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Berlin vertraulich!: Grüß Gott, Herr Bundeskanzler!

Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich fest vorgenommen, auf diese Anrede nicht mehr zu reagieren. Eine Nachlese vom CSU-Parteitag in München, die Horst Seehofer nicht gefallen dürfte.

Viele Beobachter des CSU-Parteitags in München wunderten sich, weshalb sich die Bayern mit der Einführung einer Frauenquote so schwer taten. Sie soll schließlich nur für die zweite Klasse der Politik gelten, also nicht dort, wo es um die Verteilung von lukrativen Mandaten geht. Christian Schmidt, Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, sprach dennoch von einem Fortschritt seiner CSU. Schließlich habe, so Schmidt zu stern.de, noch im Jahr 1950 der CSU-Politiker Michael Horlacher auf einem Parteitag erklärt: "Frauen in der Politik sind im Einzelnen eine Rose, in der Masse wie Unkraut." Daran gemessen ist die jetzt beschlossene 40-Prozent-Frauenquote tatsächlich ein Fortschritt. Außerdem beweist sich die Modernität der CSU auch darin, dass sie nicht mehr wie einst Horlacher, Vertreter des damaligen CSU-Bauernflügels, für die Wiedereinführung der Todesstrafe ins Grundgesetz kämpft. Allenfalls für die schnelle Ausweisung nicht gut bayerisch sprechender Migranten.

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Dass es der CSU mitunter noch gelingt, das alte wie das neue Bayern gleichzeitig perfekt darzustellen, ließ sich an ihrem "Kanzlerkandidaten" Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Parteitag beobachten. Wie aus dem Ei gepellt wanderte er durch die Reihen der Delegierten. Designer-Anzug, Seidenhemd und Armani-Schlips. Aber von wegen nur Polit-Stenz. Die Münchner "Abendzeitung" veröffentlichte während des Parteitags ein Foto Guttenbergs, das eindrucksvoll belegte, wie perfekt er die CSU-Devise "Mir san mir" umzusetzen versteht. Es zeigte ihn mit Trachtenjanker und in kurzer Lederhose. Soweit der Bayer. An den Füssen aber trug er gelbe Caterpillar-Schuhe. Was beweist: Tradition und Fortschritt lassen sich locker verbinden. Was sich in München auch darin zeigt, dass Guttenberg jetzt nicht mehr "KT" genannt wird, sondern "KTG". Das soll an FJS erinnern, an Franz Josef Strauß, der einst der CSU zu bundespolitischer Bedeutung verhalf. Strauß freilich reiste als Verteidigungsminister zwischen Bonn und München stets mit einem Aktenkoffer, wie es sich für Minister eigentlich bis heute gehört. Nicht so KTG. Der schulterte nach seinem Rückflug nach Berlin locker einen Rucksack - allerdings ein elegantes Model von Nike. Also auch hier Fortschritt.

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In Berliner CSU-Kreisen gilt der Parteivorsitzende Horst Seehofer inzwischen eher als Polit-Kasper als ein ernst zu nehmender Ministerpräsident. "Saudummes Zeug" rede der oft daher, klagt die CSU-Landesgruppe, die unter ihrem Vorsitzenden Hans-Peter Friedrich, der nebenbei Stellvertreter Guttenbergs im Bezirkvorsitz der oberfränkischen CSU ist, hautnah an der Seite des "Kanzlerkandidaten" steht. Wo Seehofer bei den Parteifreunden in Berlin rangiert, zeigt sich darin, dass jetzt ein CSU-Bundesminister ihn mit einem Wort des verstorbenen FDP-Politikers Graf Lambsdorff gekennzeichnet hat: "Ein Quartalsirrer!"

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Der Chef der bayerischen SPD-Landesgruppe im Bundestag, der Nürnberger Abgeordnete Martin Burkert, hat eine bemerkenswerte Erklärung dafür geliefert, warum sich Seehofer zum Ärger vieler Parteifreunde in der Union vom Ziel der Rente mit 67 distanziert hat. Burkert zu stern.de: "Eines ist doch so sicher wie das Amen in der Kirche: Der jetzt 61-Jährige Seehofer geht weit vor 67 in Rente."

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A propos "Kanzlerkandidat" Guttenberg. Wir nehmen dies hier als journalistischen Ausrutscher zurück. Denn er hat sich fest vorgenommen, nicht mehr auf Zurufe der Berliner Journalisten zu reagieren, die ihn bereit mit "Grüß Gott, Herr Bundeskanzler" auf den Fluren des Reichstags grüssen.

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Die Stuttgart-21-Gegner sind vergangene Woche in Berlin gut angekommen. Die Fahrt im Sonderzug in die Hauptstadt hat sich medial zumindest gelohnt. Die Berliner, selbst deren Polizisten, waren amüsiert, dass die Schwaben "Stuttgarter Pflastersteine" im Gepäck hatten - in Plastik eingeschweißte schwäbische Kastanien. Zugleich kamen aber auch die Stuttgart-21-Befürworter in Berlin groß raus. Zumindest jene, die im "Verein der Baden-Württemberger" (500 Mitglieder) ihr Schwabentum pflegen. Sie waren eingeladen in die 21. Etage der Bundesbahnzentrale am Potsdamer Platz, die einen vorzüglichen Ausblick bietet. Es referierte Bahnchef Rüdiger Grube über Stuttgart 21. Am Ende jubelten seine Gäste: "Sie müssen sich klonen, Herr Grube!" Vereinsvorstand Heinz Dürr, Unternehmer und einst Bundesbahn-Chef, war sehr zufrieden. Endlich mal Schwaben, die sein intensives Engagement für Stuttgart 21 rundum schätzen.