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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Brillant - wie Böhmermann mit #fingergate spielt

Sensationell, wie Böhmermann seine kleine ZDF-Show promotet. Das neue Varoufakis-Stinkefinger-Video ist cool, witzig, verblüffend. Und es entlarvt den griechischen Finanzminister ein zweites Mal.

Von Lutz Kinkel

Zunächst einmal:

Danke, dass die Zeiten von "Scheibenwischer" vorbei sind, diesem Typ Politsatire, der immer so wirkt, als hätte ihn ein Sozialdemokrat mit Verdauungsschwierigkeiten aufgeschrieben.

Schade, dass sich Late Night in Deutschland nie zu einer Königsdisziplin entwickelt hat. Das werden wir Harald Schmidt nie verzeihen.

Willkommen, ihr frischen, kackdreisten Helden des Politainments: "heute show", "extra 3" - und nun auch: Jan Böhmermann. Wie er es schafft, seine Winzshow im ZDF zu promoten, ist Weltklasse.

Paradies für Propagandisten

Sein neuester Coup: der Clip, in dem Böhmermann behauptet, sein Team hätte die Orginalaufnahmen von Yani Varoufakis manipuliert und den Stinkefinger hineingebastelt. Für einen kurzen Moment haben tatsächlich alle die Luft angehalten - weil Böhmermann dies zuzutrauen wäre und der griechische Finanzminister den Stinkefinger so vehement als Fälschung kritisiert hatte. Aber nein, es bleibt dabei: Satire ist Satire ist Satire. Sie spielt nur mit Realität, manchmal blufft sie so erfolgreich wie dieser Clip.

Wer bei #fingergate am Ende des Tages gewonnen und verloren hat, ist schnell gesagt. Böhmermann ist in den Schlagzeilen, und das auch noch mit einem interessanten Metathema: Sein Clip zeigt, dass nichts und niemand vor digitaler Manipulation sicher ist, auch nicht Newsvideos. Mit etwas Cleverness lassen sich täuschend echte Remixe von Ereignissen herstellen. Was für ein Paradies für Propagandisten. Was für ein Minenfeld für Journalisten. Sie werden sich mächtig anstrengen müssen. Danke für den Hinweis, Punkt für Böhmermann.

Auf der Bananenschale durch Europa

Zu den Gewinnern gehört auch, zumindest teilweise, die Redaktion von Günther Jauch. Sie hatte sich früh - und zu diesem Zeitpunkt mutig - darauf festgelegt, dass Varoufakis bei seinem Auftritt in Zagreb 2013 tatsächlich den Stinkefinger gezeigt hat. Die Zweifel daran waren aber so groß, dass die Redaktion eine ganze Reihe von Experten auffahren musste, die das Videomaterial prüften. Keiner konnte eine Manipulation feststellen. Nun ist dieser Befund, gleichsam durch die Hintertür, bestätigt. Andererseits: Es war eine grobe Unterlassungssünde, dass Jauch in der Talkshow nicht auf den Kontext der Aufnahmen hinwies. Es sah so aus, als sei Varoufakis' Stinkefinger eine aktuelle Reaktion auf deutsche Politik. Dabei bezog er sich auf das Jahr 2010. Der ARD-Chefredakteur hat diese Verzerrrung zu Recht gerüffelt.

Der eindeutige Verlierer des Spiels heißt Yanis Varoufakis. Nicht weil er bei einem Vortrag auf einem Festival, das sich ausdrücklich "subversiv" nennt, mal den Stinkefinger gezeigt hat. Es wäre ja fast peinlich, wenn er vor dieser Kulisse wie ein wohlerzogener Banker aufgetreten wäre. Das Problem ist, dass er die Geste im Nachhinein so kategorisch abgestritten hat. Offenbar hat Varoufakis bei Jauch glatt gelogen. Das ist ein Problem für seine Glaubwürdigkeit, die ohnehin schon angekratzt war. Wer nimmt ihm jetzt noch irgendwas ab? Die Kanzlerin trifft sich am Montag mit Alexis Tsipras, dem griechischen Ministerpräsidenten. Er wird als Verhandlungspartner immer wichtiger, je häufiger Varoufakis auf Bananenschalen durch Europa rutscht. Vermutlich hat er seinen Job nur noch, weil Tsipras ihn nicht rausschmeißen kann: Der Gesichtsverlust für die junge griechische Regierung wäre zu groß.

Varoufakis hat nur eine Chance: Er muss das Böhmermann-Video konsequent nutzen. Für sich. Und die manipulierte Sequenz ohne Stinkefinger herausschneiden und auf Youtube hochladen. Seine Fans werden das Material für echt halten - wollen.