G8-Gipfel Schade, dass es vorbei ist


Eine Woche lang haben Gipfelkritiker, Polizisten und die Mecklenburger gemeinsam gelebt und gegen die widrigen Umstände gekämpft. Mit Erfolg, wie sie sagen.
Von Manuela Pfohl

Keiner weiß woher die Polizisten kommen. Doch plötzlich sind sie da. Stürmen auf den Zaun von Heiligendamm zu. Lassen sich fallen. Rund 50 Mann. Schwarz gekleidet! "Kette bilden", schreit einer. Dann haken sie sich unter zur Sitzblockade mitten vor dem Tor zum Allerheiligsten, dem streng bewachten Tagungszentrum der G8-Staatschefs. Die Blockade-Polizisten skandieren: "Wir sind friedlich, was seid ihr" und:"Keine Gewalt." Jemand macht ein Foto. Dann sind sie wieder weg, verschwinden irgendwo im Gelände. So schnell wie sie gekommen waren.

Woodstock an der Ostsee

"Lagerkoller", erklärt ein Vorgesetzter. "Zwei Wochen kein Bier, kein Ausgang, keine Frauen." Freitagabend. Die Staatschefs sind abgereist. Ab jetzt dürfen die Heiligendammer wieder ohne Security-Check aufs Klo. Im Wald wird die versteckte Sicherheitstechnik eingesammelt. Auch draußen vorm Tor der Kontrollstelle Galopprennbahn wird aufgeräumt. Zwei Tage und Nächte lang haben hier bis zu 6000 Demonstranten auf der Straße mitten in der absoluten Verbotszone gesessen und die Zufahrt blockiert. Mit Lagerfeuer, Bohnensuppe aus der Volxküche, Protestsongs aus der Woodstock-Ära und der festen Überzeugung, dass "es ganz viel gebracht hat". Jenny, 30, aus Hamburg und Marc aus Berlin waren dabei. Der 30-jährige Dolmetscher sagt: "Wir haben es geschafft, den Staat von der Straße zu verdrängen, das ist doch ein ganz radikaler Prozess, der zeigt, dass es möglich ist, unsere sozialen Strukturen aufzubauen. Gegen die Macht des Staates." Jenny sieht das genauso und freut sich schon auf die nächsten Aufgaben. "Denn der Gipfel ist ja nur der Anlass gewesen, nicht das Ziel für unsere Proteste." Ganz wichtig sei die weitere Vernetzung für die Globalisierung von unten. An den Blockaden habe man sehen können, was man mit Vernetzung und gemeinsamen Strategien erreichen kann.

Überraschungs-Siege

Tatsächlich war die Polizei am Mittwoch vom "Marsch auf Heiligendamm" und den vielen versprengten Gruppen, die zielgenau mal hier und mal da auftauchten und gleich wieder im Gelände verschwanden, regelrecht überrumpelt worden. "Da hatten wir in unserer schweren Ausrüstung gar keine Chance", winkt eine Polizistin ab. Mittwochmorgen war ihre Einheit aus Bremen nach Mecklenburg beordert worden. Den ganzen Donnerstag steht sie nun schon mit ihren Kollegen an einer Blockade in der Pampa bei Hinterbollhagen. Straßensicherung. Am Nachmittag sind es immer noch 30 Grad, die Sonne prasselt. "Wir hatten fünf Stunden Schlaf. Frühstück und seit dem sind wir hier. Ohne was zu essen. Ich hab einfach nur die Schnauze voll." Fünf Demonstranten haben es im Wald bis an den Zaun geschafft. Es ist kein Polizist zu sehen. Wenn sie wollten, könnten sie jetzt rüberklettern, sagen die Aktivisten. Aber sie wollen nicht. Dass manche Leute glauben, sie könnten den Gipfel behindern, halten sie für naiv.

Der Staat im Sicherheitswahn

"Darum geht es doch gar nicht. Es geht uns darum, zu beweisen, dass es keine absolute Sicherheit gibt und dass Schäubles ganze Sicherheitsdebatte rund um den Gipfel nur ein Vorwand zum Abbau von Bürgerrechten ist", erklärt einer. Schade nur, dass sie kein Foto machen können, von sich und dem Zaun und ihrem Sieg. "Wenn uns die Bullen durchsuchen und das finden, dann knasten die uns doch noch ein." Beim Delegiertenplenum am Abend wird im Camp Reddelich die Gewaltfrage diskutiert und auch, wie es in Zukunft weitergehen soll, mit der Revolution. Rolf, 27, Student aus Bochum sagt: "Alle reden nur über die Gewalt der Aktivisten. Dabei ist das, was die G8 machen, viel gewalttätiger. Hartz IV- Gesetze, Waffenexporte, Umweltzerstörung, Diebstahl geistigen Eigentums, das passiert täglich. Dafür gibt es keine Legitimation von irgendeiner Mehrheit. Das ist Gewalt." Fleischermeister Axel Hackendahl hätte noch vor ein paar Wochen keinen Gedanken an solche Debatten verschwendet. Als er erfuhr, dass in seiner Nachbarschaft in Reddelich ein Camp der Gipfelkritiker aufgemacht wird, machte er sich vielmehr Sorgen um sich und die Schweine, die jeden Morgen aus dem Schlachthof in seinen Betrieb gebracht werden. Inzwischen ist er Stammgast im Lager. Am Zaun hängt ein Transparent "Revolution am Ostseestrand. Wir grillen für den Widerstand." Das hat der Fleischermeister gemalt, nachdem er festgestellt hatte, wie es hier läuft. "80 Prozent von denen sind ja Vegetarier", erzählt er und grinst: "Aber die 20 Prozent, die Fleisch essen, haben richtig Hunger."

Schade, dass es vorbei ist

Wirtschaftsförderung als Basis für Zusammenarbeit. Das haben auch andere im Ort erkannt. Der Eismann, der zwischen den Barrios der Anarchisten, der Christen und der Transsexuellen seine Runde dreht, die Bierlieferanten, der Bürgermeister. Der verhandelt gerade mit den Campleuten, ob sie ihm den selbstgebauten Abenteuerspielplatz nicht überlassen könnten. Ein paar Mal war der Kindergarten hier. Die Lütten sind vollauf begeistert. Die Erzieherinnen auch. Nie im Leben hätten sie gedacht, dass die im Camp eigentlich total nett sind. Schade eigentlich, dass es nun bald vorbei ist.

Die Kühlungsborner, die Freitagmittag an der Promenade im Ostseebad stehen, finden es auch schade, dass es nun fast vorbei ist, mit dem Gipfel und den aufregenden Erlebnissen. Staunend stehen sie an der Bühne eines Fernsehsenders. Täglich gibt es von hier die News zum Gipfel der G8. Ungefähr 25 Leute mit Stöpseln im Ohr laufend hektisch hin und her. "Ruhe, wir haben gleich eine Schalte," schreien sie sich gegenseitig über ein Mikro zu. Dann ziehen sie sich zurück. Bier trinken am Kiosk nebenan. Die Kühlungsborner sind begeistert. "So was sieht man ja sonst nur im Fernsehen." Den Gipfel selber finden sie nicht so spannend. "Da kommt doch eh nur heiße Luft raus", sagt ein Pärchen überzeugt.

Wiederkehr des Alltags

Samstag. Vor dem Camp in Rostock ist Stau. Abreisetag. Mit Isomatte und Zelt auf dem Rücken und Blasen an den Füßen machen sich die Gipfelkritiker auf den Weg nach Hause. "Kannste uns mitnehmen nach Berlin", fragen zwei leicht derangierte Mädels mit einer "Anti Capitalista"-Fahne und viel Gepäck an der nahen Tankstelle. Der angesprochene Autofahrer tippt sich an die Stirn und ergreift die Flucht.

Auf der Warnow im Rostocker Stadthafen fährt ein Ausflugsdampfer. Der Käptn erzählt, dass noch gestern hier die Luft brannte. Dass der Hafen voll mit Demonstranten war, mit Polizisten und Wasserwerfern. An einer Baracke sind die Proteststürme verewigt. "G8 entmachten", steht an der Fassade. Die Passagiere bringen aufgeregt die Fotoapparate in Anschlag.

Klick.

Ganz hinten an der Straße kann man die beiden Mädels aus dem Camp noch sehen. Ohne Fahne.


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