Berlin vertraulich! Der verlängerte Rücken der SPD


Kurt Beck hat's schwer: Die SPD-Umfragewerte sind desaströs, und nun lästert Wolfgang Clement auch noch über die politische Zerstörungskraft delikater Körperteile des Pfälzers. Ein anderer SPD-Mann macht indes einen provokativen Vorschlag: Franz Müntefering soll Kanzlerkandidat werden.
Von Hans Peter Schütz

Nichts signalisiert die wachsende Verzweiflung der SPD über ihre innere Zerrissenheit mehr als die jüngsten Auskünfte darüber, wer denn nun als Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antreten soll. Beck oder Steinmeier? Steinmeier selbst war vergangene Woche auf Sommertour in Brandenburg unterwegs und inszenierte sich stets ganz gelassen, wann immer diese Frage auf ihn zukam. Aber er blieb vage. Als eine Frau ihm zurief "Wir setzen auf Sie!", antwortete er: "Sie können sich auf mich verlassen." Aber allemal ist ein Zögern in seinen Antworten präsent, als ob die weiter sinkenden Umfragewerte der SPD ihn hemmten, mehr Machtwillen zu zeigen. Die könnten schließlich so tief sinken, dass Kurt Beck es selbst machen muss, weil Steinmeier keine Chance mehr sieht, sich selbst noch hinreichend für diesen Job politisch profilieren zu können. Die "Leipziger Volkszeitung" berichtete jetzt undementiert über eine Gespräch, das Wolfgang Clement aus dem Urlaub mit einem führenden CDU-Politiker (!) geführt haben soll. Clement habe dem CDU-Mann gesagt, alles was mit Schröders Agenda 2010 aufgebaut worden sei, schmeiße der "Pfälzer Dorftrottel" mit seinem Hintern wieder um.

Verzweifelt denken führende Genossen darüber nach, wie sie dem Dilemma entkommen könnten. Diese Frage an einen Genossen mit Zugang zu höchsten Parteikreisen gestellt, wurde gegenüber stern.de jetzt allen Ernstes so beantwortet: "Am besten wäre es, wenn wir Franz Müntefering aufstellen würden." Hintergrund der Überlegung: Dann sei Frank-Walter Steinmeier nach der erwarteten Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl wenigstens nicht politisch tot und könne dann für 2013 in aller Ruhe als Kandidat aufgebaut werden.

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Nichts öffentlich zu hören ist derzeit aus den Innereien der CDU. Aber es läuft auch dort ein interessanter parteiinterner Kampf: Wer darf im Herbst ins Parteipräsidium aufrücken, nachdem die enge Merkel-Vertraute Hildegard Müller als Staatsministerin das Kanzleramt verlassen und ihr Bundestagsmandat niedergelegt hat? Anspruch auf den Platz hat der NRW-Landesverband. Merkel möchte gerne die nordrhein-westfälische CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen ins Präsidium hieven. Sie soll dort die Rolle von Hildegard Müller übernehmen, die bei Diskussionen im CDU-Präsidium meist als erste Sprecherin nach der Kanzlerin voll die Linie Angela Merkels begrüßt hat. Ihr Konkurrent ist allerdings der Junge-Union-Chef Philipp Missfelder. Und der hat gute Chancen, die Konkurrenz zu gewinnen. Die nordrhein-westfälische Mittelstandvereinigung hat ihn bereits für den Präsidiumsplatz vorgeschlagen. Und jetzt plädiert auch die CDU-Seniorenunion für den Jung-Parlamentarier Missfelder. Das ist bemerkenswert. Denn der hatte einmal in der Diskussion über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems gesagt, man müsse überlegen, ob 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen sollten. Danach machten die Senioren richtig Krawall.

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Wenig beeindruckt vom Aufruf des CSU-Vorsitzenden Erwin Huber, den Wahlkampf gegen die Linken wie einen "Kreuzzug" zu führen, gibt sich die Linkspartei. Ihre Bundestagsabgeordnete Eva Bulling-Schröder ist dem CSU-Chef sogar dankbar dafür. Jetzt werde in Bayern wenigstens über die Linkspartei geredet und zwar nach dem Tenor: Die müssen doch stark sein, wenn die CSU so auf sie einprügle. "Das ist ein Wahlgeschenk", freut sich Bulling-Schröder. Noch kesser wehrt sich Linkspartei-Chef Lothar Bisky: "Die Hassprediger in Bayern können ruhig hetzen gegen die Linke. Die machen uns nicht tot."

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Weil sie die "Kreuzzug"-Wahlkampftöne aus Bayern nicht mehr hören mögen, raten manche CDU-Bundestagsabgeordnete inzwischen ihren Berliner CSU-Freunden, sie sollten vielleicht mal anständiges politisches Jodeln lernen. Hintergrund des Spotts ist, dass dieser Tage auf dem Berliner Teufelsberg in der Tat Jodeln gelernt werden konnte. Vor Ort bot dort nämlich der Chiemgauer Musiklehrer Josef Ecker für schlappe 40 Euro entsprechende Kurse an. Jeder könne bei ihm den Anfänger-Jodelruf "Hulljodüüürüüü" lernen, sagt Ecker. Wichtiger noch: Jodeln sei eine echte Bereicherung, "weil es entspannt." Genau das dürfte die CSU vielleicht bald brauchen, heißt es in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Spätestens dann, wenn demnächst Umfragezahlen bekannt würden, die die CSU klar unter 50 Prozent sehen. Bleibt die Frage: Welche politische Botschaft für die Wähler steckt denn drin, wenn Huber Hulljodüüürüüü jodelt?

Korrektur: Liebe Leser, die Personalspekulationen in der SPD, in deren Zentrum immer gerne auch Ex-Parteichef Franz Müntefering steht, machen bisweilen auch Journalisten kirre. Und so hat sich in die ursprüngliche Version dieses Textes ein Fehler in den Anriss eingeschlichen: Hier stand nämlich, dass ein SPD-Mann Franz Müntefering als Nachfolger Peter Strucks im Amt des Fraktionschefs im Bundestag vorschlage. Das war falsch. Zwar gibt es SPD-Politiker, die mit diesem Gedanken spielen, der hier zitierte Informant sagte aber, Müntefering wäre ein guter Kanzlerkandidat. Wir haben diesen unseren Fehler nachträglich korrigiert und bitten um Nachsicht Ihrerseits. Mit schönen Grüßen. stern.de


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