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Demoskopie: Die Tücken der Wahlumfragen

Wir erinnern uns: 2005 lag Angela Merkel in den Umfragen kilometerweit vorn - und wäre fast gescheitert. Weshalb liegen Meinungsforscher bisweilen voll daneben?

Von Hans Peter Schütz

Wer die jüngsten Meinungsumfragen zur Bundestagswahl liest, könnte glauben, dass alles gelaufen ist. Die CDU/CSU liegt bei 40 bis 43 Prozent, die FDP meist bei 5 Prozent.

Unterstellt, dass diese Zahlen einigermaßen in der Nähe des tatsächlichen Wahlergebnisses am 22. September liegen, zeichnet sich folgende koalitionspolitische Welt ab: Es könnte für eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition reichen – sofern die Liberalen die 5 Prozent tatsächlich schaffen, was die meisten Wahlforscher annehmen. Schließlich könnten die Liberalen von Leihstimmen profitieren, die konservative Wähler für sie abgeben.

Dennoch sind die Zahlen nur mit Vorsicht zu genießen. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Gibowski, einst für das ZDF-Politbarometer aktiv, räumte einmal ein: "Es ist unstrittig, dass Ergebnisse der Sonntagsfrage (…) oft sehr unrealistisch waren."

Unsicherheiten bleiben

In jüngerer Vergangenheit gab es zwei besonders markante Differenzen zwischen Umfragen und tatsächlichem Ergebnis. Bei der Bundestagswahl 2002 prognostizierten die Umfragen der SPD bis zu 45 Prozent – erreicht hat sie dann nur 38,5. Und bei der Bundestagswahl 2005 kam die CDU nur auf 35,2 Prozent, obwohl ihr satte 40 Prozent vorhergesagt worden waren.

Wo liegt die Ursache für solche Fehlannahmen? Einer der Knackpunkte ist, dass die Teilnehmer einer Sonntagsfrage so gut wie nie die tatsächliche Wählerschaft repräsentieren. Sie werden ausgelost und telefonisch befragt. Ein Teil der Ausgelosten ist aber nicht zu erreichen, andere wollen nicht mitmachen. Die Institute sprechen in diesem Zusammenhang ganz offen von "Lotterieschäden". Der Forsa-Meinungsforscher Manfred Güllner, der den stern-RTL-Wahltrend erstellt, räumt selbstkritisch ein: "Kein Institut kann bei einer Sonntagsfrage ein hundertprozentig repräsentatives Publikum der tatsächlichen Wählerschaft befragen. Es bleiben unterm Strich immer Unsicherheiten und Unschärfen."

Ein weiteres Risiko steckt in der Spontanität der Wahlentscheidung. Ob beispielsweise konservative Wähler der FDP Leihstimmen geben, entscheidet sich erst kurz vor dem Wahltag. Das war auch der Grund, weshalb die Institute den Wahlausgang 2009 so schlecht vorhersehen konnten - damals holte die FDP sensationelle 14,6 Prozent. Ähnlich lief es bei der Landtagswahl 2013 in Niedersachsen, wo die CDU-Wähler so oft ihre Zweitstimme der FDP spendierten, dass die CDU die Wahl knapp verlor. Deshalb vermeidet die Kanzlerin derzeit jede direkte Aufforderung, auch die Liberalen mit Stimmen zu bedenken.

Zahl der Nichtwähler steigt

Dass sich die Menschen am Wahltag gleichwohl taktisch votieren und die Liberalen davon profitieren könnten - davon ist Güllner überzeugt. Selbst wenn die FDP bei der Bayernwahl unter fünf Prozent bleibe, bedeute das nichts für ihr Abschneiden bei der Bundestagswahl.

Wichtig in dieser Frage sei der Auftritt der Kanzlerin beim TV-Duell mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am 1. September. Dort dürfe Merkel den Gedanken an Leihstimmen nicht einmal andeuten. Güllner warnt: "Dann kann es wie in Niedersachsen zum Dammbruch kommen, wo die Leihstimmen zum Machtwechsel geführt haben." Erlaubt sei der Kanzlerin allenfalls "dosiert ein freundliches Wort zur FDP".

Ein ganz spezieller Risikofaktor in den Sonntagsfragen steckt im Übrigen auch noch darin, dass die Zahl der Nichtwähler kontinuierlich steigt. Sie sind inzwischen die stärkste "Partei". 2005 gingen 77,7 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl, 2009 waren es nur noch 70,8 Prozent.

Noch ist alles offen

Immer mehr Befragte wissen also nicht, was sie wählen sollen oder ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Der Urnengang hat nicht mehr den Rang einer Bürgerpflicht, schon gar nicht bei den Jüngeren. Aber wer gibt schon gerne am Telefon zu, dass er ahnungslos ist oder sich verweigern wird. Es kommt daher vor, dass Befragte schlicht schwindeln, ein Votum vortäuschen, das sie so nie abgeben. Diese problematische Beziehung von Nichtwählern und Meinungsumfragen wird oft vernachlässigt, obwohl sie bei wachsender "Politikverdrossenheit" eine immer größere Rolle für die Treffgenauigkeit der Prognosen spielt.

All diese Risiken und Unsicherheitsfaktoren mahnen dazu, keine vorschnellen Schlussfolgerungen über die kommende Regierung zu ziehen. Eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb ist möglich, die Stimmenmehrheit könnte sich aber auch auf SPD, Grüne und Linkspartei verteilen. Denkbar ist nach wie vor eine Große Koalition, für die der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück allerdings nicht zur Verfügung stehen würde. Theoretisch könnte es auch auf eine schwarz-grüne Koalition hinauslaufen, die wohl eine satte Mehrheit hätte und inhaltlich nicht vor unüberwindbaren Problemen stünde - aber bei beiden Seiten Bauchschmerzen auslöst. Möglich wäre auch eine Ampel-Koalition von SPD, Grünen und FDP – aber die haben die Liberalen schon definitiv abgesagt.