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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Die Rumpelfüßler der Großen Koalition

Nicht nur Jogis Kicker haben derzeit keinen Plan. Der Großen Koalition geht's ganz genauso. Aussicht auf Besserung? Keine.

Von Axel Vornbäumen

Kurzer Bericht zur Lage der Nation, von Berlin-Mitte aus gesehen: Fußball? Rückkehr der Rumpelfüßler. Wetter? Der Herbst ist da, es wird langsam nun doch trüber. Die Konjunktur? Siehe Wetter.

Gibt's sonst noch was Wichtiges? Nun, in Berlin ist die Theatersaison wieder voll im Gange. Im DT in der Schumannstraße läuft heute Abend "Woyzeck" von Georg Büchner, es gibt sogar noch Karten. Doch, lohnt sich wirklich! Zumindest für Leute mit dem Faible, alles zusammenzudenken: "Hohl, hörst du? Alles hohl da unten." Warum nur nimmt allein Woyzeck wahr, was doch so offensichtlich scheint: dass den Fundamenten nicht zu trauen ist?

Ein Schwamm im Fundament

Ach ja, fast vergessen, da fehlt noch was, um die Lage der Nation richtig auszuloten. Die Politik. Keine Sorge, die gibt's auch noch. Gerade biegt die Große Koalition in die Phase ein, bei der all jene aufmerksam werden sollten, die den Fundamenten dieses Zweckbündnisses nie so recht getraut haben. Um hier mal so richtig Metaphernsalat anzurichten: Die bisherige Schönwetterkoalition führt sich auf zunehmend wackliger Bühne bei ökonomischem Gegenwind auf wie wildgewordene Rumpelfüßler. Sprachlich nicht doll, schon richtig. Trifft aber die gegenwärtige Gemütslage im Berliner Polit-Kosmos ganz gut.

Kostprobe gefällig? "Rote Null". CDU-Generalsekretär Peter Tauber über SPD-Vize Ralf Stegner. "Hat nicht mehr alle Latten am Zaun", Stegner über CSU-Mann Peter Ramsauer. "Wirkt wie Gift", Ramsauer über die Lieblingsprojekte der Sozis, den Mindestlohn und die Rente mit 63. Klingt alles so, als ob sich tief im Fundament der Schwamm breit macht.

Nix Gutes für die Zukunft

Als Momentaufnahme wäre das übrigens nicht so tragisch. Aber leider beschleicht einen gerade das Gefühl, dass dies nur die Ouvertüre für eine lange, ziemlich laute Leidenszeit wird. Wer leidet? Schwarz an Rot und Rot an Schwarz. Und das Volk dann gleich an dieser trüben Dauerinszenierung mit. Prognose: Wer jetzt kein Projekt hat, der hat lange keines mehr. Wer jetzt frustriert ist, wird es lange bleiben. Frei nach Büchner, gell? Nee, Rilke. Aber auch schon tot.

Für die Zukunft bedeutet das: Nix Gutes, zumal diese Große Koalition demnächst gerade erst ein Jahr auf dem Buckel haben wird. Drei weitere Jahre aber muss sie noch vor sich hin rumpeln, so lange ist nun mal die Legislaturperiode. Die natürlichen Gegensätze zwischen Union und SPD sind wieder da. War solange kein Problem, solange genügend Geld für allerlei Großprojekte da war. Jetzt, wo es damit eng wird, wird es auch enger mit dem Zusammenhalt.

Allein der Glaube fehlt

Statt gemeinsam Sinnsuche zu betreiben, wie man dieses Bündnis auf Zeit gewinnbringend für das Land arbeiten lässt, wird ein Großteil der Energie nun darauf verwendet werden, die eigenen Konturen wieder zu schärfen.

Das muss nicht schlecht sein. Im besten Falle kann in solch einer Situation Politik entstehen, wie sie sein sollte - kreativ, reformorientiert, zukunftsgewandt. Allein, es fehlt der Glaube.

Axel Vornbäumen mag Fußball, geht oft ins Theater, am liebsten Schaubühne und DT, gerne auch Bundestag. Wer mag, kann ihm auf Twitter unter @vornbaeumen folgen.