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Expertensicht: Das Wunder von Rüsselsheim

Schlechtes Image, gute Qualität: Autotester geben Opel Bestnoten, obwohl jahrelang bei der Entwicklung geknausert wurde.

Es gibt sie, die guten Nachrichten über Opel. So war es eine Sensation, als das Fachmagazin "Auto Motor und Sport" im August einen Opel Vectra zum Sieger in einem Vergleichstest kürte - vor hochkarätiger Konkurrenz: C-Klasse-Mercedes, VW Passat und Peugeot 407.

Damit begann eine Erfolgsserie. Im September schlug der Vectra in der "Auto Zeitung" zwölf Kandidaten eines Vergleichs. Fast gleichzeitig erschien in "Auto Bild" das Ergebnis eines VectraDauertests über 100 000 Kilometer - mit besserem Ergebnis ("Auto Bild": "überzeugende Qualität"), als es zuvor ein BMW und ein Mercedes erzielten. Vor zwei Wochen legte die "Auto Zeitung" nach und erklärte den Opel Astra zum Gewinner eines Vergleichstests in der Kompaktklasse - ebenfalls vor teureren Konkurrenten wie dem BMW 1er, dem Audi A3 und dem Erzrivalen VW Golf.

Tatsächlich sind Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Modelle in den vergangenen Jahren spürbar besser geworden. Doch das Image leidet immer noch unter den katastrophalen Qualitätsmängeln der 80er und 90er Jahre. Exemplarisch war damals ein "Auto Bild"-Dauertest des damaligen Opel-Spitzenmodells Omega von 1996. Kaum eine Woche verging, in der die Autotester nicht einen neuen Mangel aufdeckten. Zehnmal musste ein Dauertest-Omega auch bei "Auto Motor Sport" und "Auto Zeitung" außerplanmäßig in die Werkstatt.

Beim Kompaktmodell Astra bestand beim Tanken wegen eines Konstruktionsfehlers sogar Feuergefahr. Besonders peinlich: Bei Opel wusste man von dem Problem, reagierte aber erst, als der Skandal aufflog. 2,3 Millionen Autos wurden zurück in die Werkstätten gebeten. Der Ruf war ruiniert, der Marktanteil sank.

Verschreckt wurde die Kundschaft auch durch den Zickzackkurs der jeweiligen Opel-Bosse: Im Schnitt alle drei Jahre wechselte das Management. Dessen oft krasse Fehlentscheidungen hallten wegen der langen Produktzyklen - ein Fahrzeugmodell ist rund sieben Jahre auf dem Markt - noch jahrelang nach. Unter "Kostenkiller" José Ignacio López, dem berüchtigten Einkaufschef von Opel und GM in Europa, ging die Qualität so richtig runter.

An Louis Hughes ("Es genügt, wenn die Autos halbwegs funktionieren und den Kunden von A nach B bringen"), der von 1989 bis 1992 in Rüsselsheim regierte, denken die Opelianer besonders ungern zurück. Hughes strich Imageträger wie Sportwagen und Cabrios und sorgte dafür, dass bei Entwicklung und Produktion kräftig gespart werden musste. Er steckte die Millionen lieber in die Globalisierung der europäischen GM-Tochter, vor allem in Richtung Asien, und zog immer mehr Ingenieure ab.

Jürgen Stockmar, der als hoch geschätzter Entwicklungschef zu Opel gekommen war, konnte 1997 immerhin durchsetzen, den Produktionsanlauf der zweiten Astra-Generation wegen Qualitätsproblemen um ein halbes Jahr zu verschieben, warf aber bald entnervt das Handtuch. Immerhin setzte Stockmar noch ein Qualitätssicherungsprogramm in Gang, das ein deutlich erhöhtes Entwicklungsbudget zur Folge hatte. Diese Maßnahme trägt bis heute Früchte. Zwischen 1999 und 2003, das ergibt ein internes Opel-Papier, das dem stern vorliegt, sank die IPTV-Zahl (Irregularities Per Thousand Vehicles, deutsch: Unregelmäßigkeiten pro tausend Autos) um 61 Prozent.

Frank Warrings / print