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Der Rücktritt Guttenbergs: Abgang im Halbdunkeln

10.32 Uhr: Eilmeldung über Guttenbergs Rücktritt. 11.16 Uhr: Guttenberg spricht im Säulensaal des Verteidigungsministeriums. 14.45 Uhr: Die Kanzlerin dankt. Ein Ortstermin.

Von Lutz Kinkel

Dieses Bild, es wird haften bleiben. Es ist Karl-Theodor zu Guttenberg, der die Steintreppe zum Säulensaal des Verteidigungsministeriums herunter steigt. Alleine, im Halbdunkel. Unten ist ein Rednerpult aufgebaut. Es steht auf einem großen, rechteckigen Teppich, der rot-orange-schwarz gemustert ist. Was sollen die Muster bedeuten? Es ist die gewebte Luftbildaufnahme des zerstörten Berlins der Nachkriegszeit. Dies ist ein Ort, der Schwere signalisiert. Historie. Bedeutung. 24 graue Säulen der Halle tragen die Balustraden der oberen Stockwerke, es ist ein Lichthof, der kaum Licht einfängt.

Es war, wie in den vergangenen Wochen so oft, ein brutales Wettrennen gegen die Zeit. Um 10.32 Uhr die erste Eilmeldung: "Bild: Guttenberg tritt noch heute zurück". Ausgerechnet die Bild verkündet das, jenes Medium, das Guttenberg in den vergangenen Wochen im Amt festschreiben wollte ("Gut! Guttenberg bleibt!). Ist das nur konsequent oder schon bizarr? Kaum war der Gedanke auch nur angedreht, macht die zweite Nachricht die Runde: Pressekonferenz im Verteidigungsministerium. 11.15 Uhr.

"Okay. Risiko"

Am Eingang des Bendlerblocks stauen sich um 11 Uhr etwa hundert Berichterstatter, Kamerateams, Hörfunkreporter. Nur ein Flügel der Glastür ist geöffnet, dahinter die Sicherheitsschleuse mit Gepäckkontrolle. Die Uhr tickt, die Drängelei wird immer wilder, ein wachhabender Offizier ruft: "Kamerateams nach vorne", doch da ist es schon zu spät: Der Pulk strömt einfach ins Haus. Der verdutzte Offizier sieht die Menschen an sich vorbei eilen und sagt trocken: "Okay. Risiko" Damit hat er unter diesem Minister vielleicht schon zu leben gelernt. Guttenberg, so haben ihn jüngst seine Biografen beschrieben, ist hoch emotional und impulsiv. Die spontane Einberufung dieser Pressekonferenz mag ein weiterer Beleg dafür sein. Auch dass die Kanzlerin bis zum Morgen offenbar ahnungslos war. Guttenbergs Entscheidung zurückzutreten, erreicht sie beim Bummel über die Cebit.

11.16 Uhr. Guttenbergs Anzug sitzt perfekt, die gelb-blaue Krawatte straff, dennoch sieht er anders aus als sonst. Es fehlt der Gestus der Lässigkeit, die Hand in der Hosentasche, die seine bisherigen Auftritte in der Plagiatsaffäre etwas Überhebliches gegeben haben. Guttenberg liest vom Blatt ab, oben auf den Balustraden stehen Mitarbeiter und Uniformierte mit versteinerter Miene. "Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens", sagt Guttenberg. "Ich gehe nicht alleine wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit, wiewohl ich verstehe, dass dies für große Teile der Wissenschaft ein Anlass wäre. Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann."

Stille, für einen Moment

Und dann hält Guttenberg eine kurze Rede, zerrissen zwischen Eitelkeit und Demut, Selbstbehauptung und Selbstkritik. Schuld an seiner Lage, unterstellt Guttenberg, seien die Medien. Sie würden sich nur noch auf seine Person konzentrieren, nicht mehr auf die Bundeswehrreform oder den Einsatz in Afghanistan. Aber er räumt auch ein, dass er zur "enormen Wucht" der Berichterstattung "viel" selbst beigetragen habe. Er entschuldigt sich nochmals für die "Fehler" und "Versäumnisse" in seiner Doktorarbeit, geht aber auch keinen Millimeter weiter. So geht es hin und her, immer in formvollendeter Rhetorik, nach wenigen Minuten der Schlussakkord: "Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Vielen Dank."

Für einen kurzen Moment ist der Saal vollkommen still. Guttenberg dreht sich um und steigt die halbdunkle Treppe wieder hinauf. Niemand begleitet ihn.

Drei Nachfragen und Schluss

Um 14.45 Uhr steht Angela Merkel im Kanzleramt. Sie wirkt ernst, auch betrübt. Merkel lobt und dankt Guttenberg, sie sagt, dass sie ihn auch weiterhin als Gesprächspartner schätze. Drei Nachfragen lässt die Kanzlerin zu, dann verschwindet auch sie. Es gibt jetzt viel zu tun. Und die Frage, wer neuer Verteidigungsminister wird, ist sicher ihr kleinstes Problem.