Bundespräsidenten-Wahl So wurde Schwan Kandidatin


Wie wurde Gesine Schwan SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt? Ein wenig Zufall, ein starker Auftritt, und ein beherzter Fürsprecher halfen. stern.de dokumentiert die Chronik der Nominierung.
Von Jens König

2004 rief Gerhard Schröder an. Gesine Schwan war gerade auf dem Campus von Harvard unterwegs. Es kam zum Wortwechsel, an dessen Ende die SPD ihre Präsidentschaftskandidatin hatte - und die Präsidentschaftskandidatin die finanzielle Zusicherung für ihre Europa-Universität Viadrina in Franfurt/Oder.

2008 rief nicht Schröder an, es riefen auch nicht Kurt Beck, nicht Frank-Walter Steinmeier, nicht Peter Struck an, sondern… Sebastian Edathy. Edathy? Ja, Sebastian Edathy, einfacher SPD-Bundestagsabgeordneter, Innenexperte, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Edathy passte es nicht, dass die SPD-Spitze darauf aus war, Horst Köhler für eine zweite Amtszeit mit zu wählen. Es sei eine Frage der Selbstachtung, dachte er sich, dass die SPD als große Volkspartei einen eigenen Kandidaten ins Rennen schickt. Bei 80 Millionen Deutschen würde es wohl nicht nur einen Herren namens Köhler geben, der für dieses Amt in Frage kommt. Edathy jedenfalls kannte noch mindestens eine Frau: Gesine Schwan.

Ein Stein kommt ins Rollen

So kam der Stein ins Rollen: Edathy kannte Schwan nicht persönlich, sie hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Aber er hatte erlebt, wie gut die Uni-Professorin sich 2004 im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur geschlagen hatte. Und er hatte sie 2004 in der Bundesversammlung gewählt.

Um zu wissen, ob sie erneut ins Rennen um die Präsidentschaft gehen würde, müsste man sie einfach anrufen, dachte sich Edathy. So rief er sie an. Er hatte vorher niemanden in der Partei um Erlaubnis gebeten. Ostern 2008 war das. Gesine Schwan weilte gerade in Mexiko. Die beiden telefonierten eine halbe Stunde miteinander. Danach wusste Edathy, dass Schwan bereit wäre - unter der Voraussetzung, dass die SPD-Spitze sie unterstützen würde. Davon konnte zu diesem Zeitpunkt keine Rede sein.

Eine Stimme mit Gewicht

Edathy erfuhr bei dieser Gelegenheit von Schwan, dass noch ein anderer die gleiche Idee wie er hatte und bereits mit Schwan darüber gesprochen hatte: Hans-Jochen Vogel, der Altmeister. Eine Stimme mit Gewicht.

Anschließend sprach Edathy mit Andrea Nahles über seine Idee. Es ist April 2008 und die Vorzeige-Linke der SPD, Nahles, weilt zufällig in Edathys Wahlkreis. Die beiden fahren zusammen 30 Minuten im Auto. Edathy erzählt von seiner Idee, Nahles findet sie gut und verspricht, mit Kurt Beck darüber zu reden. Edathy redet außerdem mit Niels Annen von der "Parlamentarischen Linken" sowie mit den Abgeordneten der "Netzwerker" bei einem "Netzwerker"-Mittagessen. Da ist es immer noch April. Christian Lange und Nina Hauer, die Sprecher der "Netzwerker", versprechen, darüber mit Peter Struck zu reden. Der hält zu diesem Zeitpunkt nicht viel von einer eigenen Kandidatin.

Struck: "Was soll der Scheiß?"

Das Ganze kommt weiter ins Rollen. Edathy spricht die Idee mit Schwan erstmals offen im SPD-Fraktionsvorstand am 5. Mai an. Insider schildern die emotionale Sitzung wie folgt: Struck erregt sich, geht Edathy an und flucht: "Was soll der Scheiß?" Die SPD, argumentiert der Fraktionschef, werde keine Kandidatin mit den Stimmen der Linken und der Nazis wählen lassen. Alle gucken verdattert.

Es ist der Moment, in dem Andrea Nahles aufwacht und sich endgültig zur Schwan-Idee durchringt. Ihr wird jetzt klar, dass die SPD-Spitze um Beck, Struck, Peer Steinbrück, und Steinmeier sich doch schon festgelegt hat, obwohl sie das immer bestritten hatte. Nahles hatte genau hingehört. Struck hatte vor der Fraktion nicht mehr die offizielle Sprachregelung benutzt - "Erst muss Horst Köhler sich entscheiden..." Nahles äußert sich am 14. Mai erstmals öffentlich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Sie begrüße es, wenn eine Frau Kandidatin der SPD würde und lobt in einem Atemzug Gesine Schwan für ihre Kandidatur 2004.

Geheimtreffen in Potsdam

Andrea Nahles will sich in diesem Moment als stellvertretende SPD-Vorsitzende positionieren. Drei Tage später, am 17. Mai, ist ein "Geheimtreffen" im Potsdamer Cecilienhof. Auf der Einladungsliste stehen Hans-Jochen Vogel, Ehrhard Eppler und Gesine Schwan. Zwei Tage vor dem Treffen in Cecilienhof telefoniert Nahles mit Schwan. Sie will wissen, ob Schwan ein zweites Mal zur Kandidatur bereit ist. Sie ist es. Ein Tag später trifft sich auch Kurt Beck mit der Hochschulprofessorin.

In Cecilienhof sind Peter Struck, SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und "die Stones" (Steinbrück und Steinmeier) zunächst gegen Schwan - Nahles, Hendricks, Vogel und Eppler dafür. Gesine Schwan legt einen sehr guten Auftritt hin. Steinmeier kommt an diesem Tag ins Nachdenken. Auch Poltergeist Steinbrück argumentiert für seine Verhältnisse ruhig. Parteichef Beck hält sich zurück. Von Hendricks kommt schließlich ein entscheidendes Argument: Bei Köhler könne ein einheitliches Abstimmungsergebnis der SPD nie und nimmer garantiert werden. Die Hälfte der SPDler würde Köhler bestimmt nicht wählen. Das wäre ein verheerendes Signal. Das Argument ist auch deswegen wichtig gewesen, weil es von einem Mitglied des konservativen "Seeheimer Kreises" gekommen ist. Alle grübeln, aber es fällt keine Entscheidung.

Kurt Beck beendet das Treffen mit dem Vorschlag, dass der Parteivorstand über die Frage entscheiden solle. Neun Tage später, am Montag dieser Woche, entscheidet der Vorstand: Gesine Schwan fordert Horst Köhler ein zweites Mal heraus. Und plötzlich ist wieder Bewegung in die Politik gekommen.


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