HOME

Baustelle Bildung: Was Merkel alles nicht sah

Nicht nur Angela Merkel hat eine Bildungsreise gemacht, sondern auch stern-Autor Walter Wüllenweber. Während die Kanzlerin funktionierende Computer und saubere Toiletten sah, entdeckte Wüllenweber jene Schulen und Kindergärten, bei denen der Putz abbröckelt. Eine Bildungsreise der ehrlichen Art.

Wenn Erich Honecker seine Berliner Scheinwelt verließ, wurden Straßenzüge renoviert, Wohnungen neu eingerichtet, Gärten angelegt. Honecker bekam eine perfekte Inszenierung geboten mit funktionierenden Fabriken, zufriedenen Arbeitern, hervorragende Schulen. Das wahre Gesicht der Mangelwirtschaft zeigte man ihm nicht. Im Spätsommer hat auch Angela Merkel ihre Berliner Scheinwelt verlassen, um sich auf den gestrigen Bildungsgipfel vorzubereiten. Auf ihrer Protokollstrecke besuchte sie preisgekrönte Schulen, Vorzeigekindergärten, vorbildliche Ausbildungsbetriebe, frisch eingeweihte Studiengänge. Die real existierende Mangelwirtschaft in der von Merkel ausgerufenen "Bildungsrepublik Deutschland" zeigte man der Kanzlerin nicht.

"Zu uns hätte sie mal kommen sollen und sich die Situation anschauen, wie sie wirklich aussieht", sagt Schulleiter Egon Ruch. "Aber das tut sich ja niemand freiwillig an." Ruch leitet eine Berufsschule in Eisenach. Namenspatron ist Merkels Amtsvorgänger Ludwig Erhard. Nach der Umbenennung 1990 wurde an die Hausfassade eine Marmorplatte mit Erhards eingraviertem Namen geschraubt. Das war die größte Veränderung, die an dem Gebäude jemals vorgenommen wurde, seit die Schule 1976 eingeweiht worden war. Sonst ist alles noch im Originalzustand.

Der Kopierer steht auf dem Damenklo

Die Erhard-Schule ist ein räudiger Plattenbau. Die meisten Fenster lassen sich nicht mehr öffnen. "Und bei den anderen muss man immer aufpassen, dass das Glas nicht aus dem Rahmen fällt. Im Winter zieht das hier wie Hund", sagt Ruch. Aus Platzmangel steht der Kopierer auf dem Damenklo. Wenn die Lehrer mit einem Betrieb telefonieren wollen, müssen sie sich vom Sekretariat verbinden lassen, weil es nur eine Amtsleitung gibt. Den Umgang mit High-Tech-Maschinen können sie nicht lehren, weil die Statik des morschen Gebäudes solche Geräte nicht mehr trägt. Und die Toiletten. "Also das", Ruch lacht verlegen. "Das hätte man der Kanzlerin nicht zumuten können."

Dabei hätten die zahlreichen Zumutungen der Ludwig-Erhard-Schule für Angela Merkel eine Lehre sein können: Um aus der baufälligen Notunterbringung eine voll funktionsfähige Berufsschule zu machen, ist keine große Reform notwendig. Direktor Ruch braucht vor allem Geld. Für mehr Lehrer, für Technik aus diesem Jahrtausend, für einen kompletten Neubau. Darin sind sich die Experten einig: Geldmangel ist das größte Problem des deutschen Bildungswesens.

Bis zu 45 Milliarden Euro müssten investiert werden

Betroffen sind alle Bereiche, von der Kita bis zur Universität. Bildungswissenschaftler haben ausgerechnet, dass jährlich bis zu 45 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden müssten, um zu den erfolgreichen Bildungsnationen wenigstens aufzuschließen. Die Armut im Bildungssystem hat Tradition. Seit über 30 Jahren gibt Deutschland weniger für Bildung aus als der Durchschnitt der in der OECD organisierten Industrieländer. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sogar gesunken, von 5,4 Prozent auf 5,1 Prozent. OECD-Schnitt ist heute 6,1 Prozent.

Deutschland liegt bei den Investitionen in Bildung unter 27 Industrie-Staaten auf dem viertletzten Platz. Doch dazu sagte die Kanzlerin auf ihrer Bildungsreise nichts. Der Geldfrage wich sie konsequent aus. Und wenn sie zu einer Antwort gezwungen wurde, flüchtete sie in Plattitüden: "Computer sind nun mal teurer als Tafel und Kreide." In der Ludwig-Erhard-Schule hätte sie das nicht gesagt. Es wäre ihr selber peinlich gewesen. Merkels Reise ist nicht nur typisch für die Bildungspolitik. So funktioniert Politik insgesamt. Politiker weihen Neubauten ein, schneiden Bänder durch, überreichen Preise. Sie zeigen sich mit Symbolen der Hoffnung und des Erfolges.

"Hier kann man kaum noch richtig studieren"

In der schmutzigen Realität, im Umfeld von echten Problemen, wollen sie nicht gesehen werden. Und schon gar nicht fotografiert. Sie verlassen ihre Berliner Scheinwelt in Wahrheit nie. Sie nehmen sie immer mit. Weil sie sich in den baufälligen Turnhallen, den geschlossenen Bibliotheken, den stinkenden Schulklos nicht blicken lassen, sehen sie das wahre Elend nie. Das alleine kann den erbärmlichen Zustand des deutschen Bildungswesens nicht erklären. Aber es erklärt schon einiges.

Um die zuständigen Politiker wenigstens zum Hinschauen zu zwingen, ließen sich die Studenten der Uni Würzburg etwas einfallen: Beim Bayerischen Landtag haben sie eine Petition eingereicht. "Hier kann man eigentlich kaum noch richtig studieren", sagt Andreas Hanka, Vorsitzender der Studierendenvertretung. Seit der Petition darf er ab und zu niederrangige Landespolitiker durch eine Welt aus zerbröselndem Beton führen: die Julius-Maximilians-Universität. Der Horrortrip beginnt in der Tiefgarage, wo Eisenstützen die Decken vor dem Einstürzen bewahren müssen.

Das Dach ist leck

Hankas Tour führt durch Seminarräume, in denen die Regenrinnen innen angebracht sind, weil es auch innen regnet. Höhepunkt der gruseligen Tour des Studentenvertreters ist die Uni-Bibliothek. Auch die ist undicht. Darum ließ der Bibliotheks-Chef Karl Südekum Bleche auf die Regale schweißen, damit die Bücher nicht im Regen stehen. Über den Computerarbeitsplätzen lässt das Dach besonders viel Wasser durch. Unter den Tischen liegen darum Plastikplanen bereit. Bei Regen ziehen die Studenten die Planen auf Kommando schnell über Tische und Computer. Genau wie in Wimbledon, wenn der Schiedsrichter ruft: "The court is wet".

Beim Planenziehen gehört die Würzburger Uni-Bibliothek zu den Besten der Welt. In vielen anderen Disziplinen droht sie abgehängt zu werden. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Bibliotheksnutzer um 20 Prozent erhöht. Zusätzlich hat die Uni-Bibliothek heute pro Woche 35 Stunden länger geöffnet als vor zehn Jahren. "Mein Etat hat sich in dieser Zeit nicht verändert", sagt Karl Südekum. Die Folge: Es können immer weniger Bücher angeschafft werden, viele Fachzeitschriften mussten abbestellt werden. "Mir als Bibliothekar blutet da das Herz, das können Sie mir glauben", sagt Südekum.

Es muss sich etwas ändern

"Ein begeisterndes Beispiel", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Bildungsreise. Nein, nein, sie meinte natürlich nicht die Uni Würzburg. Die hat sie ja gar nicht besucht. Die Begeisterung überwältigte sie in einer preisgekrönten Schule. Beim Besuch des außergewöhnlichen Projektes "9-Plus" sagte sie "ein ganz herzliches Dankeschön für die gute Arbeit". Im handverlesenen Gymnasium mit Spezialklassen für Naturwissenschaften lobte sie: "Ich bin beeindruckt." Hätten ihr Stab sie in die Würzburger Uni-Bibliothek geführt, womöglich an einem Regentag, vielleicht hätte sie gesagt: "Ich bin schockiert." "Ein bedrückendes Beispiel." "Hier muss sich dringend etwas ändern." Es wird sich natürlich nichts ändern. Und die Petition der Studenten verläuft im Sand.

In der Würzburger Uni-Bibliothek hätte Merkel der ungeschminkten Bildungsrealität begegnen können. Die Not in Würzburg ist nämlich typisch. Fachhochschulen können sich pro Student nur noch ein halbes Buch im Jahr leisten. 85 Prozent aller Schulen haben überhaupt keine Bibliothek. In fast allen anderen EU-Ländern gehören öffentliche Bibliotheken zu den Pflichtaufgaben des Staates und werden massiv ausgebaut. In Deutschland wird im Schnitt an jedem Werktag eine Bibliothek geschlossen. Die Situation in Würzburg ist aber auch typisch für die Hochschulen in Deutschland, denn in beinahe jeder Uni gibt es ähnliche Missstände. Über Jahrzehnte ließ man die Gebäude vergammeln. Die Sanierung würde mehrere hundert Millionen Euro kosten. Nicht zusammen, pro Uni.

Mindestens ebenso dringend wie die Reparatur ist ein massiver Ausbau des Hochschulwesens. Deutschland bildet viel zu wenig Akademiker aus. Im OECD-Schnitt schließen 37 Prozent eines Jahrgangs ein Studium ab. In Deutschland gerade mal 21 Prozent. Die Bundesregierung peilt eine Quote von 40 Prozent an. Dazu braucht man zusätzliche Professoren. Doch zwischen 1995 und 2005 wurden 6,4 Prozent der Professuren gestrichen, in den Ingenieurwissenschaften sogar 13,3 Prozent.

"Eine Kernfrage der Zukunft des Bildungssystems"

"Wir haben bestimmt keine Bildungsmisere", sagt die Kanzlerin. "Aber wir haben noch Reserven." Ähnlich sieht das auch Frank Walter Steinmeier, Merkels Herausforderer bei der Bundestagswahl. "Wir brauchen uns nicht zu verstecken", schätzt der Außenminister die Lage der Hochschulen ein. Auch für den Kanzlerkandidaten der SPD ist Bildung eines der zentralen Themen. So wie für alle Landesregierungen und alle Bürgermeister. Glaubt man den Reden von Politikern aller Parteien, dann hat die Verbesserung des Bildungssystems für sie allerhöchste Priorität. Trotzdem veröffentlichen Wissenschaftler eine internationale Studie nach der anderen, die dem deutschen Bildungswesen katastrophale Ergebnisse bescheinigt.

"Eine Kernfrage der Zukunft des Bildungssystems", nennt Angela Merkel die Qualität der frühkindlichen Entwicklung. Darum hat sie sich gleich zwei Kindergärten angeschaut. Merkel freute sich über "ein Projekt, das zeigt, was möglich ist." Richtig muss es heißen: Was möglich wäre. Denn Projekte sind nicht auf die reguläre Finanzierung angewiesen, sondern werden aus anderen Quellen gefördert, in diesem Fall von der privaten Hertie-Stiftung. In den Protokoll-Kindergärten gibt es beispielsweise genügend Erzieher. Die EU empfiehlt acht Kinder pro Betreuer. In Deutschland sind es im Durchschnitt 24. In den wenigen Kindergärten, die das Glück haben, als Projekt gefördert zu werden, sind saubere Bäder und Toiletten selbstverständlich. In der Berliner Kita "Schwalbennest" nicht. "Das Gesundheitsamt meckert bei jedem Besuch", berichtet die Kita-Leiterin, Karin Reinhold. "Vor einem halben Jahr haben sie uns schließlich die Dusche geschlossen."

Erzieher sind schwer zu finden

Als Karin Reinhold von der Bildungsreise der Kanzlerin hörte, hat sie sich gefreut. Zuerst. Als sie von der Reiseroute hörte, hat sie sich geärgert. "Sieht die denn nicht, was hier los ist?" Neulich musste ihre Kita mehrere Stellen neu besetzen. Erzieher zu finden ist nicht leicht, denn die Arbeitsbedingungen sind hart und die Löhne miserabel. Rund 1300 Euro netto verdient eine Erzieherin, die Vollzeit arbeitet. Aus Spargründen werden in Berlin aber kaum noch Erzieher Vollzeit eingestellt. So manche arbeitslose Erzieherin kann es sich daher gar nicht leisten, im Kindergarten zu arbeiten.

Nicht weit vom "Schwalbennest" entfernt liegt die Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Dort werden exakt jene Pädagogen ausgebildet, die in der frühkindlichen Erziehung dringend gebraucht werden. Die "Kindergärten Nordost", wozu auch das Schwalbennest gehört, bemühen sich intensiv um Absolventen der Fachhochschule. Mit Werbeaktionen wollen sie die Studenten für ihre Kindergärten begeistern. Ergebnis: Keine einzige Bewerbung. Wer studiert schon, um dann 1300 Euro netto zu verdienen?

Zu wenig Weiterbildung, zu wenig Ganztagsschulen

Die Armut im Bildungswesen hat zur Folge, dass es von allem zu wenig gibt, was eine "Bildungsrepublik" im 21. Jahrhundert braucht: Zu wenig Studienplätze, zu wenig Professoren, zu wenig Bibliotheken, zu wenig Kindergartenplätze, zu wenig Erzieher, zu wenig Weiterbildung, zu wenig Ganztagsschulen. Zu wenig Schulleiter. In Deutschland sind mehr als 1000 Schulleiter-Stellen nicht besetzt. Und zu wenig Lehrer. Insgesamt fehlen an deutschen Schulen rund 20.000 Lehrer.

Besonders groß ist die Lehrer-Not im nordrhein-westfälischen Kreis Minden. Dennoch traute sich Angela Merkel, in dieser Problemregion eine Schule zu besuchen. Das "Mindener Tageblatt" ist voll mit Artikeln über den dramatischen Lehrermangel, an allen Schulen. Fast allen. Einzig in der Hauptschule Löhne West kennt man solche Probleme nicht. Im vergangenen Jahr wurde sie als eine der besten Hauptschulen Deutschlands ausgezeichnet. Richtig geraten: Genau diese Schule bekam kürzlich hohen Besuch.

Der Lehrermangel ist ein bundesweites Problem

Hätte sich die Kanzlerin nur wenige Kilometer weiter fahren lassen, dann hätte sie am Mathe-Unterricht der 10e der Gesamtschule Porta Westfalica teilnehmen können. Textaufgabe: Berechne den Unterrichtsausfall an unserer Schule. Ergebnis: 14,6 Prozent. "Vor allem in Mathe und in den Naturwissenschaften ist es katastrophal", sagt Dorothee Scheck, die Schulleiterin. "Ich habe sogar schon versucht, einen 57-jährigen, arbeitslosen IT-Experten zu überreden, bei mir als Lehrer anzufangen. Der wäre eine Zumutung für die Schüler, ich weiß. Aber ich muss alles ausprobieren."

Der Lehrermangel ist ein bundesweites Problem. Er hat das Land nicht überraschend heimgesucht. Wie viele Kinder die Schule besuchen werden, weiß man sechs Jahre im Voraus, wie viele Lehrer in Pension gehen, ist sogar Jahrzehnte vorher bekannt. Darum wurde die Katastrophe schon vor Jahren exakt berechnet. Grundrechenarten. Auch die Lösung ist nicht kompliziert: Neue Lehrer einstellen. Doch die kosten Geld. Das sparen die Länder. Für 2013, wenn die Kinder eingeschult werden, die heute zur Welt kommen, ist ein Lehrermangel von 40.000 berechnet.

Die deutsche Bildungspolitik gibt es in Wahrheit nicht

Die fehlenden Lehrer gehen auf das Konto der Bundesländer. Für die maroden Schulgebäude sind die Kommunen zuständig. Bei den Kindergärten sind die Kommunen allein verantwortlich, für Gebäude und für Personal. Die Universitäten sind komplett Angelegenheit der Länder. Und der Bund? Nicht zuständig. Die Bundeskanzlerin nennt die Bildung "das Schlüsselthema des 21. Jahrhunderts", doch die Richtlinienkompetenz der wichtigsten deutschen Politikerin gilt nicht für das wichtigste Thema der Politik. Bei der Bildung steuern alle mit, aber jeder in eine andere Richtung. Die deutsche Bildungspolitik? Die gibt es in Wahrheit nicht.

Wie sehr das Zuständigkeitsdenken den Bildungsalltag prägt, das erfährt auch Schulleiterin Scheck. Zu gerne hätte sie Angela Merkel die katastrophale Situation in ihrer Schule vorgeführt. Das wäre die einzige Chance gewesen, ihre Probleme der Politik vorzutragen. Denn an das Ministerium darf sie sich nicht wenden. Das würde den Dienstweg verletzen. Scheck beschwert sich beim Schulamt. Das ist erlaubt, aber wirkungslos. Sie redet mit ihrem Landtagsabgeordneten. Der verspricht mutig, "das Thema anzusprechen". Ein paar mal schon hat sie sich dennoch direkt an das Bildungsministerium gewandt. "Dann muss ich mir immer Vorträge über Loyalität anhören. Auch dass ich hier mit dem stern rede, wird sicher Ärger geben. Aber ich habe nicht mehr lange bis zur Pension."

Vom Schulhof ihrer Gesamtschule aus kann man am Horizont das Denkmal Kaiser Wilhelms an der Porta Westfalica erkennen. Auf einer Informationstafel ist dort ein Spruch zitiert, der im deutschen Bildungswesen noch immer Gültigkeit zu besitzen scheint: "Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen."

Walter Wüllenweber