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Edmund Stoiber: Der Zerstörer

Früher kämpfte er für ein besseres Deutschland. Jetzt hat er nur noch Angst um seine Wiederwahl in Bayern. Edmund Stoiber ist der härteste Oppositionspolitiker in Berlin. Dabei macht er Angela Merkel kaputt - und sich selbst.

Von Tilman Gerwien

Seine größten Siege feiert der Mann nachts. Nachts, wenn Berlin dunkel ist und nur noch in Angela Merkels Kanzleramt kleine Lichter glühen. Dann werden dort oben durchgeweichte Käsebrötchen verteilt, es gibt lauwarmen Kaffee. Dann ist es Politik brutal, zwischen zwei und fünf Uhr. Dann kommt die Stunde von Edmund Stoiber.

Der bayerische Ministerpräsident tritt zusammen mit Merkel und Kurt Beck vor die Presse, um seine "Sicht der Dinge vorzutragen". Über die Gläser seiner randlosen Brille sendet er scharfe Blicke. Er trägt ein zerlesenes Aktenkonvolut herum, es hat die Dicke eines Telefonbuches. Stoibers Körper federt auf und ab. In den Augen von Merkel und Beck sieht man für Sekunden den Gedanken: Ich will nur noch nach Hause. In seinen Augen aber steht: Ich habe gewonnen.

Kann man sich Merkel-Land ohne ihn vorstellen? Ohne den hochgewachsenen, mit den Armen fuchtelnden, hypernervösen Mann, der, inzwischen nicht mehr blond, sondern grau, gleichwohl immer noch und überall "seinen Beitrag leisten will"? Leben wir vielleicht gar nicht in Merkel-Land - sondern in Stoiber-Land?

Es ist eine merkwürdige Sache mit diesem Edmund Stoiber. In der SPD nennen sie ihn nur noch "Dr. No" oder auch "Dr. Seltsam". Sie wissen nicht, was er vorhat, aber sie sehen, was er in den vergangenen Monaten erreicht hat: Es gibt keine höheren Steuern für niedrigere Krankenkassenbeiträge. Das Ehegattensplitting von Kinderlosen bleibt unangetastet. Die Vorsteuerpauschale für die Bauern wird sogar noch erhöht. Und das Elterngeld wird auch gezahlt, wenn Mama nicht arbeiten geht - alles die Handschrift von "Dr. Seltsam". Es gibt nicht ein wichtiges Projekt der Kanzlerin, das er nicht in Krisensitzungen abgefälscht, runtergemendelt, kleingehäckselt hätte. Wenn Merkel irgendwann als Kanzlerin scheitert - dann liegt das auch an ihm. Will er sie kaputt machen? Oder nimmt er es zumindest billigend in Kauf?

Die Causa Stoiber hat etwas Unheimliches: Wir kennen ihn als etwas humorlosen, aber selbstvergessenen Pflichtmenschen, der um "sachgerechte Lösungen" ringt. Doch möglicherweise wohnen dunkle Antriebe und Leidenschaften in diesem Edmund Stoiber. Gefühle, von denen wir bisher nichts wussten.

"Jaaa, hallooo, ja, grüß Gott a mal! Ooooh, Unterfranken ist auch schon da!", ruft Stoiber. Es ist sein 65. Geburtstag, Trachtengruppen sind angetreten im Kuppelsaal der Staatskanzlei. Der Protokollchef mit dem Einstecktüchlein schaut nervös. Aber die Hauptperson präsentiert sich in aufgeräumter Jugendlichkeit: "Ja, wissen Sie", sagt Stoiber, "ich fühle mich fit. Ich bin entschlossen. Es geht ja darum, dass man seinen Beitrag leisten will. Wenn die Gesundheit mitmacht." Er stellt sein Glas ab, klopft mit den Fingerknöcheln dreimal auf den Tisch: "Toi, toi, toi!" Später schenkt ihm die CSU-Fraktion, merkwürdig genug, einen neuen Aktenkoffer.

Mehr denn je sucht Stoiber jetzt Halt in seiner Heimat. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass die alten Gewissheiten nicht mehr tragen. 57 Prozent der Bayern wollen, dass er bei den Landtagswahlen 2008 nicht mehr antritt. Im Unterallgäu sollen Parteifreunde angekündigt haben, keine Plakate mehr für ihn zu kleben. Im Frankenwald fordert ihn ein Kreisvorsitzender auf, den Parteivorsitz abzugeben. Die CSU liegt in einer Umfrage unter 50 Prozent. Merkwürdige Dinge geschehen im Freistaat - das gibt Feierstunden wie dieser eine etwas beklemmende Note.

"Lieber Edmund, du kannst mit Stolz und Genugtuung auf dein politisches Leben schauen", sagt Günther Beckstein, der Innenminister. Es klingt wie ein erster zärtlicher Nachruf. Aber Stoiber hält auch eine Rede: "Wir müssen fragen: Wo liegen die Mega-Trends? Wir dürfen nicht nur an heute denken, wir müssen auch an 2010, an 2020 denken!"

Edmund Stoiber und das Jahr 2020. Hinten scharren die Ersten mit den Füßen, einige rollen mit den Augen. Man sieht, wie im Stoiber-Staat auf den einfachen Plätzen gleichsam schon die Krawattenknoten gelöst werden. Vorne aber, in der ersten Reihe, ist alles noch festgezurrt. Dort lächelt Karin Stoiber in ihrem rosa Kostüm, sie lächelt unerbittlich.

Etwas muss passiert sein, vor einem Jahr, als er im letzten Moment vor dem Amt des "Superministers" für Wirtschaft in Merkels Kabinett zurückzuckte. Er hatte immer erzählt, man müsse ihn nur machen lassen, dann werde alles besser in Deutschland. Und nun ließ er sich für Deutschland nicht in die Pflicht nehmen. Der selbstlose Verantwortungspolitiker desertierte aus der Verantwortung. Zum ersten Mal sah man einen anderen Stoiber, einen, den man bis dahin gar nicht kannte: feige, selbstsüchtig, provinziell. Stoiber, wie er wirklich ist?

Wie an sich selbst irre geworden, greift er nun immer aufs Neue nach alten, wohlvertrauten Reflexen: in Bayern regieren, in Berlin opponieren. Er hat es sogar fertiggebracht, gegen etwas zu protestieren, was keiner gefordert hatte: deutsche Bodentruppen in den Libanon. "Wenn zweimal nacheinander dieselben Lottozahlen kommen, dann ist Stoiber der Erste, der dazu eine Stellungnahme aus bayerischer Sicht abgibt", witzeln sie in der CDU.

Was Stoiber unbedingt braucht, ist der Sieg bei der Bayern-Wahl 2008. Einmal noch gewinnen, nur einmal noch - dann, so glaubt er, wird alles wieder gut. Deshalb erscheint es so, als laufe die ganze Republik am Gängelband seiner Wiederwahl. Und deshalb tobt in Berlin ein stiller Zermürbungskrieg zwischen ihm und der Kanzlerin, ein Kampf, der alle seine Energien absorbiert. Millimeterweise geht es um Geländegewinne im Unterholz der Politik. Die Waffen des für seine Detailkenntnis Gefürchteten sind grässlich: Sie heißen "steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten für Alleinverdiener-Haushalte" oder: "Konvergenzklausel im Rahmen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs".

Stundenlang schießt er in den Koalitionsrunden Sperrfeuer. Glaubt man Beteiligten, dann sind typische Einwände von "Dr. No": "Das ist eine derartig komplizierte Materie, alles hängt mit allem zusammen." Oder: "Woher soll das Geld kommen?" Oder: "Das können Sie niemandem erläutern", gekrönt von einem: "Das sind alles Fragen, die ich schon vor einem Jahr gestellt habe." Gern lässt er auch nachts um drei Uhr noch Verhandlungen stoppen, um Sachverstand aus seiner Staatskanzlei beizuziehen, die alles noch mal sorgfältig "abprüfen" muss.

Von staatstragender Milde ist nichts zu spüren, im Gegenteil: Sein fast schon jugendlich anmutender Protesthabitus, vor allem aber der beängstigende Überschuss an Vitalität, die seine immer erratischer werdenden Vorstöße in die Bundespolitik begleiten - all das lässt vermuten, dass Edmund Stoiber bis heute keine Antwort auf ein Thema gefunden hat, das doch eigentlich ein zentrales für ihn sein müsste: sein Altern in der Politik. Andere ergehen sich in Entlastungsfantasien, träumen von Enkeln, um die sie sich gern mehr kümmern, oder Büchern, die sie endlich gern mal lesen würden. Er nicht. Älter werden ist in seinem Repertoire nicht vorgesehen. Er hat schlicht keine Rolle dafür.

"Ich bin nicht müde. Auch nicht um halb zwei Uhr morgens", sagt Stoiber. "Aber Frau Merkel ist dann auch nicht müde." Doch es sind genau diese Nächte, in denen ihre Kanzlerschaft kaputt gemacht wird.

In München sitzt der Ministerpräsident im "Großen Arbeitszimmer" seiner Staatskanzlei und rechtfertigt sein Tun. Er hebt an zu Entlastungsangriffen:

"Jaaa, da sagen die Leute, wieso beschließt der bei der Gesundheit erst Eckpunkte und ist dann dagegen? Jaaa, aber da müssen Sie sehen, das waren nur Eckpunkte! Das war noch kein vernünftiges Gesetzgebungsverfahren!"

"Jaaa, dann heißt es bei der Vorsteuerpauschale, jaaa, wieso hat der jetzt wieder den ganzen Laden aufgehalten mit dem Zeugs, für anderthalb Stunden. Dann sage ich aber, das ist für Bayern ganz entscheidend!"

Es wird einem eng ums Herz, wenn man mit ihm zusammensitzt. Etwas seltsam Unfreies, Unerlöstes ist um diesen Mann. Findet er es nicht bedenklich, dass man ihn in Berlin "Dr. Seltsam" nennt? "In Berlin, ja in Berlin!", ruft Stoiber. "Soll man die doch mal fragen, ob die nicht seltsam sind!"

Womöglich erkennt er in seinem Kampf in Berlin ein altvertrautes Muster, sein Lebensthema in neuer Variation: Immer schon musste er sich in die Welt hineindrängen, nie hat einer gewartet auf das Armeleutekind aus Oberaudorf in Oberbayern. "Als Drittgeborener durfte ich auf die Oberschule gehen, das war damals nicht selbstverständlich!", erzählt er gerührt. So einer lässt sich jetzt nicht abdrängen von einer Angela, die noch kleine DDR-Physikerin war, als er schon den Bundestagswahlkampf für Franz Josef Strauß managte.

Und der neue Berliner Regierungsstil - die eilig hingetupften Konzepte, das blitzschnelle Jonglieren mit Inhalten aus Machtkalkül, die halbseidenen Kompromisse in letzter Minute - ist ihm zutiefst zuwider. Das entwertet sein Leben, das von akkurater Arbeit und Aktenkenntnis zusammengehalten wird - Sachverhalte, die nicht in Akten stehen, sind für ihn nicht existent. Akten machen das Leben kontrollierbar - ein Leben, von dem er sich nie gehalten wusste, an das er sich daher auch nie verlor. Es kommt vor, dass sich Stoiber mit seinem Freund Wolfgang Schäuble zum Plausch trifft - und dann seine Pappdeckel auspackt. Schäuble sagt dann: "Was hast du denn da, nun pack doch endlich mal dein Zeug weg!"

Trotzdem: Was konnte man mit ihm früher für Diskussionen führen! Leidenschaftliche, faszinierende Streitereien über ein anderes Steuersystem, bessere Unis, neue Arbeitsplätze. Fragt man ihn jetzt, ob man nicht doch das Ehegattensplitting für Kinderlose abschaffen sollte, um Geld zu haben für Kindergärten, sagt er nur: "Das kriegen Sie in Bayern nie durch! Das können Sie glatt vergessen!"

Genau das ist das Problem bei diesem Doktor Stoiber: Sachliches und Persönliches, Verletzungen und Triumphe, handwerkliche Autorität und ein neuer Hang zum Anarchismus - alles liegt so eng beieinander. Es geht eine höchst explosive Mischung ein. Und diese Mischung ist angstgetrieben. Er hat die Kanzlerschaft um Haaresbreite verfehlt. Er hätte Bundespräsident, EU-Kommissionspräsident und "Superminister" werden können. Verliert er in Bayern auch noch die absolute CSU-Mehrheit, liegt sein ganzes Leben in Trümmern. Er wäre der Mann, der alles Große schon mal in den Händen hielt - und am Ende doch alles verlor. Daher die Angst vor der Landtagswahl. Die Angst davor, älter zu werden. Die Angst, dass sie ihn in Berlin über den Tisch ziehen. Angst, Angst, Angst - das ist Edmund Stoiber 2006.

Früher hatte er raumgreifende Konzepte - jetzt geht es nur noch darum, die vergurkten Projekte der Angela Merkel noch ein Stück weiter zu vergurken: Sie soll nicht durchkommen, sowieso nicht und auch nicht im bayerischen Interesse. Es ist, als entfalteten sich jetzt, im Abendrot seiner Karriere, die stupenden Fähigkeiten dieses Mannes - sein Kenntnisreichtum, sein Fleiß, seine lange Regierungserfahrung - noch einmal, aber ins Negative gewendet, wie in einem letzten, fast schon diabolischen Zauber. Edmund Stoiber - der Geist, der stets verneint.

Was für eine traurige Vollendung eines großen politischen Lebens. Angela Merkel geht vielleicht kaputt dabei. Aber auch Edmund Stoiber geht dabei kaputt. Er zerstört das Bild, das viele von ihm hatten. Er zerstört sich selbst.

Seine Auftritte waren oft ungelenk, seine "Äh"-Reden kurios. Und doch hatten die Klügeren unter den Beobachtern lange Zeit eine Ahnung: Hier könnte endlich, endlich einer sein, der anders ist. Einer, der Probleme lösen will, der sich halb totarbeitet - einer, der Deutschland besser machen könnte. Jetzt sieht man diesen Mann in CSU-Sälen herumstehen, als Karikatur seiner selbst, und er fragt ängstlich: "Was empfinden die Menschen draußen von dem, was wir tun? Wie kommt das an? Welche Probleme gibt es denn?"

Das ist das eigentlich Deprimierende an der Causa Stoiber: Mit seiner Selbstverzwergung zum Dauerfeilscher und Erbsenzähler stirbt die Hoffnung auf das Andere in der Politik. Was bleibt, ist nur die Ödnis des immer gleichen Spiels um Macht und ein paar Stimmprozente. Es ist ein Spiel für gefrorene Seelen. Stoiber wird darin auf bedrückende Weise kenntlich: als einer von vielen. Haben wir uns vielleicht immer in ihm getäuscht?

"Ich habe mit ihm eine ganze Reihe sehr langer und sehr offener Gespräche geführt in den letzten Monaten", sagt Alois Glück, der Landtagspräsident. Glück will nicht sagen, worum es bei diesen Gesprächen ging. Aber er macht sich Sorgen. Er sagt, dass das Thema "Verjüngung" Stoiber sehr bewusst sei. "Aber für sich selbst hat er keinen fixen Zeitpunkt."

Glück kennt Stoiber seit einer halben Ewigkeit, die beiden haben schon unter Strauß Politik gemacht. Er selbst ist ganz anders als Stoiber: kleiner, nachdenklicher, nicht so laut. Aber er hat erlebt, dass der laute Stoiber die CSU auf unglaubliche 60,7 Prozent hochgewuchtet hat. Wenn er jetzt von seinem Präsidentensessel herunterblickt, dann sieht er im Saal von ganz rechts bis weit links von der Mitte nur eigene Leute, nur CSU. Links an der Wand dürfen noch ein paar Rote und Grüne sitzen, aber die fallen nicht weiter auf. Glück bekommt einen Riesenrespekt vor Stoiber - jedes Mal, wenn er das sieht. Vielleicht ist Stoiber für ihn ein Idol. Und er will das nicht mehr erleben: dass sein Idol davongejagt wird. Dass es zerbricht. Daher die "offenen Gespräche".

"Er ist jetzt sicher nicht mehr der Strahlemann schlechthin, es gibt nicht mehr den Mythos Stoiber", sagt Glück. "Das ist natürlich auch ein ganz normaler Abnutzungseffekt über die lange Amtsdauer." Glaubt er, dass der Besessene irgendwann einen guten Abgang hinbekommt? "Ich weiß es nicht", sagt Glück. "Aber ich wünsche es ihm."

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