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Die Spargelfahrt des Seeheimer Kreises: SPD labt sich an Merkels Geholper

Steinmeier geißelt die schwarz-gelbe "Rocky Horror Picture Show", Juso-Schnösel wollen Nahles über Bord werfen und Martin Sonneborn hat das Peinlichste nicht gefilmt. Impressionen einer Bootsfahrt mit der SPD.

Von Lutz Kinkel

Ja, auch Sozialdemokraten erleben bisweilen Zustände der Gnade. Grauenhaftes Wetter war angekündigt: Regen, Wind und Dunkelheit. Die 50. Spargelfahrt des Seeheimer Kreises hätte buchstäblich ins Wasser fallen müssen. Aber die unberechenbare Meteorologie schenkte den Genossen einen heißen Frühsommerabend. Und die unberechenbaren Zeitläufe packten noch eine schwarz-gelbe Dauerkrise obendrauf. Also waren Partei und Fraktion bester Laune, als die La Paloma um 18 Uhr in den spiegelglatten Berliner Wannsee stach.

Ein paar Minuten später schon röhrte Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier seine Begrüßungsrede, sagte: "Das ist keine Regierung, das ist eine 'Rocky Horror Picture Show'" und genoss das Unglück der Anderen. Die Energiewende sei keine Energiewende, sondern ein "Irrtumsbereinigungsgesetz", eines Tages werde man sagen: "Die sind angetreten, die sind abgetreten und zwischendrin haben sie das gekippt, was sie vorher beschlossen hatten." Gejohle und Applaus.

Nahles und der Wannsee

Parteichef Sigmar Gabriel, der nächste auf der Rednerliste, erinnerte süffisant daran, dass es mal so aussah, als würde die Union ewig regieren, weil sie ja schon einen Reservekanzler im Gepäck hatte. "Vor einem Jahr gab's noch einen 'rising star' in der Politik: Karl Theodor zu Guttenberg", sagte Gabriel und Steinmeier keckerte, als hätte er den besten Witz seines Lebens gehört. Dann zitiert Gabriel aus einem Kommentar der "Süddeutschen Zeitung", der die Unglaubwürdigkeit der Energiewende herausarbeitet und auch den Manieren der schwarz-gelben Koalition die denkbar schlechteste Note ausstellt: "Die Umgangsformen dieser bürgerlichen Koalition bleiben üble Nachrede und blanke Niedertracht". Noch mal Applaus, er kam von Herzen.

Spargel sollte es geben auf dem Schiff, aus Steinmeiers Wahlkreis, aber die Spargelvorräte auf dem Sonnendeck waren alsbald verfüttert, ebenso die Kartoffeln, und das waren nicht die einzigen Unfälle auf dieser schadenfrohen Sause. Ein schnöseliger Juso im Anzug, unverkennbar ein Nachwuchs-Seeheimer und schon von ein paar Bier illuminiert, schlug vor, Generalsekretärin Andrea Nahles über Bord zu werfen. Sein nicht weniger schnöseliger Kumpel meinte, das ginge nicht, weil sonst der Wannsee leer sei, was eine nicht eben charmante Anspielung auf Nahles Körperfülle war, aber für einen Augenblick die gute alte sozialdemokratische Welt wiederherstellte, in der sich niemand inniger bekriegt als der rechte und der linke Flügel der Partei.

Sonneborns Frage

Martin Sonneborn, Satiriker und Klabautermann der ZDF "heute-show", hätte diesen Wortwechsel sicher gerne verfolgt, war aber zu sehr damit beschäftigt, sich selbst Gehör zu verschaffen, weil er samt Filmteam auf einem kleinen Boot neben dem SPD-Dampfer schipperte. "Ha-ben Sie schon ei-nen Kanz-ler-kan-di-da-ten ge-fun-den?" trötete er über ein Megaphon den Gästen auf dem Sonnendeck zu, was nicht alle komisch fanden. Ein Glück für die SPD, dass Peer Steinbrück die Spargelfahrt wegen eines anderweitigen Termins abgesagt hatte, er hätte sich bei dieser Frage womöglich grinsend an der Reling gezeigt und die K-Soap um ein neues Kapitel bereichert. "Für heute Abend wünsche ich Euch vom Ufer aus viel Vergnügen", schrieb Steinbrück in einem Grußwort, das der Menükarte anhing. Vielleicht hatte er geahnt, was auf ihn zukommen würde.

Die Gespräche schwappten so launig hin und her, die Grünen waren natürlich auch ein großes Thema, Steinmeier hatte in seiner Begrüßungsrede den Spin vorgegeben: "Das, was wir erlebt haben in den vergangenen zehn, zwölf Monaten, diesen grünen Höhenflug, der wird nicht anhalten." Ist die Atomfrage erst beerdigt, so das Kalkül, würden auch die Grünen wieder auf Normalmaß schrumpfen. Das würde das sozialdemokratische Selbstbewusstsein heben, sie wären wieder der Größere von beiden. Aber was, wenn es dann nicht mehr für Regierungsmehrheiten reicht? Und was, wenn sich die Grünen der CDU zuwenden? Sie sollten es tun, schon aus Gründen des guten Geschmacks.

Ein peinliches Gedicht

"Der Johannes ist durch und durch ein Hamburger Junge/ er trägt, wie man weiß, sein Herz auf der Zunge" , hatten die beiden Sprecher des Seeheimer Kreises, Garrelt Duin und Petra Ernstberger, zu Beginn der Spargelfahrt gereimt. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt eines sehr, sehr langen und sehr, sehr peinlichen Gedichts, das eine amüsante Art Danksagung für Johannes Kahrs sein sollte, den Cheforganisator des Events. Er stand in der Mitte zwischen beiden und lächelte gequält, der Spiritus Rector der konservativen SPD, heimgesucht vom kleinsten Karo. "Reime auf der Familienfeier, das geht mir ziemlich auf die Eier", sagte ein führender Sozialdemokrat auf dem Nachhauseweg. Er will sich nicht mit Namen zitieren lassen. Schade, dass Sonneborn auch diese Szenen nicht mitgefilmt hat. Er musste draußen bleiben.