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Pressestimmen

Bewerbung um CDU-Parteivorsitz: "Merz ist einer der wenigen Christdemokraten, die bei den Linken Schnappatmung auslösen"

Mit seiner Bewerbung um den CDU-Vorsitz hat Friedrich Merz nicht nur seine eigene Partei elektrisiert. Auch das Echo in den Medien ist vielstimmig.

Es war ein bemerkenswerter Auftritt, den Friedrich Merz vor der Bundespressekonferenz absolvierte, als er am Mittwoch seine Kandidatur als CDU-Vorsitzender offiziell verkündete. Selbstbewusst, klar und präzise legte er in 20 Minuten dar, was seiner Partei in der Ära von Angela Merkel abhanden gekommen und warum gerade er der richtige Mann für eine Kurskorrektur sei. In der Partei wird er von vielen als neuer Hoffnugnsträger begrüßt. Das Urteil in der deutschen Presse ist differenzierter.

"Die Welt": Politik ist manchmal wie eine katholische Mädchenschule: Da bricht sich eine Erlösersehnsucht Bahn, die schnell in kanahafte Wundererwartungen umschlägt. Das erlebten wir bei Barack Obama, Emmanuel Macron oder Martin Schulz, der der Gottkanzler der Sozialdemokratie sein sollte. Nun heißt der Messias Friedrich Merz. Er hat noch nicht einmal die Wahl zum CDU-Parteivorsitzenden gewonnen, sondern ist nur Kandidat, aber egal, schon jetzt gilt er als Wundertäter: Er wird den Konservatismus modernisieren, die CDU erneuern, die AfD überflüssig machen und sogar noch die SPD retten, weil die dann wieder an Profil gewinnen kann. (...) Hier tritt kein Revolutionär an, und auch kein Messias. Und das ist gut, denn von den Messiasen, die in der Politik von der öffentlichen Stimmung ans Kreuz genagelt worden sind, ist noch keiner wiederauferstanden.

"Straubinger Tagblatt": Merz hat gestern gesagt, die Politik dürfe die Bürger nicht mit Floskeln abspeisen. Doch er selbst hatte einige Floskeln im Gepäck. Doch bis zum Parteitag sind es noch fünf Wochen, um Antworten zu geben. Auch seine Mitbewerber Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn werden diese Zeit nicht ungenutzt lassen.

"Zeit Online": Merz ist das Gesicht all jener CDU-Anhänger, die über Jahre unter Merkel gelitten haben, all der Männer, die sie auf ihrem langen Weg an die Macht überlebt hat. Die Wulffs, Kochs, Röttgens. Merz ist die verkörperte Sehnsucht nach der alten, konservativen, männlichen West-CDU. Das macht ihn an der Basis und in einigen Medien populär. (...) Was am meisten für Merz spricht, ist sein Habitus. Er ist einer der wenigen Christdemokraten, die bei den Linken Schnappatmung auslösen. Bei Merkel, Kramp-Karrenbauer oder Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, waren es ja eher die Rechten, die sich echauffiert haben. Die Furcht und Wut des wichtigsten politischen Gegners kann die eigene imaginierte Stärke potenzieren. Aber ob das reicht, um die CDU wieder zur Volkspartei zu machen? Merz wird es darauf ankommen lassen.

"Unabhängig, mit praktischer und ökonomischer Kompetenz"

"Rheinische Post": Es war ein selbstbewusster, lebendiger Auftritt des Überraschungskandidaten für den CDU-Vorsitz gestern in Berlin. "Ich bin Friedrich Merz", sagte der Ex-Fraktionschef, der zehn Jahre nicht mehr in der Politik war, und musste selbst ein wenig lachen. Denn vorstellen musste er sich nicht. Und sein Auftritt bewies, dass der 62-jährige Merz nichts von dem rhetorisch versierten 46-jährigen Merz verloren hat, der damals die Fraktion führte. Er parierte Vorwürfe, er sei zu wirtschaftsnah ("Ich bin wirtschaftsliberal, wertkonservativ und sozialpolitisch engagiert") oder zu lange außen vor gewesen ("Ich kenne die Partei"), schlagfertig. Inhaltlich dagegen gab Merz vorerst wenig preis, zu den Themen Flüchtlinge, Digitalisierung, Wohnen kein Wort. Da wird man den Mann, der noch nie regiert hat, noch stellen müssen. Dass der CDU-Mann in der Wirtschaft bestens vernetzt ist und dort gut verdient hat, wollen ihm nun einige Linken-Politiker ankreiden. Dabei ist genau das sein größtes Pfund. Merz ist unabhängig, er ist ein Politiker mit praktischer und ökonomischer Kompetenz. Davon gibt es viel zu wenige in der deutschen Politik.

"Dithmarscher Landeszeitung": Der Manager würde dem Vernehmen nach auf Millioneneinkünfte verzichten, um den - zunächst einmal brotlosen - CDU-Vorsitz zu übernehmen. Dieser Tausch ergibt in seinem Fall nur Sinn bei "eingebauter Kanzlerschaft". Tatsächlich ist Merz der einzige der namhaften Kandidaten, der das Charisma für eine Erneuerung der schläfrig gewordenen CDU mitbringt. Der ehemalige Oppositionsführer hätte die Unabhängigkeit, eine Aufbruchstimmung jenseits des Merkelschen Mehltaus zu erzeugen. Merz wäre wohl schnell wieder das parteiinterne Kontrastprogramm zur Kanzlerin.

"Kölner Stadt-Anzeiger": Wer auch immer jetzt Chef der Bundes-CDU wird, hat die Aufgabe, sich mit der Fortführung der Großen Koalition in Berlin herumzuschlagen. Das ist kein Job, der Spaß macht und die Beliebtheitswerte steigert. Laschet weiß das und verzichtet gerne unter Hinweis auf seine Verpflichtungen in NRW. Diese scheinen erst dann nicht mehr erstrangig zu sein, wenn das Chefbüro im Kanzleramt frei wird. Zwar hat der dann amtierende CDU-Chef formal den ersten Zugriff auf die Spitzenkandidatur, aber wenn der Königsmacher Laschet seinen Hut ins Rennen werfen sollte, würden die Karten wohl neu gemischt. Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn dürften die Nachrichten aus Düsseldorf daher mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.

"Man sieht sich immer zweimal im Leben"

"Nordwest-Zeitung": Nach dem Motto "Man sieht sich immer zweimal im Leben" könnte jetzt Merz' Stunde schlagen. Sollte er zum CDU-Vorsitzenden gewählt werden, dürfte das die Arbeit Merkels als Kanzlerin nicht gerade erleichtern. Doch neben den persönlichen Differenzen geht es um viel mehr: um die Zukunft der CDU. Wohin wird sich die Partei bewegen? In die konservative und wirtschaftsliberale Richtung, für die Merz steht? Das hätte den großen Vorteil, dass die Partei viele zur AfD abgewanderte Wähler zurückholen könnte. Freuen könnte sich die SPD, die dann in der politischen Mitte wieder mehr Raum für sich finden würde. Oder bleibt die CDU auf dem Kurs der Mitte? Für den stünde die Merkel-Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer. Sollte sie das Ruder übernehmen, hieße das ein "Weiter so" in leicht abgewandelter Form. Die AfD würde jubeln.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Merz wie Spahn wollen wieder deutlicher machen, wofür die CDU einstmals stand und auch im Ringen mit den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen stehen sollte: für Recht und Ordnung, Sicherheit, soziales Gewissen, Zusammenhalt, Heimat, Leitkultur, Wirtschaftskompetenz. (...) Annegret Kramp-Karrenbauer, die von Merkel ebenfalls nicht vorgewarnt wurde, obwohl sie zweifellos deren Lieblingsnachfolgerin wäre, wird in diesem Dreikampf nun schnell nachziehen müssen mit der Erklärung, warum die Partei lieber sie an ihre Spitze wählen sollte. Die Generalsekretärin und ehemalige Ministerpräsidentin ist in der Partei besser verdrahtet als Spahn und der Rückkehrer Merz, hat aber mit dem Vorurteil zu kämpfen, sie sei eine Merkel 2.0 oder gar nur Muttis Mädchen.

"Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung": Die SPD braucht neues Personal und ein klares Profil. Insofern wäre ein CDU-Chef Friedrich Merz ein Glücksfall für die Partei. Das hieße: Die Große Koalition ist bald Geschichte (Angela Merkel wird nicht Kanzlerin bleiben, wenn ihr Erzfeind Parteichef ist), und es gäbe an der Spitze der Union jemanden, an dem man sich abarbeiten und aufrichten kann. Es ist außerdem ja trotz allen wirtschaftlichen Glanzes nicht so, als mangele es an sozialdemokratischen Themen. Der wuchernde Niedriglohnsektor bedarf eines radikalen Rückschnitts, der Graben zwischen Arm und Reich muss eingeebnet werden. Das Renten- und das Gesundheitssystem brauchen ein komplett neues Fundament. Der Finanzsektor muss eingehegt und domestiziert werden. Wer dafür in der SPD sein Gesicht hinhalten könnte? Kevin Kühnert? Warum nicht? Es kann nur besser werden für die SPD.

"Merz trifft den Ton, den viele Konservative in der CDU lange vermisst haben"

"Kieler Nachrichten": Dass der Politik-Aussteiger Merz schon am Tag der Merkel-Verkündung wie Kai aus der Kiste wieder auftauchte, hat viele verstört. Ihm aber bloße Rachegelüste zu unterstellen, greift zu kurz. Merz trifft den Ton, den viele Konservative in der CDU sehr lange vermisst haben.

"Mitteldeutsche Zeitung": Merz gilt als Gegenentwurf zu Merkel, nachdem sie ihn zu Oppositionszeiten vom Fraktionsvorsitz verdrängt hatte, um ihre Macht in der Partei abzusichern. Zur Geschichte gehört allerdings auch, dass er sich danach gekränkt zurückzog und die Partei sich selbst überließ. Nun erfolgt das späte Rückspiel. Wenn Merz erfolgreich ist, wird sich das nicht auf den Parteivorsitz beschränken. Dann war seine Konkurrentin vermutlich die längste Zeit Kanzlerin, dann wird Merz sie vorzeitig vom Spielfeld winken, auch wenn er damit Neuwahlen riskiert.

"Hamburger Abendblatt": Auch wenn Friedrich Merz von manchen Gegnern schon als "Mann des Geldes" diskreditiert wird, ist er im Kampf gegen die AfD hilfreicher als jede Demo, jedes Großkonzert. Weil sich Merz schon 2009 aus der Politik zurückgezogen hat, ist er nicht mit der überschaubaren Leistung der Großen Koalition in Verbindung zu bringen. Als brillanter Rhetoriker kann er die Grenzen zum Populismus austesten - als kluger Kopf aber wird er nie Populist sein. Mit seiner Weltgewandtheit bringt er zudem außenpolitisches Profil mit, das seinen Gegnern fehlt.

"Frankfurter Rundschau": Der Wirtschafts-Anwalt, Multi-Lobbyist und Transatlantiker würde als Parteivorsitzender einerseits den Wirtschaftsflügel zur vorherrschenden Kraft bei den Christdemokraten machen, das stimmt. Er würde das mit der Aura des Modernisierers, des frischen Wind verströmenden, vermeintlichen Außenseiters verbindet. Aber andererseits dürfte er die Grenzenlosigkeit der Kapitalströme, für die er steht, durch das reaktionäre Versprechen der Geborgenheit in den Schutzräumen von Nation und Familie ergänzen. Es ist erst dieses Gemisch, das Merz zu einem nicht zu unterschätzenden Protagonisten der Entwicklung nach rechts machen würde: Der Kapitalismus, für den er steht, hat mit Sozialstaat wenig zu tun. Die vom Schutz dieses Sozialstaats "befreiten" Bürger dürfen sich stattdessen an der deutscher "Leitkultur" wärmen. Bei aller Begeisterung, dass sich etwas bewegt, sollte niemand vergessen, wohin die Reise geht.

CDU-Vorsitz: "Zurück in die Zukunft" - das sagen Twitter-User zur Merz-Kandidatur
kng / DPA / AFP