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Bundeswahlleiter: Er liefert das "vorläufige amtliche Endergebnis"

Roderich Engeler hat einen der schweißtreibendsten Jobs dieser Tage: Als Bundeswahlleiter steht er für die amtlichen Statistiken gerade. Nichts, aber auch gar nichts, darf schiefgehen.

Von Andreas Hoffmann

Wenn es für Roderich Egeler schlecht läuft, misslingt am Samstag die Generalprobe. Steigt er dann abends in seinem Hotelzimmer am Berliner Alexanderplatz in sein Bett, erwartet ihn eine unruhige Stunden. So wie vor vier Jahren, als er die Nacht vor der Bundestagswahl wach gelegen hatte. "Mit dem Adrenalin in meinem Blut hätte ich drei Leute versorgen können", sagt er. Ständig schwirrte ihm sein persönlicher Horror durch den Kopf. Er, der Bundeswahlleiter, der oberste Organisator des Urnengangs, der alle Zahlen überblicken soll, steht im Reichstag und ist sprachlos. Es gibt kein Ergebnis. Irgendetwas ging schief, irgendetwas hatte er übersehen. Irgendetwas.

Es ging 2009 alles glatt, aber der Horror ist deswegen nicht verblasst. Also hat sich Roderich Egeler wieder akribisch vorbereitet. Seit einem Jahr. Er hat Experten hinzugezogen, hat dutzende Male die Software für Wahlberechnungen testen lassen. Der Höhepunkt seines Berufslebens naht. Da darf nichts schief gehen. Der Alptraum darf nicht wahr werden.

Kaum kalkulierbar: das neue Wahlrecht

Im normalen Leben herrscht er über Zahlen, stellt Tabellen vor, wie die Wirtschaft wächst oder wie viele Kita-Plätze fehlen. Roderich Egeler, silbrige Igel-Haare, silbriger Kinnbart, gebürtiger Niedersachse mit rheinischem Tonfall, regiert das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Zu Bundes- und Europawahlen aber schlüpft er in den Anzug des Bundeswahlleiters. Zusammen mit einer Kommission prüft er etwa, ob die Kandidaten und Parteien die formalen Kriterien für die Wahl erfüllen und zugelassen werden dürfen.

Vor vier Jahren bekam er Ärger, weil er einige Kandidaten, wie etwa die Satirepartei "Die Partei" ausschloss. Er sei überkorrekt und formalistisch, sagten die Kritiker. Doch das Bundesverfassungsgericht gab ihm Recht. Diesmal hatte er weniger Ärger mit der Zulassung, diesmal treibt ihn das neue Wahlrecht um.

Lagezentrum im Bundestag

Es geht um die Überhangmandate. Sie entstehen, wenn eine Partei mehr Abgeordnete direkt ins Parlament bringt, als ihr über das Zweitstimmenergebnis zustehen. Früher konnte eine Partei - oft war es die Union - so besonders punkten. Für sie saßen mehr Abgeordnete im Parlament, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis zugestanden hätten. Das geht nicht mehr. Im neuen Bundestag werden die Mandate ausgeglichen. Egeler hat dazu eine 12seitige Musterrechnung machen lassen, aber wie viele Abgeordnete am Ende im Bundestag sitzen, kann er nicht vorhersagen. Die Computer sollen vor allem keine Fehler machen, darauf hofft er. Anfang September zogen seine Leute in den Räumen des Vize-Präsidenten des Bundestages ein. Techniker, Compu-terspezialisten, Mathematiker. 60 Leute stöpseln Bildschirme zusammen, richten Rechner ein, verlegen Datenleitungen. Ein Lagezentrum entsteht. Aus 299 Wahlkreisen laufen dort die Ergebnisse ein.

Der lange Wahltag

Am Samstagnachmittag beginnt die Generalprobe. Drei, vier Stunden lang wird Egeler mit seinen Experten die Anlage ein letztes Mal testen. Springen die Ersatzrechner im Keller des Statistischen Bundesamt in Wiesbaden an, wenn die Bildschirme in Berlin schwarz werden? Funktionieren die Notaggregate, wenn der Strom wegbleibt? Wie werden die Ergebnisse übermittelt, wenn Telefonleitungen ausfallen? Stimmen die Notfallnummern?

Am Sonntag wird er dann kurz vor fünf aufstehen. Er steht immer um diese Uhrzeit auf. Er geht seine Reden für den Tag durch, hat sich einige Sätze aufgeschrieben. Gegen elf Uhr besucht er ein Wahllokal in Berlin-Mitte, wird Blumen überreichen, den Wahlhelfern danken, stellvertretend für die 630 000 Helfer, die an diesem Tag in den Wahllokalen ausharren und dafür 21 Euro "Erfrischungsgeld" erhalten.

Showdown Montagfrüh

Um 15.30 Uhr wird er sich auf sein Podium vor dem Plenum stellen. Er wird erklären, in welchem Maß sich die Bürger bis 14 Uhr beteiligt haben, und dazu aufrufen, doch bitte schön wählen zu gehen. Das macht er immer. Das Stimmrecht ist ein hohes Gut.

Anschließend wird Roderich Egeler warten. Warten, dass die Wahllokale schließen, warten, dass die Stimmen ausgezählt werden, warten, dass die Uhr 18 Uhr schlägt und seine Arbeit endlich beginnt. Er wird dann vor dem Bildschirm sitzen, Prognosen und Hochrechnungen beobachten, die erste Hochrechnung gegen 19.30 Uhr erwarten und hoffen. Dass alle die Daten übermitteln, dass nicht ein Bürgermeister sich ins Bett legt und vergisst die Ergebnisse nach Berlin zu kabeln wie es vor elf Jahren geschah. Irgendwann am Montag früh wird Roderich Egeler im Reichstag vor die Kamera treten und sagen: "Nach dem vorläufigen amtlichen Ender-gebnis haben...." Wenn nicht die Computer ausfallen.