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Berlin vertraulich! Bei Wulff gibt es keine Pinkel


Der Bundespräsident tafelt mit 1500 Gästen am Brandenburger Tor - und was steht auf der Karte? Außerdem in dieser Kolumne: In welchem Hotel die FDP in Köln absteigt und welcher Genosse Matthias Platzeck die Treue hält.
Von Hans Peter Schütz

Die 1500 Bürger, vor allem jene aus Süddeutschland, die in dieser Woche mit Bundespräsident Christian Wulff zum Menü an der "Tafel der Demokratie" sitzen, können aufatmen. Es wird nicht Grünkohl mit Pinkel serviert, jene allenfalls für geborene Niedersachsen verdauliche Spezialität. Es bleibt zwar dabei, dass zu Ehren des neuen Bundespräsidenten nahe dem Brandenburger Tor Küche mit niedersächsischem Akzent serviert wird. Denn Oliver Barda, der niedersächsische Küchenchef der Sterne-Küche in der Berliner Edelherberge "Adlon", lässt niedersächsischen Kartoffeleintopf mit Rauchwurst und Rinderbrust als Hauptgang auftischen. Und den süßen Abschluss bildet eine "Hannoversche Welfenspeise" mit Waldbeeren. Als Vorspeise dient eine Berliner Sülze vom Saalower Kräuterschwein. Also alles essbar. Für den Hauptgang sind drei Zentner Rinderbrust, 40 Kilo Cabanossi und 600 Liter Rinder-Bouillon geordert. 40 Köche stehen am Herd, wobei ihre nicht leicht zu lösende Aufgabe darin besteht, die vielen Gäste einigermaßen gleichzeitig bewirten zu können.

Und die Organisatoren vom "Verein Werkstatt Deutschland", die mit ihrer Einladung zum dritten Mal die Amtseinführung eines neuen Präsidenten feiern und das Gespräch zwischen Bürgern und Politik fördern wollen, versichern quasi an Eides Statt: Die Brötchen zum Essen werden keineswegs aus Hannover herangekarrt, wie schon behauptet wurde. Diese Brötchen sind echte Berliner Schrippen.

Man darf gespannt sein, wem die Ehre zuteil wird, direkt am Tisch des Bundespräsidenten zu sitzen. Damit die Zahl dieser Mit-Esser besonders hoch wird, wechselt Christian Wulff dreimal den Tisch, jeweils nach einem Gang.

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Für einen erfolgreichen politischen Neustart im Herbst rüstet die FDP-Bundestagsfraktion ab 8. September auf einer dreitägigen Klausursitzung auf. Nicht mehr in Wiesbaden, wie dies früher der Fall war, sondern in Nordrhein-Westfalen. Beraten wird in der Fünf-Sterne-Herberge "Schloss Bensberg", wo man einen traumhaften Blick auf das 15 Kilometer entfernte Köln genießen kann. Das greift natürlich tief in die FDP-Fraktionskasse. Zimmer kosten zwischen 220 und 320 Euro. Zwei Dinge dementiert die Fraktionspressestelle: Erstens, dass die Vorsitzende Birgit Homburger sich in der Präsidentensuite einquartiere. Die kostet 1600 Euro pro Nacht. Zweitens: Das Hotel gewähre den Liberalen keinen großzügigen Rabatt - quasi als Dankeschön für die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotelübernachtung von 19 auf 7 Prozent. Wenn jedoch ein FDP-Mann solchen Rabatt verdient hätte, dann Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Der Abgeordnete aus dem Wahlkreis Tuttlingen/Rottweil ist der letzte führende Liberale, der noch immer das Steuergeschenk an die Hoteliers verteidigt. Auf Anfrage von stern.de sagte er: "Ich stehe nach wie vor dazu!" Dass sogar FDP-Generalsekretär Christian Lindner die Aktion einen Fehler nenne, "ist nicht klug gehandelt". Im Hotelgewerbe seien schließlich viele neue Arbeitsplätze entstanden, es werde investiert wie seit langem nicht mehr und der Tourismus habe vielerorts erheblich zugenommen. Zumindest dank der FDP jener ins Schloss-Hotel Bensberg. Burgbacher hat allerdings einen starken Verbündeten bei der Verteidigung um die Verteidigung des so genannten Mövenpick-Privilegs der Hoteliers. CSU-Chef Horst Seehofer hat stern.de versichert: "So lange ich im Amt bin, bleibt es bei dieser Steuererleichterung!"

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Dass sich die SPD intern oft heftiger streitet als mit dem politischen Gegner, ist bekannt. Neu ist, dass sich die Parteispitzen wechselseitig nicht einmal den Wein im Glas gönnen. "Des kamma so nit mache", schimpfte Winzer Rainer Keßler vergangenen Montag auf seinem Weingut Münzberg in der Südpfalz. Was war geschehen?

2006 hatte Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, das Amt des SPD-Parteichefs übernommen, Matthias Platzeck, gesundheitlich schwer angeschlagen, wurde auf einem Sonderparteitag in Berlin verabschiedet. Beck schenkte Platzeck zu diesem Anlass symbolisch einen Weinstock auf dem Gut Münzberg ("Der trägt noch in 100 Jahren Früchte"), und versprach, Platzeck werde nun jedes Jahr ein paar Flaschen köstlichen Spätburgunders trinken können. Doch da hatte er die Rechnung ohne Franz Müntefering gemacht. Kaum hatte sich Müntefering 2008 den SPD-Vorsitz einverleibt, erhielt Winzer Rainer Keßler einen Anruf aus dem Willy-Brandt-Haus in Berlin: Leider, leider könne die SPD den Wein für Platzeck nicht mehr bezahlen.

Keßler, selbst Sozialdemokrat, fühlte sich bei der Ehre gepackt. "Isch hab des dann selbst gemacht", knurrte er im Gespräch mit stern.de. Heißt: Er schickt Platzeck nun weiterhin Jahr für Jahr ein paar Flaschen Spätburgunder. Kostenlos. Aus Solidarität, von Genosse zu Genosse. Geht doch.

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Zu vorgerückter Stunde, vor allem, wenn schon ein paar Gläser geistlicher Getränke verputzt sind, schrillen bei Politikern die Alarmglocken. Denn sie laufen Gefahr, versehentlich zu viel zu plaudern, über ihr Privatleben oder die Partei. Also flüchten sie - und fangen plötzlich an, über Fußball zu debattieren oder Witze zu erzählen. Kurt Beck, vergangenen Montag auf Sommerreise durch Rheinland-Pfalz, erzählte spätabends an der Bar im Hotel Leinsweiler Hof, diesen hier: "Läuft ein Pfälzer durch Saarbrücken und hat einen Papagei auf der Schulter sitzen. Fragt ein Passant: 'Na, schwätzt er schonn ebbes?' Antwortet der Papagei: 'Nä, ich hann ne erscht seit drei Daa!'" (für nicht-Saarländer: "Nein, den habe ich erst drei Tage"). Beck kann sich solche Witze auf eigene Kosten erlauben. Tagsüber hatte er, diesmal ganz ernst, darüber sinniert, was bei einer Neuordnung der Bundesländer wohl passieren würde. Na klar: Das Saarland würde Rheinland-Pfalz zugeschlagen. Und nicht umgekehrt.


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