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Cem Özdemir: Der sanfte Grüne

Er soll neuer Chef der Ökopartei werden. Doch die Basis fremdelt noch mit dem Pragmatiker Cem Özdemir. Erst einmal muss er die grünen Rituale erlernen.

Von Monika Dunkel

Wer will noch Kinderschminke, um seinem Nachbarn eine schöne Atomsonne aufzumalen?", brüllt Benjamin durch den Bus. Cem Özdemir, der vorn in der ersten Reihe sitzt, guckt Löcher in die Luft. Nicht seine Welt. Okay, den gelben Sticker gegen die Kernkraftwerke nimmt er an von diesem Nachwuchsaktivisten, heftet ihn sich an den Mantel. Später wird sich der Grünen-Politiker auch bereit erklären, ein paar Luftballons in der Parteifarbe aufzublasen. Aber diese komische Schminke fasst er nicht an.

Es ist Samstag früh, und Cem Özdemir ist auf dem Weg zu einem Pflichttermin: der Anti-Castor-Demonstration in Gorleben. Im Bus natürlich, wie es sich für den designierten Parteichef einer Ökopartei gehört, gemeinsam mit den anderen Grünen-Spitzenpolitikern. Vorn neben Özdemir sitzt Fraktionschef Fritz Kuhn, die Ersatzschuhe in der Obi-Tüte. Volker Ratzmann, Fraktionschef in Berlin, verteilt Biokekse und LPG-Landjäger an seine Mitreisenden. Und Renate Künast, in Vlies und Wanderschuhen, vertreibt sich die Zeit mit ein paar Späßchen. "Deine CO2-Bilanz stimmt nicht", schilt die Bundestagsfraktionschefin eine Kollegin, die mit einem Pappbecher duftenden Kaffees einsteigt, "das müsstest du doch wissen."

Er ringt sich ein Lächeln ab

Cem Özdemir ringt sich ein Lächeln ab. Er ist zum ersten Mal dabei in Gorleben. Er muss diesmal mit dabei sein, wenn der Bundesvorstand alle aufruft, zum Zwischenlager ins Wendland zu fahren, mit dem ausdrücklichen Auftrag "Castor stoppen". Schließlich will er sich am Samstag in Erfurt zum Parteichef der Grünen wählen lassen - mit einem überzeugenden Ergebnis, versteht sich. Und so macht er, der Realo, das ganze Castor-Theater mit. Auch wenn es ihm nicht besonders behagt.

Schon Özdemirs Kleidung spricht eine eigene Sprache. Im grauen Wollmantel mit hochgeschlagenem Kragen ragt der 42-Jährige aus der grünen, farbenfroh leuchtenden Demomasse hervor. Der Parteichef in spe wirkt hier, im ehemaligen Zonenrandgebiet, wie ein Existenzialist auf dem Weg zu einem Kunsthappening.

"Mal sehen wie es läuft"

Ein Mitdemonstrant drückt ihm eine Transparentrolle in die Hand. "Wann soll die zum Einsatz kommen?", fragt Özdemir brav und transportiert das Ding erst mal lieber senkrecht. Was draufsteht, will einer wissen. Özdemir schüttelt nur den Kopf. Ein Protestler fragt: "Cem, willst du denn auch an der Sitzblockade teilnehmen?" Cem will sich nicht festlegen. "Mal sehen", sagt er, "wie es läuft."

Auch später im Marsch Richtung Zwischenlager - mit rund 15.000 Atomkraftgegnern im Schlepptau - wirkt Özdemir seltsam deplatziert, fast fremd und verloren. Zwar hakt er sich unter bei seiner grünen Promi-"Bezugsgruppe", die ein Banner mit der Aufschrift trägt: "Sicher ist nur das Risiko." Aber er hält das Plakat meist nur mit einer Hand fest.

Klar hat auch Cem Özdemir als Jugendlicher an Demos teilgenommen, ja sogar welche organisiert. Aber für den Sohn türkischer Einwanderer war das weitaus gefährlicher als für den Normalo-Grünen, der mit Protesten groß geworden ist. "Für mich stand die Einbürgerung auf dem Spiel", erinnert er sich. "Wegtragen lassen, eine Anklage riskieren, das ging gar nicht. Wenn es brenzlig wurde, war ich weg."

Symbol für eine gelungene Integration

Cem will seinen Eltern das Leben nicht unnötig schwer machen. Sie sehen mit unguten Gefühlen, wie ihr Sohn als Schülersprecher der Realschule zum Aktivisten aufsteigt. Später lernt er Erzieher, arbeitet in einer Kita, um dem "traditionellen Männlichkeitsideal möglichst wenig zu entsprechen". Als erstes Kind türkischer Eltern zieht der "anatolische Schwabe", wie er sich selbst gern nennt, 1992 in den Bundestag ein. Er ist das Symbol schlechthin für eine gelungene Integration. Und er ist von Anfang an ein Realo: ein Pragmatiker, der von alten grünen Utopien wenig hält.

Jetzt will er, soll er Vorsitzender dieser Partei werden. Gerade feilt Özdemir an seiner Rede für den großen Tag. 15 Minuten hat er, mehr erlaubt die Parteitagsregie nicht. Was er sagen will? Özdemir zögert mit der Antwort. Er habe sich noch nicht genau festgelegt, sagt er schließlich. Klar ist aber schon eins: Er will vom Aufbruch reden, davon, dass "die Grünen ihr Potenzial nicht ausschöpfen" - und die Partei auf die kommenden Bundestagswahlen einstimmen. "Wir müssen fighten", sagt er. "Wir haben jetzt in der Krise eine Chance, die Gesellschaft umzubauen."

Özdemir übernimmt das Amt in einer schweren Zeit. Die grüne Partei muss darum kämpfen, wieder mitzuregieren, mitzubestimmen, mitzugestalten. Ohnmächtig muss sie mit ansehen, wie die FDP ihr nach und nach den Rang abläuft - und nun wohl auch noch in Hessen bald mit an die Macht kommt. Die rot-grünen Regierungsträume dort seien an der "Chaostruppe SPD" gescheitert, urteilt Özdemir.

Pilotprojekt läuft nicht nach Wunsch

Auch das Hamburger Pilotprojekt Schwarz-Grün läuft für die Ökopartei nicht nach Wunsch. Sie regiert zwar mit, doch von der grünen Wende ist wenig zu spüren. Die Elbvertiefung kommt und das Kohlekraftwerk Moorburg auch. Die Partei sucht die Balance zwischen Radikalopposition und Regierungsanwärterin.

Özdemirs neuer Posten war ohnehin nie ein Zuckerschlecken. "Nicht vergnügungssteuerpflichtig", mokiert sich Reinhard Bütikofer, der nach knapp acht Jahren als Parteichef aufhört und sich fürs Europaparlament bewirbt. "Eine Zumutung" nannte es Gunda Röstel, die 2000 nach vier Jahren entnervt den Posten aufgab. Man müsse schon mehr als idealistisch sein, um sich an den Job heranzuwagen.

"Die Anforderungen an den Parteivorsitzenden sind total widersprüchlich, fast schizophren", sagt der Altgrüne Daniel Cohn-Bendit. "Er soll die Partei führen, es aber auch lassen. Er soll sie als Ganzes repräsentieren, aber auch jeden Einzelnen vertreten." Zu allem Überfluss ist das Ganze auch noch schlecht bezahlt: 7000 Euro monatlich gibt es für den Knochenjob, bei dem man 200 Tage als Handlungsreisender in Sachen Grün unterwegs ist. Und ein Teil davon fließt zurück in die Parteikasse.

"Ein spannender Job"

Özdemir will den Posten trotzdem. "Es ist ein spannender Job", beteuert er. Vor vier Wochen hat er allerdings kurz gewackelt. Da verpasste ihm sein eigener Landesverband einen Denkzettel, der sich gewaschen hatte. Der designierte Parteichef will ein Bundestagsmandat, die Partei will es ihm nicht geben. Am Ende verliert Özdemir gleich zweimal: In Kampfabstimmungen gegen Fachleute, die außerhalb des Grünen-Biotops kaum jemand kennt.

Tags drauf drucken viele Zeitungen ein Bild, das noch vernichtender wirkt als die beiden Abstimmungsniederlagen: Özdemir verlässt mit schwerem Rucksack bepackt den Parteitag in Schwäbisch Gmünd. Er scheint dann mal weg. "Dass ihm die eigenen Leute vors Schienbein donnern, ist nach außen nicht zu vermitteln", entrüstet sich Özdemirs politischer Ziehvater Winfried Kretschmann. "Ausgerechnet Cem, ihrem Hoffnungsträger."

Doch nach der Demütigung hagelt es Zusprüche aus der Partei. Die Grünen sind erschrocken: über sich selbst wie auch über den Kandidaten, der so blauäugig war, die Befindlichkeit des eigenen Landesverbands zu verkennen. "Eine strategische Meisterleistung war das nicht", sagt ein Insider. Özdemir habe sich wie ein Kind benommen, das zu viel will. Schließlich komme auch Noch-Amtsinhaber Reinhard Bütikofer ohne ein Bundestagsmandat aus.

Rückkehr im Europaparlament

Özdemir berät sich lange mit seiner Frau - und entscheidet schließlich, doch noch weiterzumachen. Er war schließlich schon einmal viel weiter unten: 2002, als er sein Bundestagsmandat wegen einer Dummheit zurückgeben musste, nachdem er einen günstigen Privatkredit des Frankfurter PR-Unternehmers Moritz Hunzinger angenommen und privat Bonusmeilen verflogen hatte. Zwei Jahre später kam er zurück, schlüpfte im Europaparlament unter.

Hätte Cem Özdemir nun hingeschmissen, hätte das die Ökopartei in eine unabsehbare Krise gestürzt, sind viele überzeugt. Und so klammert man sich nun an den einzig verbliebenen Kandidaten, schmeichelt ihm, nennt ihn liebevoll den "schwäbischen Obama". Auch wenn er die Basis noch immer nicht so recht begeistert.

In Gorleben wird es ernst. Es dämmert: Der Castor rückt näher, die Sitzblockade beginnt. Strohsäcke werden verteilt, Claudia Roth hockt sich auf die Straße, mit dabei hat sie einen dicken Skianzug. Cem Özdemir hat keinen Kälteschutz nötig. Er sitzt schon wieder im warmen Bus. Bald geht es hoffentlich los, zurück nach Berlin.

FTD