblemen - da sei dann oft nur noch Schadensbegrenzung möglich.

Das ist schon schlimm genug - doch es gibt auch Kinder, die nie einen Kindergarten von innen sehen. "In vielen bildungsarmen Familien ist kein Bewusstsein dafür vorhanden, was Bildung ist und wozu ein Kita-Besuch gut ist", sagt Petra Eggers. Das bloße Wissen, dass es eine Kita in der Nähe gibt, reicht nicht, um diese Familien zu überzeugen dort auch ihr Kind hinzubringen. "Es muss Einrichtungen geben, die auf diese Menschen sehr früh zugehen, so dass sie informiert sind und ihre Scheu verlieren", sagt Erziehungswissenschaftler Gerd Schäfer. Frühzeitige Aufklärung statt Kindergartenpflicht würde nach Ansicht des Pädagogen unflexible Standard-Kindergärten verhindern und stattdessen die Vielfalt in der Bildungslandschaft erhöhen.

Es ist also noch eine Menge zu tun, damit mehr Kinder eine faire Chance bekommen. Und der kleine Kapitän aus Wilhelmsburg demnächst nicht mehr alleine gegen die Piraten kämpfen muss.