HOME

Bedingt haltbar – Eigentlich wollte Merkel nie enden wie Kohl. Doch jetzt ...

Sie wollte nie enden wie Helmut Kohl. Doch nach dem Wahldebakel könnte es Angela Merkel genauso ergehen. Der Ruf nach Veränderung und neuen Gesichtern wird in der CDU lauter, und die Kanzlerin – macht weiter wie immer.

Bedingt haltbar – Wie lange hält Angela Merkel als Kanzlerin noch durch?

32,9 Prozent – das Wahlergebnis empfinden viele in der CDU nicht als Sieg, sondern als Niederlage. Sie machen ihre Kanzlerin und Parteivorsitzende dafür verantwortlich

Sie könnte nun frei sein. Frei wie der Wind. Sie könnte immer noch den Krawallero enteiern, das Selbstbewusstseinsmodell Lindner zurechtstutzen, die überschäumenden Grünen zügeln. Sie ist alternativlos – ein letztes Mal. Sie könnte mit dieser Alternativlosigkeit drohen.

Sie könnte vom Ende her denken. So, wie sie es immer macht. Nur eben nicht bis zum Erbrechen pragmatisch, sondern radikal. Sie könnte ihr eigenes Ende – das sowieso kommt – mitbedenken, so wie der in die Enge getriebene Revolverheld, von dem keiner weiß, wie viele Kugeln er noch in seinem Lauf hat.

Angela Merkel könnte den Kordon des Schweigens durchbrechen

In der Spieltheorie gibt es für diese Konstellation den Begriff "Chicken Game". Noch kann sie sicher sein – die anderen wären die Hühner, die Feiglinge. Sie würden klein beigeben. Noch.

könnte den Kordon des dröhnenden Schweigens und der Verlogenheit durchbrechen, der sie in diesen Tagen im Berliner Regierungsviertel umgibt, in den nächsten Wochen weiter umgeben wird. Sie könnte die Heckenschützen und Taktierer in ihren Verstecken entlarven. Ihre Bedingungen diktieren und dabei mit sich im Reinen sein, beim allerletzten Mal zum ersten Mal. Aber so ist sie nicht. So war sie nie. So wird sie auch nicht mehr werden.

FDP-Chef Christian Lindner sagt über Merkel: "Der Vertrauensverlust ist signifikant"

FDP-Chef Christian Lindner sagt über Merkel: "Der Vertrauensverlust ist signifikant"

In Berlin beginnt eine bleierne Zeit. Und Angela Merkel ist die Hauptdarstellerin. Die Kanzlerin wird am Mittwoch nächster Woche in die Sondierungsphase für eine Jamaika-Koalition eintreten. Der Formelkompromiss mit der Seehofer- in der Migrationsfrage hat das möglich gemacht. Doch Merkel geht angeschlagen in den Verhandlungsmarathon.

Sie erlebt nun exakt das, was viele prognostiziert haben. Endzeitstimmung. Es wird ihre letzte Amtsperiode. Es wäre ohnehin nicht einfach geworden. Jetzt wird es unendlich zäh, weil sie in diese letzte Periode so geschwächt hineingeht. 32,9 Prozent schwach.

"Wir müssen uns Gedanken machen, wie die Zeit nach Merkel aussieht."

"Der Vertrauensverlust ist signifikant", sagt ihr Koalitionspartner in spe, FDP-Chef , der Wahlsieger, der nichts zu verlieren hat.

Sie muss nun in ihrem eigenen Laden mit Leuten zusammenarbeiten, die nicht mehr an sie glauben. Das kennt sie schon. Neu ist, dass sie mit Leuten zusammenarbeiten muss, die nur darauf warten, dass ihre Zeit abläuft.

Menschen wie Klaus-Peter Willsch, -Abgeordneter aus dem Rheingau. Am Tag nach der Bundestagswahl sagt Willsch: "Wir müssen uns Gedanken machen, wie die Zeit nach Merkel aussieht." Willsch ist bekannt als notorischer Euro-Rebell. Ein Dauernörgler, der sein Außenseitertum pflegt. Sichtbar. Hörbar. Ungefährlich.

CSU-Chef Horst Seehofer würde lieber Jamaika opfern, als seine Zukunft zu riskieren

CSU-Chef Horst Seehofer würde lieber Jamaika opfern, als seine Zukunft zu riskieren

Gefährlich sind andere. Die, die jetzt mit der Faust in der Tasche auf ihren Sesseln sitzen. Die, die noch in der Deckung verharren. Unberechenbar. Sie werden immer mehr.

Der Dienstagnachmittag vor zwei Wochen. Im Fraktionssaal der Union haben sich die Überlebenden des Wahltags versammelt. Die Fraktion ist geschrumpft. Jeder Fünfte ist auf der Strecke geblieben. Statt 311 sind es nur noch 246 Abgeordnete, dabei ist der Bundestag durch Überhang- und Ausgleichmandate auf Rekordgröße aufgebläht. Die, die es geschafft haben, tragen erhebliche Blessuren davon. Kaum einer, der in seinem Wahlkreis nicht fast zehn Prozentpunkte bei den Erststimmen eingebüßt hat.

Die Entfremdung wächst

Armin Schuster zum Beispiel. Der konservative Innenpolitiker hat seinen Wahlkreis Lörrach-Müllheim im äußersten Südwesten der Republik wochenlang beackert wie weiland Philipp Lahm die rechte Flanke beim FC Bayern. Unermüdlich, rauf und runter, 2500 Haustürbesuche im CDU-Stammland. Schuster mag Fußballmetaphern. Die letzten Wochen waren für ihn ein permanentes Auswärtsspiel. Szenen einer Entfremdung.

Nein, es gab nicht nur Unmut. Schuster wurde ja auch mit 39,4 Prozent gewählt. Aber ziemlich oft wurde ihm die Haustür mit dem Ruf "Merkel muss weg" zugeschlagen. Oder er durfte sich anhören: "Ich gebe Ihnen meine Stimme nicht mehr, weil Sie es nicht geschafft haben, Merkel zu stürzen." Nicht: zu stützen. Zu stürzen!

Helmut Kohl lebte in seiner Spätphase oft in einer Parallelwelt. Genau das werfen ihre Kritiker nun auch Angela Merkel vor

Helmut Kohl lebte in seiner Spätphase oft in einer Parallelwelt. Genau das werfen ihre Kritiker nun auch Angela Merkel vor

So viel zur Stimmung im Land. Diese Stimmung ist mit dem Wahlergebnis reingekrochen in die Unionsparteien – und mit ihr ein kaum noch zu erstickender Schrei nach Veränderung.

Hat Angela Merkel die Zeichen der Zeit erkannt? Es sieht nicht danach aus. Eher schon bleibt, in Anlehnung an Herbert Grönemeyer, mal wieder alles anders.

Aus dem Off melden sich die Ersten, die entsetzt sind über den irritierenden Gleichmut, mit dem die Kanzlerin das Desaster der Union am Wahlabend kommentierte: "Wir hatten uns ein wenig ein besseres Ergebnis erhofft." In der Union sind sie über diesen Satz entgeistert.

Merkels Gleichmut irritiert viele

Ein erfahrener CDU-Mann sagt: "Mich hat der Jubel im Adenauer-Haus abgestoßen. Die leben da in einer Parallelwelt."

Es ist die Merkel-Welt. Und zwar in Reinkultur. Für Merkel kommt zunächst das Kanzleramt – dann kommt das Kanzleramt. Und dann eine ganze Weile nichts. Und dann, irgendwann, die Partei. Merkel denkt und handelt immer zuerst als Regierungschefin. Die CDU war für sie stets eher Mittel zum Zweck als Herzensangelegenheit. Das ist, meist, gut für das Land. Die CDU akzeptiert das – wenn es gut läuft.

Läuft es schlecht, nimmt sie übel.

Es läuft schlecht.

Merkeldämmerung?

"Die gab es doch schon vorher", sagt der, der sich am Jubel im Adenauer-Haus stört.

Merkeldämmerung?

"Noch nicht", sagt ein anderer. "Das dauert noch. Die Lunte ist lang. Sie ist aber gerade angezündet worden. Sie brennt." Das ist die gefährlichere Analyse.

Angela Merkel hat Helmut Kohls letzte Amtszeit genau studiert, die finalen vier von insgesamt 16 Jahren. Sie war als Umweltministerin relativ nah dabei, damals, bei der langen Dämmerung des Kanzlers der Einheit. Sie hat beobachtet, wie erst sein Ansehen zerfiel, dann seine Macht. Kohl war nicht mehr neugierig. Er hörte nur noch auf wenige und hatte den Kontakt zur Realität verloren. Am Ende gab es für Kohl nur noch Kohl und den Machterhalt. So wollte sie niemals enden.

"Das fühlt sich an wie bei Helmut Kohl in der Spätphase."

Sie hat ihre Lehren daraus gezogen, sagen diejenigen, die nahe an ihr dran sind.

Sie wird Kohl, dem Älteren, immer ähnlicher, sagen die, die ihr fern genug sind.

Einer aus der CSU-Spitze sagt: "Ich habe schon im Wahlkampf gedacht: Das fühlt sich an wie bei Helmut Kohl in der Spätphase."

Und Volker Rühe, 75, sagt: "Es ist zwei Minuten vor 12. Merkel muss den Wechsel herbeiführen. Wenn sie es nicht tut, müssen es andere tun." Der frühere CDU-Verteidigungsminister hat Expertise im Niedergang. Er saß mit Merkel im letzten Kabinett Kohl. Nun ist er einer der ersten, die sich im Gespräch mit dem stern trauen, die Kanzlerin offen zu kritisieren, weil sie, wie Kohl, es versäumt habe, einen geeigneten Nachfolger aufzubauen. "Jetzt müssen neue, vor allem jüngere Leute in die Sichtbarkeit kommen. Ich würde jemandem wie Jens Spahn ein schwieriges Ministeramt geben, damit er sich profilieren kann."


Spahn, der Hoffnungsträger des konservativen CDU-Flügels und Twitter-King, schwieg auffällig lange in den Tagen nach der Bundestagswahl. Erst auf dem Deutschlandtag der Jungen Union am vergangenen Wochenende in Dresden legte er wieder los mit kaum verhohlener Kritik an Merkel - und wurde vom Parteinachwuchs umjubelt.

So ist das in diesen Tagen. Erschütterungswellen laufen durch das Regierungsviertel. Sie sind nicht synchron. Sie kräuseln sich. Aber sie können sich jederzeit zu einer Riesenwelle aufbauen. Geht am kommenden Sonntag für die CDU die Wahl in Niedersachsen schief – und die Anzeichen dafür mehren sich -  dann droht die nächste Welle.

Schon jetzt kann sich Merkel vor nur vermeintlich gut gemeinten Ratschlägen kaum retten. Rühe. Haseloff. Tillich. Merkel müsse jetzt die "Staffelübergabe" vorbereiten, sagt der Ministerpräsident von SachsenAnhalt. Die CDU müsse weiter nach rechts rücken, verlangt dessen sächsischer Amtskollege. Der Prozess der Erneuerung sei überfällig, sagt der Ex-Generalsekretär.

In der CDU geht es zu wie früher in der SPD, wenn ein Vorsitzender rücktrittsreif geschossen wurde.

"Von der Leyen? Kann doch keiner mehr sehen."

Im Kreise der EU-Regierungschefs registrieren sie aufmerksam, wie Merkels Nimbus in der Heimat schwindet, wie die mächtigste Frau Europas schwächelt. Merkel war ja in der EU auch deshalb so durchsetzungsstark, weil sie im mächtigen Deutschland stark war. Und umgekehrt. Jetzt titelt der einflussreiche "Economist": "Europe's new order" ("Europas neue Ordnung") und stellt den französischen Präsidenten Emmanuel Macron auf einer Bühne ins Scheinwerferlicht – Merkel als Schattengestalt dahinter. Das wäre vor kurzem noch genau andersherum gewesen.

In einer Rede an der Sorbonne hat Macron schon einmal den Kurs abgesteckt. Er skizzierte, wie er sich Europa in Zukunft vorstellt, mit mehr Zusammenarbeit bei der Sicherheit, mit einem gemeinsamen Budget. Das ginge zulasten Deutschlands. Merkel kann dagegen momentan wenig sagen. Sie muss erst ihre Regierung zusammenkriegen. Und danach? Hängt es weniger von ihr ab als von ihren Koalitionspartnern.

Sie selbst – nur noch geduldet.

"Von mir aus kann Merkel ja Bundeskanzlerin bleiben", sagt ein langjähriges Mitglied der Unionsfraktion. Man muss diesen Satz auf sich wirken lassen. Dann geht er die Riege der CDU-Minister durch, wie einer, der auf dem Jahrmarkt an der Schießbude auf Luftballons feuert. "Schäuble? Zu alt. Wanka? Kennt kein Mensch. Von der Leyen? Kann doch keiner mehr sehen."

32,9 Prozent – das war kein Sieg. Das war eine Niederlage, für viele in der Union nicht nur eine gefühlte. In der CSU-Spitze haben sie das Datum dieser Schlappe allerdings zwei Jahre vorverlegt, vom 24. September 2017 auf den 5. September 2015. Auf die Nacht, als Angela Merkel Deutschlands Grenzen für die Flüchtlinge öffnete. Damit ist auch klar, wer die Hauptschuld trägt am miserablen Abschneiden der CSU in Bayern: die Kanzlerin der Willkommenskultur. "Wer sagt, seine Politik sei alternativlos, der muss sich nicht wundern, wenn sich die Menschen selber eine Alternative suchen", ätzt Markus Söder.

Bayerns Finanzminister Markus Söder ist der Mann, der Horst Seehofer noch nicht gestürzt hat.

Der waidwunde Löwe Seehofer

Merkel muss jetzt mit einem CSU-Vorsitzenden über Jamaika verhandeln, dessen Macht schneller schwindet als ihre eigene. Wenn es bei Merkel dämmert, ist es bei Seehofer bereits duster, daran ändert auch die formelhafte Einigung in der Obergrenzen-Frage zunächst einmal nichts. Merkel weiß nur sicher, dass Seehofer bis November oder Dezember im Amt ist. Dann ist CSU-Parteitag. Danach? Alles offen.

Seehofer kämpft um seine Ämter. Als CSU-Chef. Als bayerischer Ministerpräsident. Am vergangenen Sonntag hat die Union Sondierungsgespräche mit sich selbst geführt, um überhaupt in den Jamaika-Poker einsteigen zu können – auch ziemlich einmalig. Die "schwierigsten Gespräche seit Kreuth 1976" hatte Seehofer zuvor geraunt. Damals standen die Unionsparteien kurz vor der Scheidung. Es ist noch mal gut gegangen. Mit Ach und Krach.

So viel zum Klima zwischen den "Schwesterparteien".

Seehofer ist nach wie vor wie ein waidwunder Löwe, zu dem Merkel in den Käfig steigen muss. Schafft er es nicht, bei den Koalitionsverhandlungen den faulen Kompromiss vom Sonntag zu bewahren, wird er den Parteitag politisch nicht überleben. In der CSU sind sich fast alle einig, dass Seehofer eher Jamaika platzen ließe, als seine politische Zukunft zu riskieren.

So viel zum Handlungsspielraum der Kanzlerin.

Im Kanzleramt sind sich Merkels Leute trotzdem nicht sicher, was schlimmer wäre: Wenn Seehofer bliebe – oder wenn er weggeputscht würde. Er gilt immerhin als leidlich kalkulierbar. Söder dagegen? Kann man nicht einschätzen. Aber alles, was er bislang gesagt hat, verspricht eine noch weniger gedeihliche Zusammenarbeit. Das Abschneiden der AfD zeige, "dass viele Menschen einen Kurswechsel der Politik wollen", reibt er Merkel rein. Die Union müsse aufpassen, "dass die AfD nicht zu einer Art Linkspartei von CDU und CSU wird" – mit allen Folgen: Mitgliederschwund, Wählerschwund, Verlust der Vorherrschaft der Union in Deutschland.

"Alles Gute, volle Kraft voraus"

Der Vorwurf, der in diesen Sätzen mitschwingt, lautet: Angela Merkel macht die Partei kaputt – wie Schröder die SPD kaputtgemacht hat. Einen schlimmeren Vorwurf kann man ihr kaum machen.

Sie selbst ist längst wieder im Merkel-Modus. Weiter, immer weiter. Muss ja. Es wirkt bizarr.

So wie drei Tage nach der Bundestagswahl.  Da hat sie zunächst Heiner Geißler, dem früheren CDU-Generalsekretär, das letzte Geleit gegeben. Dann, nach der Beerdigung, hat Merkel das schwarze Jackett gegen ein senfgelbes getauscht und ist nach Hildesheim geflogen. In "Halle 39" startete die niedersächsische CDU in den Landtagswahlkampf. Schon wieder eine Wahlkampfrede.

Die Bundestagswahl? Nun ja. Merkel kann sie nicht komplett unerwähnt lassen. Aber man merkt, es ist ihr lästig. 61 Sekunden redet die Kanzlerin gleich zu Anfang darüber. Sie spricht über "eine ganze Reihe von Hausaufgaben, die Menschen uns aufgegeben haben, die diesmal nicht CDU gewählt haben". Welche? Das kann sich jeder selbst aussuchen.

Eine Minute und eine Sekunde. Dann folgen knapp 20 Minuten Breitband, Bildung, Pflege, Abschiebung, ländlicher Raum und "alles Gute, volle Kraft voraus". Die heil scheinende Wahlkampfwelt hier drin in "Halle 39" hat mit der brüchig gewordenen Welt der Rest-Union da draußen wenig zu tun.

Aber es gibt sie. Bernd Althusmann ist dauernd im Wahlkampf unterwegs. An einem Nachmittag bekommt er eine SMS auf sein IPhone. Der CDU-Spitzenkandidat nennt es "Bericht von der Front". Als er nach einem Wahlkampftermin auf der Rückbank seines Autos sitzt, meldet sich ein CDU-Mitglied aus Hannover: "Angela Merkel soll nicht sagen: Weiter so, ich habe nichts falsch gemacht. Das verschreckt haufenweise CDU-Wähler", schreibt der Parteifreund. Dann schärft er Althusmann ein: "Sagt ihr das."

Mitarbeit: Tilman Gerwien und Andreas Hoffman

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren