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Frank-Walter Steinmeier: "Besser als Obama"

Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier galt bislang als kühler Diplomat. Doch immer öfter macht er seinem einstigen Mentor Gerhard Schröder alle Ehre. Bei einem Auftritt in der bayerischen Provinz zeigt der mögliche Kanzlerkandidat der SPD: Er kann nicht nur vor Beamten, sondern auch im Bierzelt begeistern.

Von Tobias Lill, Kümmersbruck

Hilde Dornhauser ist sichtlich gespannt. Sie nippt an ihrer Maß Wasser. Vier Jahrzehnte ist die 81-Jährige schon Mitglied in der bayerischen SPD. Es ist zwar nicht die erste Krise der Sozialdemokratie, die sie erlebt hat, doch wohl die schwerste. Dennoch ist sie keineswegs pessimistisch für die nächste Bundestagswahl. "Der Mann kann Kanzler werden", sagt sie. Der Mann, das ist Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD). Wie rund tausend andere Schaulustige ist sie extra in das Festzelt im beschaulichen Dorf Theuern in der Oberpfalz gekommen, um ihn zu sehen. Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende will den bayerischen Genossen bei ihrem schweren Wahlkampf beistehen.

Steinmeier ist in Form

Die Atmosphäre ist, wie sie sein soll: Das Zelt ist randvoll. Das Bier fließt in Strömen, die Blasmusik kracht. Und dann kommt der neue Hoffnungsträger der Sozialdemokratie: Steinmeier. Fast vom ersten Wort an brüllt er in die Menge. Er schreit, als gäbe es kein Mikrofon. Er poltert gegen die Staatsregierung. "Vor zwei Jahren schaffen sie die Pendlerpauschale ab, um sie jetzt wieder einführen zu wollen", schreit er in die Richtung von Erwin Huber (CSU) und fährt fort: "Die Christsozialen laufen den Ereignissen hinterher."

Seine Hand schnellt nach vorn, wenn er die CSU attackiert. Er kritisiert vor allem das Versagen Hubers bei der Affäre um die Verluste der Bayerischen Landesbank. "Was würde Strauß wohl über seine Enkel sagen?", fragt er. Die Menge lacht. Später ruft Steinmeier: "Die CSU ist in Bayern kein selbstverständlicher Sieger." Mehrmals wischt er sich den Schweiß mit seinem Hemdsärmel von der Stirn. Wer dachte, der Diplomat könne nur vor seinen Beamten brillieren, hat sich getäuscht: Steinmeier ist in Form.

So sieht das auch SPD-Urgestein Dornhauser. "Steinmeier stottert nicht, ein guter Mann", kommentiert sie zwischen dem Jubel, und ihr Sohn findet: "Ganz wie der Altkanzler." Dieser Gedanke kommt an diesem Abend vielen Genossen. Steinmeier drückt die Stimme, macht den Schröder. Auch wenn er die Hemdsärmel diesmal nicht hochgezogen hat. Doch nicht nur der Klang seiner Stimme erinnert beim Schließen der Augen an Schröder - auch die Inhalte. Da sind die ständigen Appelle an das Wir-Gefühl. "Jeder", sagt er, müsse "die gleiche Chance auf Bildung haben".

Steinmeier hebt pastoral die Hände und ruft: "Ich weiß, wovon ich rede." Manche im Publikum nicken bestätigend. "Die Sozialdemokraten haben mir die Möglichkeit zur Bildung gegeben", kokettiert er mit seiner Herkunft. Ganz wie Vorbild Schröder musste sich Steinmeier als Sohn kleiner Leute hocharbeiten. Der Vater war Tischler, die Mutter Fabrikarbeiterin. Steinmeier schaffte das Abitur und studierte. Jetzt steht er auf dem Podium und wird 2009 vielleicht den Aufstieg nach ganz oben versuchen.

Der Hoffnungsträger der SPD

Die Erfolgsgeschichte des Frank-Walter Steinmeier begann, als er 1993 die Leitung des persönlichen Büros Gerhard Schröders, damals niedersächsischer Ministerpräsident, übernahm. Doch noch vor ein paar Jahren war er als Kanzleramtschef nicht viel bekannter als der armenische Verteidigungsminister. Dann wurde er Außenminister, SPD-Vize und einer der beliebtesten Politiker des Landes. Der Vizekanzler ist der größte Hoffnungsträger der chaosgeplagten Sozialdemokraten und wird von den meisten Genossen als Favorit im Rennen um die Kanzlerkandidatur gehandelt.

Seit einiger Zeit bemüht sich Steinmeier deshalb, sozialdemokratischen Stallgeruch anzunehmen. Der Altkanzler als Vorbild hilft da. "Er hat von Schröder gelernt, hat seinen Stil verinnerlicht", ist auch Rainer Beyerlein, Mitglied des oberpfälzischen Bezirksvorstandes, überzeugt.

Vieles verdankt Steinmeier seinem einstigen Mentor. Vielleicht rüttelt er deshalb in seiner Rede nicht an der Agenda 2010, die auch noch immer vielen an der SPD-Basis bitter aufstößt. "Glaubt den Gauklern und Märchenerzählern nicht", sagt er deshalb in Richtung Linkspartei. Mehrfach ballt er seine Fäuste. Als er sich gegen eine Senkung der Steuern auf Sprit und Energie ausspricht, wird es ruhiger im Publikum, der Applaus verhaltener.

Bayerns SPD-Spitzenkandidat Franz Maget und die anderen Sozialdemokraten auf dem Podium schauen ein wenig bedrückt. Im Wahlkampf wollen die Leute Zugeständnisse und keine Entzugstherapie. Doch schnell entdeckt Steinmeier wieder den Schröder in sich. Er gibt noch einmal Gas. Gierig verschlingt das Publikum die Attacken auf den politischen Gegner, die ihnen Steinmeier häppchenweise vorwirft. Die wundgeriebene Basis ist dankbar, dass da jemand Hoffnung macht.

Doch irgendwann wird seine Stimme leiser. Die Krawatte ist locker, sein Hemd verschwitzt, auch auf der Stirn tropfen Schweißperlen. Die Steinmeier-Show geht dem Ende zu. Den Oberpfälzern hat es gefallen: Minutenlang lang klatschen und johlen sie, fast so, als wären sie auf einem Aschermittwoch der CSU und nicht auf einer SPD-Wahlkampfveranstaltung in der bayerischen Provinz. Zu Dutzenden strömen sie in Richtung Podium, stehen Schlange, um ein Autogramm vom Minister zu ergattern.

Endlich haben sie wieder Grund, ihre Parteibücher stolz zu zeigen. "Besser als Obama", sagt ein junger Mann und hält das rote Büchlein und seinen Stift weit in die Höhe. Steinmeier benutzt derweil den Rücken von Maget als Unterlage. Als er sich Minuten später einen Schluck Bier gönnt, wischt er sich den Schweiß von der Stirn und lächelt entspannt. "Er macht es, Steinmeier kann Kanzler werden", sagt auch Hilde Dornhauser, bevor sie aufbricht. Dass Kurt Beck noch Kanzlerkandidat wird, glaubt im Zelt um diese Zeit wohl keiner mehr. "Allein schon, weil der Steinmeier besser aussieht als der Beck", wie es eine Frau im Dirndl formuliert.