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FDP-Politikerin Karoline Preisler "Während meiner Corona-Erkrankung haben die Kinder weinend um Umarmungen gebeten"

FDP-Politikerin Karoline Preisler
FDP-Politikerin Karoline Preisler: "Für kurze Zeit musste ich auch auf die Isolierstation des Krankenhauses. Mein Mann und ich wussten nicht, ob wir uns wiedersehen."
© Karoline Preisler
Karoline Preisler hat "#coronatagebuch" geführt und an ihrer schweren Corona-Erkrankung teilhaben lassen. Warum? Und was sagt die FDP-Politikerin zu den Lockerungsrufen, die auch von den Liberalen kommen?

"Zwischen Bruchrechnung Klasse 5 und Abendessen ist der nachstehende Text entstanden", schreibt Karoline Preisler in einer E-Mail am Abend. Wie derzeit viele versucht die FDP-Politikerin aus Mecklenburg-Vorpommern den Spagat zwischen Berufs- und Privatleben, zwischen Homeoffice und Familie – und mitunter zwischen Bruchrechnung Klasse 5 und Abendessen.

Wer der 48-Jährigen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgt, dem ist ihre entwaffnende Offenheit bekannt. Vor rund zehn Wochen hatte sich die Politikerin mit dem Coronavirus infiziert. Seitdem führt sie "#coronatagebuch", in dem sie das Land an ihrer Erkrankung und ihrem schweren Krankheitsverlauf teilhaben ließ, und nun ihr Comeback in den Alltag teilt. Warum tut sie das? Und stimmt sie, als mittlerweile genesene Patientin, auf die Lockerungsrufe mit ein, die auch aus ihrer Partei kommen?    

FDP-Politikerin Karoline Preisler: "Das Coronavirus lebte mit uns unter einem Dach"

Frau Preisler, vor rund zehn Wochen hatten Sie sich mit Covid-19 infiziert. Auch Ihr Mann, der FDP-Bundestagsabgeordnete Hagen Reinhold, hatte das Virus. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Karoline Preisler: Heute sind wir gesund. Mein Mann hat noch kleinere Einschränkungen beim Gehör und er braucht noch ungewöhnlich viel Schlaf. Das eine macht mir zu schaffen, das andere ihm. Wir nehmen es tapfer.

Allerdings hat unsere Kondition nachgelassen. Daran arbeiten wir wohl noch länger. Die Kinder, mein Mann und ich werden noch einige Zeit mit den zwischenmenschlichen Erfahrungen zu tun haben. Corona hat uns sehr gefordert und einige aufwühlende soziale Nebenwirkungen gehabt. Doch diese Erfahrungen teilen wir mit vielen anderen Betroffenen.


Wie hat die Infektion Ihren Alltag, womöglich sogar Ihr Leben beeinflusst und verändert?

Zuerst waren wir voller Zuversicht, diese Krankheit zu meistern. Mein Mann und ich hatten Corona, die Kinder waren gesund. Anfangs ging es uns allen nicht schlecht. Doch sehr bald wurde ich sehr krank. Quarantäne, Corona und drei lebhafte Kinder im Alter von 9 bis 11 wurden zu einer Herausforderung. Wir trennten in der Wohnung Gesunde und Kranke. Der Verlust von familiärer Nähe durch Abstand in einer abgeschotteten Wohnung hat es uns schwer gemacht, die Krankheit zu überstehen. Das Virus lebte ja mit uns unter einem Dach. Für kurze Zeit musste ich auch auf die Isolierstation des Krankenhauses. Mein Mann und ich wussten nicht, ob wir uns wiedersehen. Damals war vieles über den Virus noch unbekannt. Es war ein täglicher Kampf. Hinzu kam die Stigmatisierung. 

Die Corona-Maßnahmen hinterfrage ich als Innenpolitikerin kritischer

Diese Erfahrungen haben Spuren hinterlassen. Als Politikerin blicke ich nun auch durch die Brille einer Patientin. Die Corona-Maßnahmen hinterfrage ich als Innenpolitikerin kritischer. Das wird hoffentlich meine politische Arbeit besser machen. Ich habe es als große Bereicherung erlebt, dass viele Menschen mir in der Coronakrise ihre Ideen, Fragen und Probleme anvertrauten. Mehr als sechs Millionen Menschen hat mein Coronatagebuch erreicht. Diese Offenheit möchte ich beibehalten. Für die vielen Zuschriften und Vertrauensbeweise danke ich von ganzem Herzen.

Karoline Preisler mit Schutzmaske
Karoline Preisler mit Schutzmaske
© Karoline Preisler

Äußert sich die zurückliegende Erkrankung bis heute?   

Zehn Wochen später bin ich vollständig genesen. Mein Lungenfunktionstest war gut. Bei meinem Mann wird sich noch zeigen, ob die letzten Begleiterscheinungen verschwinden. Wir sind zuversichtlich.

Nach Ihrer Infektion haben Sie Twitter unter dem Hashtag "#coronatagebuch" an Ihrem Alltag teilhaben lassen, über Ihre Erkrankung berichtet, den Krankheitsverlauf und Ihre Zeit im Krankenhaus. Warum, und für wen, haben Sie das Tagebuch geführt? Und warum setzen Sie es auch nach der Erkrankung fort?

Als mein Mann aus 300 Kilometer Entfernung anrief und mir sein positives Testergebnis durchgab, kannten wir Corona nicht. Ich schnappte mir unsere Kinder und ging in freiwillige Quarantäne, veranlasste für den nächsten Tag Coronatests für den Rest der Familie.

Doch ich fand keine Antworten auf unsere Fragen. Wie geht eine Familie mit Corona um? Wie trennt man eine Familie mit Gesunden und Kranken in einer Wohnung? Wie gehen Eltern und Kinder mit der Isolation um? Zur gleichen Zeit bekamen wir viele Rückmeldungen, gute und ängstliche, wütende und solidarische. Mein Mann und ich haben dann gemeinsam mit den Kindern entschieden, dass ich "#coronatagebuch" führe. Wir wollten anderen eine Hilfe sein, indem wir unsere Erfahrungen teilen. Corona wird uns wohl noch eine Weile beschäftigen, aber ich bin zuversichtlich, dass aus "#coronatagebuch" in Zukunft "#carotagebuch" wird. Wir alle haben es ja in der Hand, Corona in den Griff zu bekommen.

Wirklich überraschend waren die positiven Auswirkungen des Tagebuchs für uns als Familie. Wir bekamen den besten Support. Ich zeigte zum Beispiel ein Bild von mir mit Mundschutz. Ein Leser wies mich darauf hin, dass ich den Mundschutz falsch trug. Eine wunderbare Hamburgerin las mir nachts vor, weil ich wegen meiner Luftnot nicht schlafen konnte. Das alles war möglich, weil das Internet bis in ein Isolierzimmer in einem Krankenhaus reichte.

Wie stehen Sie zu weiterreichenden Lockerungen während der Pandemie? Christian Lindner, der FDP-Parteichef, sieht die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger durch die Corona-Maßnahmen der letzten Wochen und Monate in Gefahr. Teilen Sie seine Meinung?

Seit 2013 bin ich FDP-Mitglied. Bereut habe ich es nicht. Mir gefällt, dass Christian Lindner ausspricht, was meine Nachbarinnen und Nachbarn längst denken und fordern. Er verlangt ja nur eine Selbstverständlichkeit, nämlich dass Corona-Maßnahmen verhältnismäßig sein müssen. Natürlich können wir mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die Spatzen werden nach den Kanonenschüssen in jedem Fall weg sein. Leider ist dann auch viel mehr weg. Es muss doch andere Mittel als eine Kanone gegen Spatzen geben!

Gibt es ein milderes Mittel, dann muss dieses mildere Mittel gewählt werden

Ich hatte Corona. Es war eine üble Erfahrung. Als Bürgerin dieses Landes erwarte ich wirksame Maßnahmen im Kampf gegen Corona. Auch hier ist Verhältnismäßigkeit keine übertriebene Forderung. Im Gegenteil, sie ist ein Gebot. Das Potential, welches wir in unserem Land haben, ist noch nicht ausgereizt. Zum Beispiel sollte schnell eine App kommen, um zu helfen. Viele stark geforderte Eltern und Kinder könnten mit digitalen Schulangeboten besser lernen. Und – mit Verlaub – in meinem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern leben wir auch so jeden Tag mit Abstand und sind von Hause aus eher zurückhaltend. Unsere Infektionszahlen sind niedrig. Abstandsverfügungen, das Ausweisen von netten Berlinern aus ihren Ferienhäusern, die Schließung von Dorfsportvereinen waren womöglich nicht verhältnismäßig. Freiheitsbeschränkungen brauchen wirklich gute Gründe. Gibt es ein milderes Mittel, dann muss dieses mildere Mittel gewählt werden.

Karoline Preisler mit einem ihrer Kinder
Karoline Preisler mit einem ihrer Kinder
© Karoline Preisler

Wie bewerten Sie insgesamt den Kurs Ihrer Partei in der Coronakrise?

Mir fehlt in der Coronakrise Fairness gegenüber meiner Partei. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben vor 71 Jahren die Aufgabe von Parteien definiert. Das betrifft auch die FDP. Danach soll eine Partei gemäß Artikel 21 bei der politischen Meinungsbildung des Volkes mitwirken. Ganz ehrlich!? Das gelingt der FDP aktuell ganz gut. Wir haben am Anfang die Beschränkungen und Bemühungen um Corona und den Lockdown mitgetragen. Nun wollen wir uns zusätzlich noch darum bemühen, dass Corona uns nicht in eine schlimme weitere Krise, nämlich eine Wirtschaftskrise, stürzt. Wir wollen gesunde Menschen und eine gesunde Wirtschaft. Trotzdem sehe ich noch Potential. Die FDP muss geeinter agieren, empathischer sein und ihre Kompetenz im Bereich der sozialen Marktwirtschaft, Bildung, Bürokratieabbau und Innenpolitik hervorheben. Wir haben gute Argumente und tolle Leute.

Kita-Besuch als Corona-Risiko? UKE-Studie soll brennende Fragen klären

Zuletzt hatten namhafte FDP-Politiker für Verstimmungen gesorgt. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner wurde dafür kritisiert, dass er einen Bekannten vor einem Restaurant umarmt hatte. Thüringens FDP-Chef Thomas Kemmerich nahm an einer umstrittenen Anti-Corona-Demonstration teil. Was sagen Sie zu den Vorfällen?

In beiden Fällen habe ich mich geärgert. Doch Christian Lindner hat sich entschuldigt. Damit ist die Sache erledigt. Christian Lindner ist ein Mensch, auch wenn er als Parteivorsitzender ganz besonders Vorbild sein muss. Menschen machen Fehler. Ich habe meine Lieben wochenlang nicht umarmt. Während meiner Corona-Erkrankung haben die Kinder weinend um Umarmungen gebeten. Es war so schwer! So menschlich. Noch heute muss ich meine Hände bändigen, wenn sie sich nach Jahrzehnten der Höflichkeit, bei einer Begrüßung dem Gast entgegenstrecken wollen. Wir alle müssen stark bleiben.

Als Politikerin der FDP und Corona-Patientin bitte ich meine Mitbürgerinnen und Mitbürger um Vergebung

Von Thomas Kemmerich hätte ich mir gewünscht, dass er sich die Gesellschaft auf dieser Anti-Corona-Demonstration näher angesehen hätte. Die FDP verabscheut Antisemitismus, setzt auf Bildung und Wissenschaft, lehnt Gewalt ab. Wir sind eine Rechtsstaatspartei! Gerade in den ostdeutschen Bundesländern haben wir für diese Demokratie alles gegeben. Demonstrationen? Ja. Unbedingt! Doch niemals sollten Freie Demokraten sich mit Menschen ohne Abstand oder Anstand gemeinsam politisch engagieren. Ich schätze mal, das Coronavirus hat auf dieser Anti-Corona-Demonstration den größten Spaß gehabt. Den Schaden bezahlen die Demonstranten und deren Kontaktpersonen mit ihrer Gesundheit. Als Politikerin der FDP und Corona-Patientin bitte ich meine Mitbürgerinnen und Mitbürger um Vergebung. Wir können besser sein. Wir werden besser sein.

Wie lautet Ihre Botschaft; Ihr Appell in der Coronakrise?

Jeder Mensch und jede Meinung sind wichtig. Werden Sie politisch aktiv, damit Ihre Ideen mehr Durchsetzungskraft bekommen. Arbeiten wir gemeinsam an guten Lösungen. Halten wir die Infektionszahlen mit cleveren Methoden niedrig, denn Corona kann jeden treffen. Doch wir können Corona besiegen. Es liegt an uns.


Offenlegung der Redaktion: Die Fragen wurden Karoline Preisler schriftlich übermittelt und von ihr schriftlich beantwortet.

Die Fragen stellte: Florian Schillat

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