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Debatte um Rente mit 67: Gysi drängt SPD und Grüne zu Gesprächen

Die Debatte um die Rente mit 67 hält an. Jetzt meldet Gregor Gysi Gesprächsbedarf an: Er will mit SPD und Grünen reden, schließlich verfolge man ähnliche Ansätze. Unterstützung bekommt Gysi von den Gewerkschaften. Wirtschaftsexperten verfolgen eine ganz andere Linie.

Sie sind sich nicht immer einig, aber beim Thema Rente unterstützt Linken-Fraktionschef Gregor Gysi SPD und Grüne. Er hat die beiden Parteien sogar zu Gesprächen über die Renten- und Sozialpolitik aufgefordert. "Wir sollten anfangen, über diese Dinge gemeinsam nachzudenken", sagte Gysi der "Saarbrücker Zeitung". Es gehe darum, Alternativen zur aktuellen Politik zu finden. Um Missverständnissen vorzubeugen schob Gysi sogleich hinterher: "Nicht im Sinne von Koalitionsgesprächen, darum geht es jetzt nicht. Es geht darum, Alternativen zu herrschenden Politik zu formulieren."

Die Rente mit 67 sei grundsätzlich falsch, weil sie für alle Arbeitnehmer eine Rentenkürzung bedeute, sagte Gysi. Die von der SPD vorgeschlagene Aussetzung der Pläne reiche nicht aus. Bislang hatte sich die SPD-Spitze nur dafür ausgesprochen, die geplante Anhebung des Rentenalters vorübergehend auszusetzen. Grundsätzlich befürworten die Sozialdemokraten aber die schrittweise Erhöhung der Rentenaltersgrenze.

Gysi sprach sich für das Konzept einer Bürgerversicherung aus, bei der Einkommen aus Vermögen oder Mieteinnahmen einbezogen werden sollen, ebenso Selbständige. Zudem solle die Beitragsbemessungsgrenze schrittweise aufgehoben werden. Derzeit liegt die Grenze bei einem Jahresbruttogehalt von 66.000 Euro für die alten und 55.800 Euro für die neuen Bundesländer. Für darüber hinausgehendes Einkommen werden keine Beiträge berechnet. Laut Gysi ließe sich durch die Anhebung der Beträge weiterhin eine Rente ab 65 Jahren finanzieren.

Gewerkschaften lehnen Rente mit 67 ab

Auch die IG Metall forderte von der SPD, sich endgültig von der Rente mit 67 zu verabschieden. Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sagte der Tageszeitung "Die Welt": "Wir brauchen keine Scheinlösungen, sondern ohne Wenn und Aber ein Nein zur Rente mit 67."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte die Rente mit 67 als "fatale Fehlentscheidung" und forderte von der Bundesregierung eine ehrliche Bestandsaufnahme zur Beschäftigung älterer Menschen. Nur jeder Zehnte schaffe es, aus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung erst mit 65 in Rente zu gehen, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der "Braunschweiger Zeitung".

Wirtschaft sieht Bedarf für ältere Arbeitnehmer

Aus Sicht von Wirtschaftsexperten werden ältere Arbeitnehmer im Job künftig heiß begehrt sein. Die Unternehmen würden sich "50- bis 60-Jährige mit Topgehältern gegenseitig abjagen", prognostiziere der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, der "Bild"-Zeitung. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Hans Heinrich Driftmann, sagte, die Betriebe könnten "nicht auf die Erfahrung und das Wissen der Älteren verzichten." Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt verwies auf die wachsenden Berufschancen älterer Arbeitnehmer. "Für Ältere gibt es immer mehr Jobs", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". "Die körperliche Belastung geht zurück, die Menschen sind im höheren Alter gesünder und leistungsfähiger als noch vor zehn oder 20 Jahren." Gleichzeitig warnte Hundt vor einer Rücknahme der Rente mit 67. "Die Überlegungen in der SPD, die Rente mit 67 auszusetzen oder zurückzunehmen, verfolge ich mit großer Sorge", so Hundt. "Es führt kein Weg daran vorbei, bei steigender Lebenserwartung das Renteneintrittsalter nach oben zu verändern."

Für Zimmermann ist das längere Arbeiten ebenfalls eine ökonomische Notwendigkeit. "Wenn die Rentenbeiträge nicht steigen und die Renten nicht gekürzt werden sollen, müssen wir bis mindestens 70 arbeiten." Laut der Deutschen Rentenversicherung hat sich die Rentenbezugsdauer drastisch verlängert. Während Männer ihren Ruhestand 1960 nur 9,6 Jahre genießen konnten, seien es heute schon 15,8 Jahre. Bei Frauen sei die Rentenbezugsdauer von 10,6 Jahren auf 20,6 Jahre gestiegen.

swd/DPA/AFP / DPA