HOME

Doktorarbeit unter Verdacht: Plagiatsjäger erhebt Vorwürfe gegen Steinmeier

SPD-Fraktionschef Steinmeier soll bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben. Ein Professor will "umfangreiche Plagiatsindizien" gefunden haben, die Universität Gießen berät sich.

Die Doktorarbeit des alten und neuen SDP-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier trägt den sperrigen Titel "Bürger ohne Obdach: Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum. Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit". 444 Seiten ist die Arbeit lang und soll an über 500 Stellen plagiert worden sein. Wie der "Focus" berichtet, hat der BWL-Professor Uwe Kamenz aus Münster die Dissertation mit einer Computer-Analyse überprüft und dabei "umfangreiche Plagiatsindizien" gefunden.

Der Münsteraner Hochschullehrer beantragte daraufhin bei der Universität Gießen eine Überprüfung der 1991 eingereichten Promotion ein. Die Plagiatsindizien, die er gefunden habe, würden "mit hoher Wahrscheinlichkeit auf vorhandene Plagiate" hinweisen. "Focus" zitiert aus der Email von Kamenz: "Somit sind die Voraussetzungen für ein Überprüfungs- und ggf. Entzugsverfahren des Doktortitels an Ihrer Fakultät gegeben."

Jagd auf Politiker-Plagiate

Die E-Mail und den 279 Seiten dicken Prüfbericht schickte Kamenz auch an Steinmeiers Bundestagsbüro. Der SPD-Politiker sprach auf "Focus"-Anfrage von einem "absurden Vorwurf". Eine Sprecherin der Universität Gießen sagte, die Hochschule wolle am Montag über das weitere Vorgehen entscheiden.

Kamenz gab an, die Arbeit Steinmeiers mit 95 Quellen verglichen zu haben. An mehr als 500 Stellen habe er problematische Übereinstimmungen registriert. 60 Passagen könnten als "Verschleierung" gewertet werden, berichtet "Focus". Eine Quelle soll jedoch tatsächlich im kompletten Wortlaut abgeschrieben worden sein. "Die Indizienlage ist vergleichbar mit dem Fall von Ex-Bildungsministerin Annette Schavan", so Kamenz.

Die Vorwürfe gegen Steinmeier kommen, nachdem in den vergangenen Jahren einer ganzen Reihe prominenter Politiker der Doktorgrad aberkannt worden war, weil sie in ihren Dissertationen in unzulässiger Form aus anderen Arbeiten abgeschrieben hatten.

Uwe Kamenz versucht bereits seit Langem, Plagiate aufzuspüren. Vor rund zwei Jahren kündigt er an, 1000 Politiker-Promotionen untersuchen zu wollen. Der "Welt" sagte er damals: "Jeder, der plagiiert, wird irgendwann entdeckt". Spätestens wenn die Arbeiten im Internet stünden.

Ellen Ivits mit AFP