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Thüringens Ministerpräsident Ramelow zur Corona-Lage: "Habe mich von Hoffnungen leiten lassen, die sich als bitterer Fehler zeigen"

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Das kommt nicht allzu oft vor: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat offen zugegeben, die Corona-Lage im vergangenen Herbst falsch eingeschätzt zu haben. Lange hatte sich der Linken-Politiker gegen harte Corona-Maßnahmen gestemmt.

Die Diskussionen darüber, ob die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sinnvoll und vor allem angemessen sind, sind nach fast einem Jahr Pandemie so kontrovers wie eh und je. Nun hat sich mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) jemand für noch weitreichendere Einschränkungen ausgesprochen, der sich lange gegen besonders harte Maßnahmen gesperrt hatte – vor allem angesichts einer vergleichsweise guten Lage in seinem Bundesland. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"/Bezahlinhalt) bedauerte Ramelow nun, noch im vergangenen Herbst alle Warnhinweise, auch jene von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), in den Wind geschlagen zu haben. "Die Kanzlerin hatte Recht, und ich hatte Unrecht", bekannte Ramelow im "FAZ"-Interview.

Er ärgere sich, nicht bereit gewesen zu sein, den Dezember mit seinen vielen Feiertagen für eine bundesweite Generalpause zu nutzen. "Alles, was nicht lebensnotwendig ist oder systemisch nicht abgestellt werden kann, hätte vier Wochen lang angehalten werden müssen", so der Linken-Politiker, der einen erneuten flächendeckenden Lockdown mit Schließungen von Schulen und Kitas seinerzeit rundweg ablehnte.

Bodo Ramelow: "Bin nicht falsch beraten worden"

Doch in der ZDF-Sendung "Markus Lanz" am Donnerstag sagte Ramelow nun: "Der 28.10. ist für mich einer der schärfsten Einschnitte, auch in meinem Leben." An diesem Tag hätten Bund-Länder-Verhandlungen zu Corona-Maßnahmen stattgefunden. Und noch während der Gespräche hätten ihn erstmals Meldungen über eine große Zunahme von Corona-Infektionen und Todesfällen binnen eines Tages in Thüringen erreicht; Zahlen, die ihn heute demütig machen. "Ich sage ganz klar: Ich habe mich von Hoffnungen leiten lassen, die sich jetzt als bitterer Fehler zeigen."

Es sei dabei keinesfalls falsch beraten worden, gab Ramelow auf Nachfrage von Moderator Markus Lanz zu. "Die Zahlen, die Fakten hatten wir alle vorliegen." Es sei menschlich zu glauben, "den leichteren Weg gehen zu können", erklärte sich der thüringische Regierungschef. Er habe das ganze Jahr über das Prinzip Hoffnung, eine positive Einstellung, vertreten, doch dann sei der 28. Oktober mit rasant ansteigenden Zahlen gekommen.

"Situation, die wir uns im Sommer nicht vorstellen wollten"

Einen Tag zuvor sei es in Sachsen bereits ähnlich gewesen. "Und meinem Kollegen Kretschmer [CDU-Ministerpräsident in Sachsen, Anm. d. Red.] geht es wie mir, wir stehen in einer Situation, die wir uns im Sommer nicht haben vorstellen wollen, können ja, aber wollen nein, weil zuvor die Zahlen in eine andere Richtung zeigten." Doch zu diesem Zeitpunkt habe sich das Infektionsgeschehen geändert, "weil wir hatten plötzlich keine Hotspots mehr", sondern das Virus habe sich in der Fläche ausgebreitet.

Derzeit steige die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern Thüringens "in Hundertergrößen", und das könnten die Kliniken und das medizinischen Personal nicht durchhalten. Deswegen sei nun dringend nötig, die Neuinfektionen zu vermindern. "Vor diesem Erkenntnisprozess hat die Kanzlerin klar gewarnt", so Ramelow bei Lanz, aber er habe sich seiner Hoffnung hingegeben.

"Endlich in richtigen Lockdown gehen"

Im "FAZ"-Interview betonte Ramelow ergänzend, eine permanente Verlängerung von Einzelmaßnahmen, die insgesamt nicht zum Austrocknen des Virus führten, sei ein teurer und falscher Weg. Er kritisierte zugleich die Ungleichheit der bisherigen Maßnahmen, für die ausschließlich Gastronomen, Hoteliers, Künstler und Solo-Selbstständige, Schausteller und alle Kinder zur Pandemieabwehr in Verantwortung genommen würden. Dagegen könne die gesamte weitere Wirtschaft so tun, als wäre nichts, so der Ministerpräsident, der die bisherigen Bund-Länder-Beschlüsse allerdings im Prinzip mitgetragen hat. Unter dem Strich plädiert Ramelow in der "FAZ" klar und eindeutig: "Wir müssen endlich in einen richtigen Lockdown gehen."

dho / ZDF ("Markus Lanz") / "FAZ" DPA

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