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Berlin vertraulich!: Steinmeier übt keine Schachzüge

Wie gut spielt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Schach, das Spiel der Strategen? Als Ente hat sich jedenfalls ein Bericht entpuppt, der Außenminister übe das Bauernopfer als Zeitvertreib mit seiner Gattin. In Berlin verlassen überdies zwei vermeintlich große Juristen den Bundestag.

Von Hans Peter Schütz

Als Falschmeldung der Woche wurde in Berlin eine Nachricht enthüllt, die Elke Büdenbender betraf. Wie, die kennen Sie nicht? In der Berliner Polit-Szene tritt die 47-Jährige zuweilen, allerdings sehr selten, auch als Ehefrau von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auf. Sie hielt für ihn im Berlin-Kreuzberger Ballhaus auch schon mal eine Rede, für die er zwar zugesagt hatte, aber wegen dringender Staatsgeschäfte nicht halten konnte. Seine Frau, eine Verwaltungsrichterin, sprang ein und kassierte so begeisterten Applaus, wie er selbst ihn kaum bekommen hätte.

Mit Journalisten geht sie allerdings sehr zurückhaltend um. So muss man sich wohl erklären, dass das konservative Magazin "Cicero" seiner Leserschaft die schöne Geschichte auftischte, wonach Herr und Frau Steinmeier zuweilen gemütlich zu Hause am Schachtisch sitzen und sich bei raffinierten Rochaden entspannen. "Cicero" schrieb: "An gemeinsamen Abenden spielen die beiden Schach, ein Strategiespiel, das den Geist entspannt, aber auch ein Trainingslager für künftige Bauernopfer ... sein kann."

Klang spannend die Sache mit dem Bauernopfer. Dumm nur, dass Steinmeier sich nicht daran erinnern kann, jemals mit seiner Frau am Schachbrett gesessen zu haben. An Schach, so der Kanzlerkandidat, hätte in ihrer Ehe "ganz bestimmt keiner Spaß." Es ist auch sehr die Frage, wann eigentlich das Ehepaar Steinmeier dazu Zeit finden sollte. Elke Büdenbender arbeitet halbtags am Berliner Verwaltungsgericht als Richterin und kümmert sich um die 13-Jährige Tochter Merit. Sie beansprucht weder die Rolle einer dezenten Beraterin ihres Mannes noch die Funktion eines Blumentopfs an der Seite des Kanzlerkandidaten.

Beim Blick auf die Chancen ihres Mannes bei der Bundestagswahl hält sie sich sehr bedeckt. "Man muss das, was man erreichen kann, wirklich versuchen zu erreichen." Ein hochrangiger SPD-Mann legt dieser Frau mit einem bemerkenswerten Satz seine Verehrung zu Füßen: "Wenn die SPD sie aufstellen würde, bekäme die Partei mehr Stimmen als mit Steinmeier." Bisschen spät für diesen Schachzug.

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Diese Woche beginnt die letzte Plenarwoche des 16. Bundestags. Allerletzte Gelegenheit, republikweit bekannte Volksvertreter noch einmal beim politischen Geschäft zu besichtigen. Etwa den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Ludwig Stiegler, "Luggi" gerufen. Von Juli bis Oktober 2002 war er sogar Chef der SPD-Bundestagsfraktion, was so gut wie niemand mehr weiß. Aber an seinen roten Pullunder, mit dem bekleidet er 29 Jahre lang stets im Bundestag auftrat, erinnern sich viele.

Fällt ihm der Abschied schwer? "Nein," sagt er stern.de, "ich freue mich auf das Reich der Freiheit". Die roten Pullunder will er nach der Bundestagswahl weiter auftragen. "Sie bleiben die Erinnerung an meine aktive Zeit, an meine frechen Jahre." Nach der Wahl wird Stiegler nach eigenen Angaben "zum Oberpfälzer Wanderer." Und will beobachten, ob sich die bayerische SPD endlich von ihrer Dauermisere erholt. Allerdings: 10 bis 15 Jahre werde der neue bayerische SPD-Chef Florian Pronold schon dafür benötigen. Immerhin, der "Luggi" ist fest davon überzeugt, dass es mit der Bayern-SPD jetzt endlich wieder aufwärts geht. "Der Pronold ist gscheit," sagt er, und fügt mit Blick auf seinen "linken" 37-jährigen Nachfolger im Parteivorsitz respektvoll hinzu: "Der ist die eierlegende Wollmilchsau, den meine Partei dort braucht."

Seinen größten innerparteilichen Erfolg feierte Stiegler, als er Professor Bert Rürup, dem Chefberater von Kanzler Schröder, bei seiner Beratungsarbeit für die Agenda 2010 einen "vorzeitigen Samenerguss" vorwarf. Natürlich auf lateinisch - Ejaculatio praecox. Das war einer der wenigen Momente, in denen Stiegler rechte wie linke Genossen voll hinter sich hatte. Außer Schröder natürlich.

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Der älteste Abgeordnete, der seinen Abschied nimmt, ist der 77-Jährige Otto Schily. Die dienstälteste Volksvertreterin, die geht, ist allerdings Herta Däubler-Gmelin. Seit 1972 sitzt sie im Bundestag und mit ihren jetzt 37 Mandatsjahren gehört die 66-Jährige zu dem halben Dutzend Abgeordneten, die überhaupt auf eine so lange Parlamentszeit zurückblicken können. Alleiniger Dienstältester ist nach ihrem Abschied CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble, der ebenfalls schon seit 1972 im Bundestag sitzt und noch einmal antritt.

Dem Abschied von Däubler-Gmelin sehen einige in der SPD mit Unbehagen entgegen. Sie war in der ersten vier Jahren der Regierung Schröder Bundesjustizministerin. Kurz vor der Wahl berichtete ihr Heimatblatt "Schwäbische Zeitung", sie habe den damaligen US-Präsidenten George W. Bush mit Hitler verglichen. Sie dementierte knallhart, die Zeitung antwortete ihr ebenso: "Alles gelogen." Nach der Wahl ließ Schröder seine Genossin als Ministerin blitzschnell fallen - dergestalt beraten auch von seinem Busenfreund Schily, der als SPD-Innenminister nie mit der Frau klar gekommen war, die ihm juristisch überlegen und seinem innenpolitischen Rechtskurs vielfach im Wege war.

Was die SPD jetzt fürchten muss: Dass "Herta" nach der Bundestagswahl mit Schröder und Schily abrechnet und öffentlich sagt, was sie intern nicht verschweigt: Dass die beiden Genossen höchst illoyal mit ihr umgesprungen seien.

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Die bislang kürzeste Antwort auf die Frage "Ist Karl-Theodor zu Guttenberg der neue Merz?" verdanken wir Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: "Karl-Theodor zu Guttenberg ist Karl-Theodor zu Guttenberg." Klarer geht es nicht. Worüber in Berlin kaum gesprochen wird: Dass zu Guttenberg keinen besonderen Wert darauf legt, nach der Wahl Bundeswirtschaftsminister zu bleiben. Er will, so sagen viele in der CSU, ein "richtiges" Ministerium.