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Bundestagswahl: Ich bin jung, gebildet, erfolgreich - und ich habe AfD gewählt

Anna ist eine Frau, auf die Union oder SPD gerne stolz wären. "Schaut sie an - unsere Wählerin. Seid wie Anna!" Seid jung, gebildet, erfolgreich. Doch Anna wählt nicht Christ- oder Sozialdemokraten. Anna wählt die AfD.

Anna* (*Name von der Redaktion geändert, die Autorin kennt Anna seit Jahren) trägt keine skurrile Krawatte mit Jagdhunden drauf. Anna redet nicht von "in Anatolien entsorgen", sie macht keine geschmacklosen Vergleiche, bei einer Pegida-Demonstration war sie nie. Sie ist kein Alexander Gauland, kein Björn Höcke, keine Beatrix von Storch.

Anna ist eine Frau, auf die Union und SPD wohl gerne verweisen würden und sagen: "Schaut sie an. Das sind unsere Wähler. Seid so wie Anna!" Seid jung, zielstrebig, gebildet, aufstrebend. Doch Anna kann mit dem, was einmal die großen Parteien waren, nichts anfangen. Fragt man sie nach ihnen, antwortet sie mit Wörtern wie "Politikversagen", sie spricht von einer "in hohem Maße unsozialen Politik". Anna wählte bei dieser Bundestagswahl .

Anna ist jung, gebildet, erfolgreich. Anna wählt AfD.

Anna ist jung, gebildet, erfolgreich. Anna wählt AfD.

AfD, Partei für Arbeiter: Anna ist Akademikerin

Die AfD, das zeigen die vorläufigen Ergebnisse des Bundeswahlleiters, das ist eine Partei für Männer: 16 Prozent der männlichen Wähler entschieden sich für sie, dagegen nur neun Prozent der Frauen. Im Osten stimmte mehr als jeder vierte Wähler für die AfD. Oft waren es Menschen in der Mitte ihres Lebens, vor allem Leute zwischen 30 und 59 Jahren sind für das gute Ergebnis der Partei bei der Bundestagswahl verantwortlich. Am beliebtesten ist die AfD bei Menschen mit Mittlerer Reife, wohingegen sich nur sieben Prozent der Wähler mit Hochschulabschluss für die AfD entschieden.

Doch Anna ist kein Arbeiter Anfang 40. Anna ist Akademikerin, gerade 29 Jahre alt. Sie hat Rechtswissenschaften studiert, Staatsexamen absolviert, ein Abschluss nach Plan. Jura war für Anna kein Ding. Sie ist ein Organisationstalent, überaus gewissenhaft, strukturiert, eine Frau, von der man sich zu Schulzeiten bedenkenlos Unterlagen leihen konnte, Anna hatte nie eine Stunde verpasst. Anna wusste immer, warum sie sich bemühte: Sie hatte einen Plan. Bildung ist ihr wichtig, ein guter Job. Jetzt hat sie beides und sagt: "Ich habe keine politischen Ängste."

Und dennoch: Schon lange vor dem Wahlsonntag votierte sie für die AfD. Den Anatolien-Spruch von Gauland findet Anna zwar "unangemessen": "Es wird aber hoffentlich und mutmaßlich längerfristig nicht die maßgebende Stimme in der Partei sein", sagt sie. Schwerer wiegt für Anna, dass die Bundesregierung mehrfach geltendes Recht missachtet habe. Einmal, indem sie die Haftung für Schulden anderer Mitgliedsstaaten übernommen habe, "die EU ist als Staatenbündnis wichtig und sinnvoll, kann und sollte aber nicht in einen Zentralstaat umgewandelt werden". Ein weiteres Mal, als die Regierung im September 2015 die Grenzen öffnete, "über so eine wesentliche Frage hätte der abstimmen müssen".

AfD, Partei der "Abgehängten" im Osten: Anna ist erfolgreich

Die AfD, das seien die Abgehängten, heißt es, in etwa dieselben Menschen, die in den USA Trump gewählt haben. Laut den vorläufigen Ergebnissen des Bundeswahlleiters machten vorwiegend Menschen mit niedrigem Bildungsstand, wohnhaft im Osten der Bundesrepublik, ihr Kreuz bei der Alternative für . Im Osten kam die AfD auf rund 22 Prozent, Platz zwei hinter der CDU. Im Westen waren es elf Prozent.

Aber Anna lebt nicht im Osten und sie ist auch keine Abgehängte. Anna stammt aus einem beschaulichen Dorf im Herzen Deutschlands, ein paar tausend Einwohner. Aktuell lebt sie in einer Kleinstadt, seit vielen Jahren zusammen mit ihrem Partner, auch er ist Jurist. Ein Powerpaar, sie liest den "Spiegel", er liest "Die Zeit". Anna ist Anwältin, sie arbeitet für eine Großkanzlei, mit Investoren und Großkonzernen, große Teile ihres Jobs erledigt sie auf Englisch. Es ist nicht einer der kleinen Jobs, den Anna da hat, es ist einer der großen, der begehrten. Die Globalisierung ist ihr tägliches Geschäft.

Anna sagt: Die Haftungsübernahme für Schulden anderer Länder habe zu einer Niedrigzinspolitik geführt und die wiederum zur Enteignung der Sparer und einer schleichenden Geldentwertung. "Es wird vermehrt - von deutschen und ausländischen Investoren - in Immobilien investiert", doch so stiegen die Immobilienpreise und viele Menschen könnten sich kein Wohneigentum mehr leisten oder ihre Miete nicht bezahlen. "Alles in allem eine in hohem Maße unsoziale Politik", findet Anna. Sie selbst verdient gut. Vor Kurzem haben sie und ihr Partner ein Grundstück im Grünen gekauft. Da soll ein Haus hin, Kinder irgendwann.

AfD, die Protestpartei

Die AfD ist eine Protestpartei. 60 Prozent der AfD-Wähler gaben an, sie wählten die AfD nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung über all die anderen Parteien. Auch Anna sagt: "Ich wähle AfD seit ihrer Gründung 2013. Nicht, weil ich alles toll finde, was sie sagen, aber weil sie, im Vergleich zu den anderen, noch die meisten meiner Positionen vertritt."

Migration findet Anna "grundsätzlich unproblematisch, solange sie in rechtlich geordneten Bahnen läuft und nach Qualifikationskriterien erfolgt, die zuvor demokratisch festgelegt werden". Aktuell aber sieht sie eine "Doppelmoral der Regierung in der Migrationspolitik". Es würden weitaus mehr Menschen profitieren, wenn man vor Ort helfen würde und zudem werde so gut wie niemand abgeschoben. "Wenn aber Gerichtsentscheidungen nicht mehr umgesetzt werden, dann unterminiert dies in höchstem Maße den Rechtsstaat." Wenn nicht AfD, dann würde sie am ehesten noch die Tierschutzpartei wählen, sagt sie. Anna liebt Tiere, sie ist Vegetarierin. Und sie hasst die Jagd.