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Kolumne: Hier spricht der Boomer Ein Jahr im Griff des Virus – Deutschland wird nicht schlauer

Das halbe Gesicht von Angela Merkel mit Kopfbild von Kolumnist Frank Schmiechen
Angela Merkel verkündet seit einem Corona-Jahr kaum mehr als Durchhalteparolen, meint stern-Kolumnist Frank Schmiechen
© privat / Markus Schreiber / AP / DPA
Wir haben immer noch keine Ahnung, wer sich wo ansteckt, keine Luftfilter in Schulen, keine Selbsttests - fast die Hälfte der vergangenen zwölf Monate haben wir im Lockdown verbracht. Wer andere Ideen hat oder fordert, wird mit einem Shitstorm belohnt. 

Es ist jetzt ein Jahr her. Ich kam aus dem Ski-Urlaub in Österreich zurück. Eine Ahnung lag in der Luft. Mehr noch nicht. In den Restaurants und Bars im Salzburger Land hatten die Menschen noch dicht beieinander gesessen, getrunken und gelacht. In der Ski-Gondel wurde dicht gedrängt über alle möglichen Themen palavert. Aber nicht über eine drohende Pandemie. Zurück in Berlin wurde es ernst. 

Gut, dass uns damals niemand gesagt hat, dass wir uns ein Jahr später immer noch im Griff des Virus befinden. Wir schauen auf die Politiker im Bundestag:

  • Kanzlerin Angela Merkel warnt erneut vor Leichtsinn, deklamiert Durchhalteparolen und verkündet mal wieder eine Verlängerung des Lockdowns. 

  • CDU-Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus entwickelt Pläne, die er in zwölf Monaten offenbar nicht entwickelt, geschweige denn umgesetzt hat.
  • Die AfD fantasiert einen Regierungs-Plan zur Zerstörung Deutschlands herbei. 
  • Die Linke sieht einmal mehr die Schere zwischen Arm und Reich klaffen.
  • Die FDP trauert vertanen Chancen hinterher, die sie als Mitglied der Regierung vielleicht sogar hätte umsetzen können. Wollte man aber nicht. 
  • Dem Herrn Mützenich von der SPD hört niemand im Plenum zu. Da ist das Smartphone interessanter.
  • Die Grünen fordern Verordnungen, bereiten sich ansonsten auf ihre Regierungsbeteiligung ab Herbst vor und würden lieber über das Klima sprechen. 

"Haben Sie sie noch alle?"

Am Tag zuvor geht ein EU-Politiker auf einen Journalisten los, der es gewagt hatte zu fragen, was bei der Beschaffung von Impfmitteln schief gegangen sei: "Haben Sie sie noch alle?" Die Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler kassiert auf Twitter einen Shitstorm, weil sie bemerkt hatte, dass der Lockdown das einfältigste Mittel gegen die Pandemie sei und es andere Wege gäbe. 

Die 50 ist zu einer magischen Zahl geworden. Ab 50 wird alles gut in Deutschland.  Heißt es. Oder ab 35. Das ist die neue magische Zahl. Im Bundestag hörte man bereits die Zahl 10 herumgeistern. Offizielle Begründung: Bei diesen niedrigen Inzidenzwerten könnten die Gesundheitsämter jeden Infektions-Fall zurückverfolgen und damit sei die Pandemie und auch die neue Mutation in den Griff zu bekommen. Aus über 200 Landkreisen und Städten wie München, in denen wir niedrige Werte haben, liegen leider bis heute keine Daten vor, die uns schlauer machen.

Corona-Strategie: Blind fahren und bremsen

Wir wissen immer noch nicht genau, wo sich die Menschen anstecken. Wir können die Altenheime, Krankenhäuser und Pflegeheime, in denen die weitaus meisten Opfer der Pandemie zu beklagen sind, immer noch nicht schützen. Wir wissen nicht, ob Kinder in Kitas und Schulen besonders gefährdet sind. Wir haben keine Digital-Strategie, keine Luftfilter. Wir haben immer noch keine unkomplizierten Selbsttests. Wir haben keine Daten zu Infektionsketten, keine stichprobenartigen Erhebungen - wir sind nach wie vor blind. Das sagt zum Beispiel Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher.

Wenn man blind fährt, nimmt man einfach den Fuß vom Gas. Das ist seit einem Jahr Regierungspolitik in Deutschland. Also kommt der nächste Lockdown mit seinen verheerenden Auswirkungen auf die Psyche von Kindern, Erwachsenen, Familien, auf unsere Wirtschaft, auf die Künstler, auf die Freiheit, die Demokratie und unser Zusammenleben.

Vor einem Jahr hatte ich unserem Land viel mehr zugetraut. Aber Deutschland ist immer noch nicht schlauer geworden.

dho

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