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Berlin³ zum FDP-Chef: Kein Mitleid mit Christian Lindner. Diesmal nicht

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sich die Freiheit genommen, in aller Öffentlichkeit einen Kumpel zu umarmen. War das ein Fehler? Oder sollte es ein Zeichen sein?

FDP-Politiker Christian Lindner gestikulitert, während er im Bundestag eine Rede hält

Kein Mitleid mit Christian Lindner. Diesmal nicht. Diesmal hat die volle Dosis Häme, die dem FDP-Chef da gerade in den sozialen Medien ins unmaskierte Gesicht weht, ihre Berechtigung. Lindner darf mit Fug und Recht seit diesem Wochenende als "Salomon Kalou der Politik" bezeichnet werden – ein ausgemachter Hallodri seiner Zunft, ausgestattet mit eher limitiertem Verantwortungsbewusstsein für das große Ganze. Den Titel hat er sich redlich verdient. Lindner hat – unfreiwillig? – Einblicke geliefert in die Welt des Christian Lindner. Motto: Die Freiheit nehm' ich mir.

Es wird für den FDP-Chef nicht ganz einfach sein, den Imageschaden wieder zu beheben. Im Berliner Promi-Restaurant "Borchardt" hat er mit einer herzlichen Umarmung schließlich in aller Öffentlichkeit nicht nur gegen geltende Abstandsregeln verstoßen (der stern berichtete). Er hat auch die Maßstäbe, die er anderen gegenüber anlegt, ad absurdum geführt. Zweierlei Maß aber ist für einen Politiker nie gut.

Wir erinnern uns: Lindner hatte sich vor kurzem noch empört, als der Fußball-Profi Salomon Kalou vor einigen Tagen per Smartphone in der Hertha-Kabine die dort herrschende sorglose Nähe der Kicker gut gelaunt dokumentierte. Der FDP-Chef war danach schnell bei der Hand, scharfe Sanktionen gegen Kalou zu fordern: "Solches individuelles Fehlverhalten muss so streng geahndet werden, dass es selbst Fußballmillionären richtig weh tut."

Das war schnell daher gesagt und populär. Und nun?

FDP-Chef Christian Lindner wird sich über jene Aufnahme nicht beschweren können

Das "Borchardt" ist eine Bühne. Das ist zu Corona-Zeiten nicht anders als sonst. Es lebt vom Sehen und Gesehen werden. Den Gästen gefällt das. Manche gehen sogar eigens deshalb dahin, um sich tags darauf in den Boulevard-Zeitungen der Stadt mit Foto wieder zu finden. Christian Lindner wird sich also nicht beschweren können über jene Aufnahme, die ihn in der Umarmung mit dem Immobilienunternehmer Steffen Göpel zeigt, der seit vergangenem Jahr auch Honorarkonsul Weißrusslands ist.

Das macht es nicht besser. Im Gegenteil. Denn Lindner sieht sich nun nicht nur dem Verdacht ausgesetzt, dass ihm die Abstands- und Hygieneregeln persönlich völlig schnurz sind. Man kann auch unterstellen, dass er seinen Fauxpas demonstrativ begangen hat. Für jedermann sichtbar. Dann aber hätte sich Lindner eingereiht in jene seltsame Schar von Covid-19-Verharmlosern, die derzeit auf deutschen Marktplätzen in kruden Theorien ihr Freiheitsverständnis zu Protokoll geben. Lindner wäre dann schon sehr nah bei Figuren wie dem früheren thüringischen Kurzzeitministerpräsidenten Thomas Kemmerich (FDP), dem es  nicht mal etwas ausmacht, sich in Gesellschaft von Verschwörungstheoretikern zu bewegen.

Ganz ehrlich – ein derartiges Abdriften wäre ein Drama für die FDP. Lindner hat sich zwar mittlerweile entschuldigt. Aber das hat Salomon Kalou hinterher auch. Die Liberalen sollten daher schon genau überlegen, wie sie den Fehler ihres Vorsitzenden einordnen. So konsequent wie die Hertha das bei Salomon Kalou getan hat? Dann täte es auch für Christian Lindner richtig weh. Kalou wurde schließlich suspendiert.

fs