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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Die Bremen-Wahl ist wurscht

Der Stadtstaat Bremen hat ein paar mehr Einwohner als Berlin-Pankow. Es ist lächerlich, aus der Bürgerschaftswahl etwas für den Bund ableiten zu wollen.

Von Andreas Hoidn-Borchers

"Etwas besseres als ...": die Bremer Stadtmusikanten halten den Slogan für die Sozialdemokratie bereit

"Etwas besseres als ...": die Bremer Stadtmusikanten halten den Slogan für die Sozialdemokratie bereit

Veitstanz! Jubelchöre! Poliert die Glorienscheine! Dieses Ergebnis ist mal echt der Hammer. Sage noch einer, die SPD könne nicht gewinnen! Fast 33 Prozent. Zusammen mit den 15-Prozent-Grünen eine glatte rot-grüne Mehrheit. Horrido. Geht doch.

Geht´s noch? Aber sicher. Wir stellen uns nur mal für einen kleinen Moment dömmer als der Pfeiffer mit drei Eff und tun so, als kämen wir gerade mit der Dampfmaschin' von der Vega auf die Erde. Da würden wir uns vermutlich schon ein wenig die Augen (oder was immer wir zum Staunen im Gesicht hätten) reiben und uns fragen, wie rigoros man auf diesem Planeten, Reservat Bundesrepublik, einen im Prinzip doch sauberen Wahlsieg runterpinschern kann. Man muss sich nur mal vorstellen, dieses Ergebnis würde es 2017 im Bund geben, was da los wäre. Nämlich: siehe oben.

Nehmt das, ihr Lindners und Luckes!

War aber, halten zu Gnaden, nur Bremen. Bremen! BREMEN! Und deshalb jetzt mal Adrenalin runtergefahren und ernsthaft gefragt: Welche bundespolitischen Lehren soll man bitteschön aus einer Landtagswahl ziehen, die eher eine gepimpte Gemeinderatswahl ist? In einer Stadt, in der nur ein paar Hanseln mehr leben als in Berlin-Pankow. Also: brav den Roland vorm Bremer Rathaus lassen. Sigmar Gabriel ist ja auch nicht gleich zum Kaiser von Goslar gekrönt worden, nachdem die SPD im Hamburg vor vier Monaten fast zum zweiten Mal in Folge die absolute Mehrheit geholt hatte. Und Angela Merkel wird nicht stracks aus dem Kanzleramt geschrieben, weil ihre CDU in den Stadtstaaten nicht einmal ein erbärmliches Viertel der Stimmen bekommt.

Um mal die Dimension zu verdeutlichen, um die es geht: In Bremen und Bremerhaven sind keine 250.000 Menschen zur Wahl gegangen. Um über die Fünf-Prozent-Hürde zu hupfen, reichten etwas mehr als 12.000 Stimmen. 12.000! Nehmt das, ihr Lindners, Luckes, Lencke Steiners! Diese Wahl ist weitgehend ein Muster ohne bundespolitischen Wert. Die FDP ist nicht schon wieder dreiviertel im Bundestag, weil sie nun wieder mit ein paar Abgeordneten die Bremer Bürgerschaft, nun ja, bereichert. Der Zerfall der AfD ist nicht gestoppt, nur weil die Partei, die ihre Anhängerschaft komplett durchmobilisiert hat, es dank der niedrigen Wahlbeteiligung ins Parlament geschafft hat; es dürfte das letzte Mal gewesen sein. Und die SPD ist nicht plötzlich im Bund ein Fall für den Defibrillator, nur weil sie in Bremen ein paar Prozent verloren hat; das ist sie nämlich schon länger.

Andererseits: Frau Motschmann, CDU

Erstaunlich ist eher, dass eine Partei weiter ein Gemeinwesen regieren darf, dessen Bürger zu 71 Prozent finden, sie kriege die Probleme der Stadt nicht in den Griff. Ach Wähler, du wundersames Wesen! Wenn Bremen überhaupt eine Lehre wert ist, dann doch die: Wer zu lange regiert, den bestraft irgendwann der Wähler – und sei es durch Ignoranz und verschärfter Nichtwählerei. Seit 1946 wird die Hansestadt von sozialdemokratischen Bürgermeistern und Mehrheiten geführt. Seit 69 Jahren! Die einzige Abwechslung bestand im gelegentlichen Wechsel des Koalitionspartners, falls überhaupt einer benötigt wurde. Über einen so langen Zeitraum von einer Partei dominiert – und auch: durchsetzt – zu werden, tut keiner Stadt gut, keinem Land. Es widerspricht dem Sinn der Demokratie. Es schadet ihr sogar. Irgendwann wird das auch die CSU mal zu spüren bekommen (Nein, dieser Kommentar entsteht nicht unter dem Einfluss bewusstseinstrübender Substanzen; aber man wird ja trotzdem noch träumen dürfen!). Andererseits: Frau Motschmann von der CDU? Nein, es gibt schon Gründe, warum sich die paar Bremer, die wählen gegangen sind, mehrheitlich noch einmal für Jens Böhrnsen, für den vor allem, und Rot-Grün entschieden haben. Es gehört zu den großen Kuriositäten dieser Wahl, dass nun ausgerechnet der Bürgermeister, den die Bremer mehr wollten als dessen SPD, die Schuld am mickrigen Abschneiden seiner Partei auf sich nimmt und zurücktritt. Das mag ehrenhaft sein, fair gegenüber seinen Wählern ist das nicht. Und falls Sigmar Gabriel und die Bundes-SPD überhaupt was von Bremen lernen wollen, sollten sie sich Grimms Hausmärchen vornehmen und es mit dem Motto Stadtmusikanten versuchen: "Was Besseres als den Tod finden wir überall."

Andreas Hoidn-Borchers könnte Bremer sein. Bis er diesen Kommentar schreiben musste, hat er Wahlkampf und Wahl in der Stadt mit freundlichem Desinteresse verfolgt. Sie können ihm auf Twitter folgen: @ahborchers (Und, nein, er raucht wirklich nichts!)