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Kolumne: Hier spricht der Boomer Merkel hatte nichts zu bieten – außer sich selbst

Schmiechen Kolumne zu Angela Merkel
Angela Merkel hinterlässt uns ein Land, das an allen Ecken und Kanten saniert und geflickt werden muss.
© John Macdougall / Picture Alliance
Die 16 Jahre unter Angela Merkel haben Deutschland nicht sehr verändert. Manchmal hat man das Gefühl, dass unser Land in den 80er-Jahren stecken geblieben ist. Trotzdem gibt es Dinge, die unser Autor an ihr geschätzt hat und vermissen wird. 
Von Frank Schmiechen

Ganz am Anfang, da habe ich mich gefreut. Wie diese etwas blasse Frau aus dem Osten den konservativen Männern die Hosen strammgezogen hat. Herrlich! Mit einem Artikel in der "FAZ" erledigte sie Helmut Kohl, dann folgte eine lange Reihe von selbstzufriedenen CDU-Oldies, die über die Wupper gingen. Die wussten gar nicht, wie ihnen geschah und räumten verblüfft ihre sicher geglaubten Posten.

Kaum etwas im Angebot außer sich selbst

Angela Merkel löste den schwer zu entfernenden, konservativen, alten, männlichen Bodensatz aus der eingebrannten Unions-Pfanne und ersetzte ihn durch – nichts. Außer sich selbst hatte Merkel kaum etwas im Angebot. Ich empfand das damals als Stärke. Wir leben in postideologischen Zeiten. Der Digitalisierung und dem Virus ist es egal, ob sozialdemokratisch oder christlich-konservativ regiert wird. Herausforderungen müssen gelöst werden. Punkt.

Als Physikerin dachte Merkel die Dinge nicht vom Ende her, wie sie immer behauptete. Das machen Ideologen. Wissenschaftler stellen Fragen, konstruieren ein Bild der Wirklichkeit und sehen Probleme als Herausforderungen, an denen sie ihre Thesen überprüfen. Kühl, unbewegt, leidenschaftslos. Das war Merkels Art. Das höchste der Merkel-Gefühle war ein leichtes Verdrehen der Augen, als Donald Trump mal wieder Unsinn erzählte. 

Leider lag sie bei richtig großen Entscheidungen daneben. Mit dem Abschied von der Atomkraft hat Deutschland den Schlüssel zu einer Zukunftstechnologie aus der Hand gegeben, die viele Probleme lösen könnte. Als Millionen Flüchtlinge an der Grenze standen, hoffte Merkel auf eine europäische Lösung – und musste wenige Tage später erkennen, dass sich getäuscht hatte. Deutschland musste das Problem alleine lösen und bezahlen. Der chaotische Abzug aus Afghanistan war ein Trauerspiel. Deutschland ließ dort viele Menschen im Stich und setzte sie tödlichen Gefahren aus. Eine historische Peinlichkeit. 

Leben in Deutschland wie in den 80ern

Die konservativen Wurzeln wurden während der Merkel-Jahre gekappt. Im vergangenen Wahlkampf hätte sich jemand in der Union im Sinne ihrer Wählerschaft einfach mal saftig gegen das Gendern aussprechen können. Das Thema wurde verschlafen. Die Union hätte sich in der Klimadiskussion als Anwalt der deutschen Wirtschaft präsentieren können. Stattdessen hängte man seine Fahne in den Klimawind und warf mit Temperatur-Zahlen um sich. 

Kolumne: Hier spricht der Boomer: Merkel hatte nichts zu bieten – außer sich selbst

Merkel hinterlässt uns ein Land, das an allen Ecken und Kanten saniert und geflickt werden muss. Infrastruktur, Schulen, Wirtschaft, Verwaltung, Selbstvertrauen – fast alles. Manchmal fühlt sich das Leben in Deutschland immer noch an wie in den 80er-Jahren. Von Strategie, Planung, Vorausschau war in den Merkel-Jahren wenig zu spüren. Stattdessen fuhr man auf Sicht. Es ging immer nur darum, das nächste Problem zu lösen, wenn es auftaucht. Damit alles so bleiben kann, wie es ist. 16 Jahre lang ist Merkel mit dieser Politik zur deutschen Übermutter geworden. Weltweit anerkannt und geschätzt. Für ihre Nüchternheit, ihren Pragmatismus, ihre Art, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Genau dafür habe auch ich sie geschätzt. 


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