Ernennung des Aalkönigs Wie Steinbrück zu Peer I. wurde


In Bad Honnef gibt es einen gar nicht mal so alten Brauch, der nicht jedem geläufig sein dürfte: Die Stadt im Rhein-Sieg-Kreis kürt einmal jährlich den Aalkönig. Diesmal heißt der neue Regent im Namen des schlangenförmigen Flussfisches Peer Steinbrück und arbeitet nebenbei als Bundesfinanzminister.
Von Christian Parth

Eines ist dem Aalvolk von Bad Honnef von Beginn an klar. Hätte es erst vergangene Woche Peer Steinbrück zum ihrem neuen Herrscher nominiert, der Berliner Kassenwart wäre gestern Abend wohl gar nicht erst erschienen, um sich zum Monarchen über das überschaubare Volk am Rhein krönen zu lassen. Zu angespannt, glauben einige Mitglieder des Komitees zur Vergabe des Aalkönigs, sei die Lage derzeit drüben im Osten, in der "brandenburgischen Sandbüchse", wie Steinbrück selbst das Regierungsviertel rund um den Potsdamer Platz in Berlin an diesem Abend nennen wird.

Doch der Bundesminister der Finanzen schrieb bereits im Sommer dieses Jahres eine SMS mit seiner Zusage, als er noch nichts wusste von Koalitionsstreit und gespaltener Genossenschaft. Und so musste er schließlich kommen, gestern Abend in den Kursaal zu Bad Honnef bei Bonn, Stuck an den Wänden, elektrisches Licht in Glaskugeln, die an langen Seilen von den Decken hängen und 400 zahlende Gäste darunter beleuchten, die sich vor allem eines von diesem Abend erhoffen: Ein rhetorisches Scharmützel zwischen ihrem neuen König und seinem Vorgänger Friedrich Merz, der als der vergangene Aalkönig ein Jahr die Geschicke der untergehenden Aal-Metropole Bad Honnef leiten und nun die Insignien des klamaukhaften Titels an seinen Thronfolger persönlich weitergeben durfte.

Zur Rettung des Aalschokkers

Der namentlich freilich etwas zweifelhafte Titel des Aalkönigs wurde 2003 ins Leben gerufen. Ursprünglich sollte damit die "Aranka", der letzte Aalschokker der Region und Wahrzeichen von Bad Honnef, gerettet werden. Inzwischen, im fünften Jahr, hat der Titel gar schon Tradition. Es dürfe ruhig politisch werden, sagt Spiritus Rector Friedhelm Ost. Nicht so rustikal wie in Passau oder weiland in Vilshofen solle es zugehen. In Bad Honnef soll es das feine Florett sein, mit denen die Aalkönige sich bekämpfen dürfen. Diese Kunst beherrschten bislang alle Monarchen: Wolfgang Clement, Lothar Späth, Konrad Beikircher und Friedrich Merz.

Während die Pressevertreter etwas abgeschieden hoch oben auf der Empore bei pöbelhaftem Kassler Braten mit geschmacksneutralem Erbsen/Möhren-Gemüse und Kartoffelbrei bei schwindender Laune gehalten werden, schlemmen Merz und Steinbrück samt Gemahlinnen am selben Tisch, Aug in Aug, mit lauwarmem Aalragout in ausgehöhlter Cox-Orange und Kalbmedaillons aus Aegidienberg dem Höhepunkt des Abends entgegen. Zwischen den Gängen hat der gestresste Steinbrück, der kommende Monarch, Minuten sichtlicher Langeweile zu überstehen. Dann steigt er endlich empor, Friedrich Merz, immerhin der Mann mit der Vision von der Steuererklärung auf einem Bierdeckel. Merz entscheidet sich nach seiner Vortrags-Pleite bei der Verleihung des "Orden wider den tierischen Ernst" in Aachen im vergangenen Jahr, wo er peinlicherweise des Abschreibens überführt wurde, für eine bildgestützte Lobrede, die es in sich hat. Nur schwerlich könne er sich trennen von seiner Alleinherrschaft. Aber nun, wo das Aalvolk ihn nicht mehr haben wolle, möchte er seinem Thronfolger wichtige Hinweise nicht vorenthalten.

Freude über die eigene Dreistigkeit

Er, Peer I., solle bloß nicht auf die Idee kommen, nach seinem Politikerdasein andere Jobs anzunehmen. Hinter sich lässt Merz auf Großbildleinwand ein montiertes Foto einblenden. Auf diesem grinst der kürzlich verabschiedete Edmund Stoiber mit schwarzem Zwirbelbart und betongefestigter Föhnfrisur als eine Mischung aus Salvatore Dalí und Rudolf Mooshammer ohne Daisy. Danach wird Claudia Roth an die Wand projiziert. Ihr Aufzug in leuchtendem Lila und das leicht verschämte, aber doch offenherzige Lächeln bringt er mit einem Gewerbe in Verbindung, das unwillkürlich an die käufliche Liebe erinnern soll. Der Saal raunt vor Verzückung. Die Menschen stehen auf und beklatschen ihren einstigen König aus dem Sauerland, der zurzeit als Anwalt in der freien Wirtschaft recht ordentlich Kohlen verdient. Merz indes erfreut sich offensichtlich an den Ovationen und seiner eigenen Dreistigkeit.

Dann kommt Steinbrück. Seine Antrittsrede als neuer Regent gerät zu einer humoristischen Abrechung mit der Berliner Republik. Der Aal, hat der Finanzmeister recherchiert, sei ja auch ein hervorragender Kletterer. Eigenschaften, die er selbst wohl bald benötigen werde, bei seiner persönlichen "Eiger-Nordwand", dem SPD-Bundesparteitag in Hamburg, wo er den Posten des Partei-Vizes verteidigen will. Überhaupt scheint dem Finanzminister die derzeitige Lage in der Hauptstadt, wo es vor lauter "Provinztum" geradezu tropfe, nicht gerade zu gefallen. Den Christdemokraten wirft er "politische Produktpiraterie" vor, weil sie mit ihren Vorstößen zum Klimaschutz und ALG 1 in das rote Gewässer der Genossen vorgestoßen seien. Vielleicht, warnt Steinbrück, wolle ja sogar Merkel auf dem kommenden SPD-Parteitag als Vorsitzende kandidieren.

Vor allem hat es Steinbrück aber auf einen alten Rivalen abgesehen. Jürgen Rüttgers, der ihn bei der NRW-Wahl 2004 eine herbe Niederlage beigebracht und die vorgezogenen Wahlen auf Bundesebene erst ermöglicht hatte. Dann gibt es von Finanzminister Steinbrück noch einen Seitenhieb gegen all jene, die alles zugleich wollen: Steuersenkung und mehr Subventionen. Gegen jene, die jetzt Geld satt verlangen, weil mehr in die Kassen des Bundeshaushalts geflossen ist, als kalkuliert. Da lobt sich Steinbrück doch die Vorzüge des Aals. Der Finanzminister, geboren in Hamburg und dank seiner Frau inzwischen ein Fischkopp mit rheinischem Gemüt, lobt das massive Rückgrat des glitschigen Fischs mit seinen 200 Wirbeln. Leider habe einen solch stabilen Rücken nicht jeder aus seinem politischen Dunstkreis. Bei vielen sei das Rückgrat so beschaffen, dass sich das Lächeln im Gesicht unmittelbar auf das Gesäß übertrage.

Am Ende kam schließlich noch Wolfgang Clement ans Rednerpult. Der SPD-Mann ist durch seine Ernennung 2003 der erste urkundlich erwähnte Aalkönig der Neuzeit. Spätestens bei ihm hatte man das Gefühl, Politiker müssen bedauernswerte Wesen sein. "Pass' auf", sagte Clement zum Genossen Steinbrück. In Berlin seien sie gerade wieder mit dem Vorruhestand zugange. Was das bedeutet, weiß der ehemalige Superminister nur zu gut. Er wurde damals recht rüde von der Berliner Bühne gekegelt.

Wie ein Aal, der zittert

Nach Inthronisierung und schmeichelhaften Glückwünschen schreitet Aalkönig Peer I. aus dem Festsaal hinaus ins Foyer, wo "Aale Dieter", die schreiende Legende vom Hamburger Fischmarkt, seine Waren an die Leute labert. Ob der Parteitag in Hamburg ihm denn wirklich so ein Graus sei, fragte man Steinbrück: "Das hier ist eine Unterhaltungsveranstaltung. Das hier ist zum Spaß. Hier gibt es nichts, was man auf die Goldwaage legen darf." Dann verschwindet der Finanzminister rasch in der Menge. Schnell, wendig und erregt. Wie ein Aal, der zittert.


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