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Gabriel auf Grünen-Parteitag: Siggi kriegt 'nen grünen Frosch

Es war eine Premiere - und SPD-Chef Sigmar Gabriel hat es gut gemacht. Nach seiner Rede auf dem Grünen-Parteitag im Velodrom schlug das rot-grüne Herz schneller. Auch Winfried Kretschmann war angetan.

Von Lutz Kinkel, Berlin

Sigmar Gabriel hatte Geschenke mitgebracht - und reichte sie feixend an Cem Özdemir und Claudia Roth weiter: zwei Rucksäcke, einen grünen, einen roten. Da sei Bionade drin und Bier, natürlich ökologisch gebrautes. Wer welchen Rucksack trage, das müssten Özdemir und Roth untereinander ausmachen, sagte Gabriel, der nach seiner Rede entspannt auf dem Podium des Grünen-Parteitags im Berliner Velodrom herumalberte.

Aber auch die Grünen hatten sich was überlegt: Özdemir überreichte Gabriel die obligaten Blumen, eine grüne Kaffeetasse - und einen knuddeligen, grünen Spielzeugfrosch. Den gebe er von "Vater zu Vater" weiter, sagte Özdemir, auf Gabriels kleine Tochter Marie anspielend. Und wenn Marie größer sei und dem Frosch ein Küsschen gebe - dann verwandele er sich in einen grünen Prinzen. "Oder...", rief Özdemir in das Gelächter und den Applaus hinein "man muss ja immer aufpassen, dass man nicht in einem Shitstorm landet - in eine grüne Prinzessin."

So weit ist es nun: Blumen, Bier und Heiratspolitik. Enger, so scheint es, waren sich Grüne und SPD nie.

Sigmar Roth rockt, Jürgen Göring Eckardt nicht

Mit dazu beigetragen hat die kluge Rede Gabriels, die erste, die ein sozialdemokratischer Parteivorsitzender jemals auf einem Grünen-Parteitag gehalten hat. Gabriel lobte die Grünen, betonte ihre Eigenständigkeit - und lieferte doch den Überbau für eine gemeinsame Koalition. "Wenn wir gemeinsam regieren wollen, dann doch nicht nur, weil wir eine Liste von Einzelthemen abarbeiten und ein paar Ministerien verteilen wollen", sagte er. Es gehe vielmehr um einen Richtungswechsel, in Deutschland und Europa. Weg von der marktkonformen Demokratie, so wie sie Angela Merkel wolle, hin zu einem demokratiekonformen Markt. Weg vom Egoismus, hin zum Gemeinsinn.

Gabriel drosch auf die Kanzlerin und ihre Politik ein, machte die Liberalen lächerlich, die Erzfeinde der Grünen, ("Liberalität ist eine Haltung, und die ist zu gut, um sie der FDP zu überlassen), schwor die Delegierten auf den Wahlkampf ein - und bekam dafür immer wieder Applaus, mehr als Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin zusammen. Es war schon fast peinlich, denn die Stärken Gabriels und seiner Vorrednerin Claudia Roth leuchteten die Schwächen der grünen Spitzenkandidaten gnadenlos aus. Sigmar Roth rockt, Jürgen Göring Eckardt nicht.

Kretschmanns anerkennenden Worte

"Gute Rede", sagte Volker Beck, Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, zu stern.de. "Der Versuch der Sinnstiftung ist gelungen." Auch die einfachen Mitglieder waren angetan, "überzeugend" war ein gängiges Lob. Selbst Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, fand anerkennende Worte. "Es war eine gute, aufmunternde Rede, die nochmal gezeigt hat: Es geht um eine Richtungswahl."

So hatte es Gabriel dargestellt, aber er ließ auch eine Hintertür offen. Die ständigen Fragen nach Koalitionsoptionen solle man gelassen sehen, sagte er. Für Leute, die planten, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, sei es ganz normal, dass sie vorher nochmal durchs Viertel zögen und schauten, ob sich nicht etwas Besseres fände. "Wichtig ist nur, dass man nachher die richtige Entscheidung trifft." Das muss er jetzt nur noch Tochter Marie erklären, sollte sich der Spielzeugfrosch plötzlich in die Kanzlerin verwandeln.