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Edmund Stoiber: Auf Entzug

Dieser Mann galt als besonders schwerer Fall von Politiksucht und Arbeitswut - jetzt erprobt sich Edmund Stoiber in einem neuen Leben: als Entbürokratisierer in Brüssel, Ehemann und Opa. Kann das gut gehen?

Von Tilman Gerwien

Der Saal, in dem er gleich reden soll, liegt im zweiten Stock. Will er den Fahrstuhl nehmen? "Nein, nein, wir nehmen die Treppe", ruft Edmund Stoiber, 66, und spurtet nach oben. Er ist etwas zu spät. Das war früher schon so, auch heute noch verbreitet er rudernd-zappelige Kurzatmigkeit um sich. Oben im Saal ist es stickig, die Damen und Herren vom Europäischen Wirtschaftssenat fächeln sich Luft zu.

Er wird hier über den Bürokratieabbau in Europa berichten, seine "neue Herzensangelegenheit". Will er dabei nicht sein Jackett ablegen? "Nein", sagt Stoiber. "Ich habe mein Sakko immer anbehalten." Einmal im Wahlkampf, so erzählt er, wann war das bloß, kann 2002 als Kanzlerkandidat gewesen sein, ist ja letztlich auch egal, auf alle Fälle war es in Frankfurt, da war es so unglaublich heiß im Saal, am Ende der ganze Anzug: nass, zum Auswringen.

Nein, dieser Mann hat sein Sakko immer anbehalten. Bis zuletzt, bis zum demütigend-erzwungenen Abschied, galt er in der Klasse der Politiksüchtigen als besonders schwerer Fall. "Wer für ihn arbeitet, unterscheidet nicht zwischen Tag und Nacht", hieß es in der Staatskanzlei. Resozialisierung im normalen Leben? Ohne Terminkalender, Dauertelefonate, Referenten, vor allem aber: ohne die von ihm so heiß geliebten Aktenvermerke auf grünem Papier? So gut wie ausgeschlossen!

Jetzt behauptet Edmund Stoiber mutig von sich: "Ich bin nicht verbittert, sondern dankbar. Ich genieße eine große innere Freiheit."

"Ich habe mich zeitlebens mit Bürokratie beschäftigt"

Erste Erfolge sind zu verzeichnen. "Wenn er anruft und sagt, ich komme heute Abend um acht nach Hause, dann ist er auch tatsächlich um acht da", berichtet Ehefrau Karin - nicht ohne ein gewisses Erstaunen. Kürzlich hat er sie spontan zum "Klassik-Open-Air" am Münchner Odeonsplatz eingeladen. Manchmal streifen die beiden in der Abenddämmerung über Felder und Wiesen. Einfach so. Manchmal kauft er sich jetzt an einer Autobahnraststätte ein Eis. Einfach so.

Er hat gelernt, mit seinem FC-Bayern- Handy E-Mails zu verschicken, immer Öfter arbeitet er sich in den Zeitungen über Politik und Wirtschaft ins Feuilleton vor. Oft kommen die Enkel zu Besuch. Einmal gab es schon Streit um Bayern-Trikots. Opa Edmund hatte Johannes, 8, und Benedict, 7, eins von Franck Ribéry und eins von Luca Toni zugedacht - und beide wollten dann unbedingt das von Ribéry. Er hätte gar nicht gewusst, was es noch so alles gibt im Leben, hat Stoiber vor ein paar Tagen Nordrhein-Westfalens Regierungschef Jürgen Rüttgers anvertraut.

Der Tag beginnt aber immer noch um sechs mit den Radionachrichten auf Bayern 5. Und Stoiber wäre nicht Stoiber, wenn er sich verbliebenen Verpflichtungen nicht mit der gleichen Arbeitswut widmen würde, die er früher dem Freistaat Bayern zuteil werden ließ. In Brüssel sieht man ihn in einem Konferenzbunker. Als Vorsitzender einer Expertengruppe will er hier den Kampf aufnehmen gegen Europas Bürokratie, bis 2012 die Wirtschaft um 150 Milliarden Euro entlasten. Fachkundig referiert er über das "niederländische Standardkostenmodell" oder Vorschriften zum Krümmungsgrad von Gurken - "wegen der Gurken habe ich kürzlich schon einen Brief an Horst Seehofer geschrieben!"

Früher hat dieser Mann mit dem Papst und Putin konferiert - jetzt kümmert er sich um die Krümmung von Gurken. Soll man das tragisch finden? Oder steckt dahinter nicht doch eine verborgene Ironie, so etwas wie eine letzte List der Geschichte, dass ausgerechnet er, der Aktenfresser, nun als Leiter einer "high level group on adminstrative burdens" seine späte Berufung findet? Jedenfalls erläutert er, durchaus treffend: "Ich habe mich zeitlebens mit Bürokratie beschäftigt."

Das Gefühl von Bedeutung

Geld gibt es keins, die EU-Kommission bezahlt nur Flüge und Übernachtungen. Es ist daher nicht ganz klar, was er in Brüssel sucht: Krönung seines respektablen Lebenswerkes durch einen letzten, entsagungsvollen Dienst an der spröden Sache? Oder: Noch einmal das Gefühl von Bedeutung? Im Brüsseler Moloch wird sein Wirken jedenfalls mit freundlicher Nichtbeachtung zur Kenntnis genommen. Keiner wartet so richtig auf ihn: Als er kürzlich eine halbe Stunde zu spät zur Pressekonferenz eilte, fand er einen leeren Saal vor - die Journalisten waren längst gegangen.

Umso willkommener sind Momente, die das Große früherer Tage erahnen lassen. In München residiert der "Ministerpräsident a. D." nahe der alten Wirkungsstätte mit seinem Büro in einer Altbauetage. Das "politische Austragshäusl" ("Süddeutsche Zeitung") in der Wagmüllerstraße ist anspruchsvoll möbliert - mit einer Garnitur im Empirestil, die er aus der Staatskanzlei mitgenommen hat. Nachfolger Günther Beckstein soll kein Interesse gehabt haben - Stoiber griff gern zu. Am Schreibtisch aus Erlenwurzelholz regierte schließlich schon Franz Josef Strauß.

Stoiber hat sich immer als dessen Ziehsohn gesehen. Noch einmal rief er vergangene Woche bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin die großen, alten Zeiten auf: Strauß bei Mao und Gorbatschow - Weltpolitik in Weiß-Blau. "Ich war wohl einer, der ihm am nächsten stand", sagte er, das Wasser stand ihm in den Augen. Die Rührung mag auch damit zu tun haben, dass die CSU jetzt so anders wirkt: verängstigt bangend um die absolute Mehrheit, abgenutzt im Kleinkrieg gegen die Kanzlerin.

Oft klingelt das Telefon in der Wagmüllerstraße. Bürger wollen Unterstützung beim Streit mit Bauämtern oder bei der Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis - bizarr genug, galt Stoiber als Innenminister doch als großer Ausländer-Abschieber. Noch öfter rufen CSU-Kandidaten an. Sie fürchten bei der Bayern-Wahl im Herbst um Landtagssitze. Mit ihm als Redner wollen sie alte Größe in die Gegenwart retten. Obwohl er sich als Ehrenvorsitzender Zurückhaltung verordnet hat, kommt er doch mit Genugtuung in die Bierzelte: Die ihn jetzt einladen, sind oft genau jene, die ihn 2007 nicht mehr ertragen wollten.

Die Menschen jubeln

Schweiß steht ihm auf der Stirn, wenn er redet, die Menschen jubeln. Trotzdem gibt es ambivalente Gefühle. Er hat seiner CSU legendäre 60,7 Prozent hinterlassen. Das ist die Erinnerung an den großen Stoiber. Aber wenn er sich über die Lage der Aluminiumindustrie verbreitet und nach einer Stunde noch zur Ausländerpolitk kommen will - verbunden mit der drohenden Ankündigung "das letzte oder Vorletzte Thema" -, dann gibt es auch die Erinnerung an den anderen Stoiber.

Rückfallgefahr? Wohl kaum. Denn seinen politischen Entzug bewältigt Stoiber mit genau jener Disziplin, für die er schon als Ministerpräsident so berühmt wie berüchtigt war. Vor Kurzem, es war ein Samstag, rief ihn sein Münchner Büroleiter in einer dringenden Angelegenheit an. "Wenn es was Medienmäßiges ist, muss ich passen", sagte Stoiber. "Ich habe heute noch keine Zeitung gelesen."

Da war es bereits 14.30 Uhr. Und Edmund Stoiber hatte noch keine einzige Zeitung gelesen. So etwas hätte es früher wirklich nicht gegeben.

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