HOME

Baustelle Bildung: "Lehrer dürfen keine Beamten sein"

Eltern verbringen zu wenig Zeit mit ihren Kindern, kritisiert der Pädagoge Bernhard Bueb. Im Interview mit stern.de erklärt der ehemalige Leiter des Internats Schloss Salem, warum viele Studenten für den Beruf des Lehrers nicht geeignet sind und Hauptschüler nicht mehr an die eigene Zukunft glauben.

Wenn Lehrer verbeamtet werden führt das laut Bueb zu" obrigkeitsstaatlichem Denken"

Wenn Lehrer verbeamtet werden führt das laut Bueb zu" obrigkeitsstaatlichem Denken"

Herr Bueb, Sie sind im "Frankfurter Zukunftsrat", der Konzepte für die Gestaltung der Zukunft erarbeiten und zukunftsorientierte Reformprozesse in Gang setzen will, Leiter des Zukunftskreises "Erziehung und Bildung." Welche Ziele hat diese bildungspolitische Initiative?

Wir sind Wissenschaftler und Politiker, die versuchen, bei Themen, die nicht vorankommen, etwas zu bewegen. Die Gruppe "Erziehung und Bildung" will die gravierendsten Defizite herausgreifen. Das sind ist die mangelnde Wertschätzung der Person des Lehrers und die Ganztagserziehung.

Werden in den Zeiten der Globalisierung Erziehung und Bildung eine noch größere Rolle spielen als bisher?

Sie werden die zentralste Rolle spielen müssen, die man sich überhaupt nur denken kann.

Was verstehen Sie eigentlich ganz pauschal gefragt unter Bildung?

Bildung ist für mich nicht Ausbildung. Bildung ist die Haltung, wie man der Welt begegnet. Man erwirbt sie durch Aneignung des Wissens und der Werte der Vorfahren, mit deren Hilfe man die Welt interpretiert.

Welche zentralen Defizite sehen Sie in unserem Bildungs- und Schulsystem?

Zwei zentrale Defizite: Das eine ist, dass Kinder und Jugendliche an einem Mangel an gestalteter Gemeinschaft leiden. Das resultiert aus dem Rückgang des Vereinslebens, aus den zu kleinen Familien und der Tatsache, dass es nicht einmal mehr eine Straßengemeinschaft gibt. Das zweite Defizit ist der Mangel an Zeit und Zuwendung von Erwachsenen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dieser Defizite?

Die Veränderung der Familien, die sich in vielen Fällen schon sehr früh auflösen. Hinzu kommt ein hemmungsloser Individualismus, ein Mangel an Gemeinsinn. Das hängt wiederum zusammen mit dem vorherrschenden Materialismus unserer Wohlstandsgesellschaft.

Aus Ihrer Sicht sollen Lehrer die familiäre Erziehung fortsetzen und Defizite ausgleichen. Das scheint im derzeitigen Schulsystem jedoch überhaupt nicht vorgesehen zu sein.

So ist es. Die heutige Halbtagsschule in Deutschland ist eine Belehrungsschule und keine Charakterschule. Sie stellt keine Gemeinschaft dar, in der Kinder ihren Charakter bilden können. Und die Lehrer haben keine Zeit, sich den Kindern in diesem Sinne zuzuwenden.

Das heißt: Sie definieren die Schule als reine Ausbildungsschule, die wenig bis nichts zur Persönlichkeitsbildung beiträgt?

Bildung ist immer die Einheit von akademischer Bildung und Charakterbildung. Wir Deutschen haben Bildung auf akademische Bildung und Ausbildung reduziert. Das ist die Krankheit der deutschen Schulen.

Sind die Lehrer überhaupt bereit, sich über die reine Wissensvermittlung hinaus zu engagieren?

In der Grundschule ganz sicher. Daher ist sie der unproblematischste Bereich. Am meisten Sorge bereitet die Sekundarstufe 1, zwischen zehn und sechzehn, wo die Pubertät stattfindet. Da müssten die Lehrer bereit sein, auch als Erzieher zu wirken. Die junge Lehrergeneration scheint mir zum Glück dazu in hohem Maße bereit zu sein. Dieser neuen Generation muss man aber auch die Gelegenheit geben, dass sie auch erziehend tätig sein kann.

Wenn die Person des Lehrers in den Mittelpunkt des Bildungssystems gehört, dann müsste das auch gefördert werden.

Man müsste Ausbildung und Fortbildung ändern, ihr Selbstverständnis vor allem. Nicht nur Wissensvermittler sein zu müssen, sondern Erziehung zu leisten. Sie müssten einen Arbeitsplatz an der Schule haben und bereit sein, bis 17 Uhr in der Schule zu bleiben.

Wieso haben sie ihn eigentlich nicht aus Ihrer Sicht?

Weil in der Halbtagsschule man davon ausgeht, dass der Lehrer mittags nach hause geht und dort arbeitet.

Ist in der Vergangenheit zu sehr an den Strukturen herumgedoktert worden, etwa an den Streitfragen Gesamtschule oder Oberstufenreform.

So ist es. Man hat Strukturen verändert, aber nicht die Personen, die die Strukturen mit Leben füllen sollen. Dahinter steht der Irrglaube, dass die Veränderung der Strukturen auch die Menschen verändert. Die Gesamtschule ist nicht in der Lage, die Chancenungerechtigkeit zu beheben. Nur die Lehrer können begabte Kinder der bildungsfernen Schichten entdecken und fördern. Dazu brauchen sie Zeit mit Schülern, und die bietet ihnen die Ganztagsschule.

Müssten die Lehrer nicht vor allem ihr Selbstverständnis ändern?

Das wäre das wichtigste. Aus Unterrichtern müssen "Menschenbildner" werden, Lehrer sollten Schüler und nicht Fächer unterrichten. Sie müssten schon bei der Wahl des Berufes Gelegenheit haben zu prüfen, ob sie aus Zuneigung zu diesen Kindern den Beruf wählen. Sie müssten eine Fortbildung erhalten, die sie immer wieder in erzieherischen Belangen schult. Die heutige Fortbildung ist ja rein akademischer Natur, es findet kein Coaching statt, kein Verhaltenstraining. Vor allem darf man die Lehrer nicht einfach ins Wasser werfen zu Beginn ihrer Arbeit an der Schule und dann sehen sie 30, 40 Jahre ihren Schulleiter nur als verwaltenden Manager oben. Sie bedürfen der Führung, der Anerkennung, der Begleitung. Das Hauptleiden deutscher Lehrer ist, dass ihre Arbeit nicht wahrgenommen wird.

Aber werden nicht zu viele Studenten Lehrer, die für den Beruf gar nicht geeignet sind?

So ist es, deswegen muss es Praxisphasen zu Beginn des Studiums geben, wo sie sich prüfen können und wo sie auch geprüft werden. Es gibt ja empirische Untersuchungen, wonach bis zu 40 Prozent der Lehrer ungeeignet sind. Etwa weil sie Lehrer geworden sind wegen der Sicherheit des Beamtentums. Weil ihnen nichts Besseres einfiel. Weil es sich gerade so ergab. Sie wurden aber nicht Lehrer aus innerer Überzeugung und Berufung.

Fordern Sie die Abschaffung des Beamtenstatus der Lehrer?

Der ist unbedingt abzuschaffen, weil er nur schädlich ist. Er führt zu falscher Mentalität, zu obrigkeitsstaatlichem Denken. Und verführt dazu, dass man Lehrer wird, weil der Status Sicherheit bietet und eine schöne Pension. Außerdem ist dieser Status viel zu teuer.

Sie plädieren für die Ganztagsschule. Weshalb? Sie haben einmal gesagt, um Kinder ihren überbetreuenden Müttern zu entziehen.

Das ist nur ein ganz nebensächlicher Grund. Der Hauptgrund ist, dass wir den Kindern gestaltete Gemeinschaften bieten müssen, die nicht nur Gemeinschaften ihrer Klasse sind.

Wie soll die Ganztagsschule aussehen?

Am Vormittag gemeinsamer Unterricht. Dann gemeinsames Mittagsessen, dann Schularbeiten und anschließend müsste das Spiel dominieren, der Sport, das Theater, die Musik. Oder Schüler-Mitverantwortung also spielerische Einübung von Politik. Das muss geschehen unter der Führung derselben Person, die am Vormittag unterrichtet.

In Berlin ist dieses Konzept in den ehemaligen DDR-Schulen schon viel weiter entwickelt als etwa in den baden-württembergischen Schulen.

Es war ein Fehler, die wenigen positiven Dinge der DDR mit in den Orkus bei der Wiedervereinigung geworfen zu haben. Menschen, die die Ganztagserziehung in der DDR mitgemacht haben, sehen sie bis heute positiv. Angefangen von Frau Merkel bis hin zu Frau Illner.

Was ist das größte Problem des deutschen Schulsystems? Dass Kinder aus bildungsfernen Schichten vernachlässigt werden?

Das ist der größte Skandal. Es ist uns nicht gelungen in 50 Jahren, hier einen Schritt voranzugehen. Wir haben nur Strukturen verändert. Doch die Lehrer müssen die Kinder entdecken und das können sie bei Kindern aus bildungsfernen Schichten nur, wenn sie sie am Nachmittag beim Fußballspielen, am Computer oder sonst wo erleben. Nur dort können sie sehen, was ihre Begabjungen sind und können sie in ihrem Selbstwertgefühl stärken. Meine größte Sorge ist, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten kein Selbstwertgefühl entwickeln. Sie glauben nicht an sich, fühlen sich nicht akzeptiert. Ein Hauptschüler steht am Morgen auf und sagt sich, ich werde heute scheitern. Und dann wird er sich tagsüber bemühen zu scheitern, weil er keinen Glauben an sich hat. Das oberste Ziel der Erziehung wurde bei ihm nicht erreicht: Nämlich sein Selbstwertgefühl zu stärken. Das muss in der Ganztagsschule nachgeholt werden. Das ist die wichtigste Zielsetzung des Zukunftsrats überhaupt.

Würden davon auch die Kinder mit Migrationshintergrund profitieren?

Ungeheuer profitieren würden sie, weil sie dann nicht nur im Unterricht mit den anderen Kindern zusammen sind, sondern auch am Nachmittag. Mal in der Sportgruppe, mal in der Theatergruppe. Da würden sie spielerisch auch die Sprache besser lernen, die gegenseitigen Berührungsängste verlieren. Und die Migrantenkinder könnten dann auch ihre Stärken zeigen, zum Beispiel, dass sie viel hilfsbereiter sind, wie man aus vielen Untersuchungen weiß.

Wie muss die Pädagogik der Zukunft aussehen? Sie sagen: Disziplin ist das Rückgrat der Erziehung. Sie wirke sozusagen heilend bei orientierungslosen Kindern.

Ich habe gesagt, Disziplin ist das Tor zu Glück und Freiheit. Sie ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Erziehung. Disziplin zu fordern, ist allerdings nur legitim, wenn Liebe und der Fürsorge für Kinder der Beweggrund sind. Disziplin lernen Kinder nur, wenn sie gemeinsam Ziele verfolgen.

Es gibt in diesem Zusammenhang die Forderung, dass schon der Kindergarten zur Pflichtveranstaltung gemacht werden müsse. Nur dann kämen die Kinder ausreichend vorbereitet in die Grundschule. Treten Sie dafür ein?

Dafür trete ich ein, obwohl es rechtlich vermutlich nicht möglich sein wird. Und ich trete auch für den ganztägigen Kindergarten ein.

Sollen Schulleiter mehr Kontrolle über die Arbeit ihrer Lehrer bekommen? Die wissen doch oft gar nicht, was im Unterricht vor sich geht.

Die Position des Schulleiters muss als Führungsposition definiert werden und nicht als reine Verwaltungsposition wie bisher. Führung bedeutet: Dass derjenige, der führt, den Geführten immer in seinem Selbstwertgefühl stärken muss, dass er Ziele vereinbaren, aber auch kontrollieren muss, ob er die Ziele erreicht. Wenn er sie nicht erreicht, soll er ihm Hilfen geben, damit er sie erreicht. Die Wirtschaft hat längst erkennt, dass man mit guter Führung mehr Geld verdienen kann. Die Schule muss noch entdecken, dass ihre Ziele leichter erreicht werden, wenn Schulleiter führen dürfen.

Interview: Hans Peter Schütz
Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(