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Gauck im Deutschen Theater: Präsident der Herzen hält Hof

Wer hätte das gedacht? Der rot-grüne Anti-Wulff Joachim Gauck ist ein Popstar, Bundespräsident der Herzen, mindestens. Nun hat er im Deutschen Theater zu Berlin Hof gehalten. Ein Ortstermin.

Von Adrian Pickshaus

Renate Schiffmann ist hin und weg. "Er wäre ein wunderbarer Präsident", säuselt die Rentnerin aus dem Berliner Südwesten. "Er hat so etwas Väterliches, im positiven Sinne!" Sie meint Joachim Gauck, den rot-grünen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt. Der hat gerade knapp eine Stunde lang vor rund 500 Zuhörern im Deutschen Theater in Berlin-Mitte gesprochen. Gauck gilt als begnadeter Rhetoriker - sein Talent stellte er auch hier wieder unter Beweis, bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt vor der Präsidentenwahl.

Joachim Gauck war in seinem Leben schon vieles: evangelischer Pfarrer, ostdeutscher Bürgerrechtler, Stasi-Jäger im wiedervereinigten Deutschland. Jetzt, im Alter von 70 Jahren, kann er seiner Vita, unabhängig vom Ausgang der Präsidentenwahl, eine weitere Rolle hinzufügen: die des Medienlieblings. Im Internet, in der Presse, auf den Straßen wird er gefeiert wie ein Popstar. Soviel Hype um einen Präsidentschaftskandidaten war noch nie.

Schon eine halbe Stunde vor Redebeginn schreitet Sigmar Gabriel über den Vorplatz. Der SPD-Chef wiederholt vor den Kameras, was er schon bei der Vorstellung von Gauck über den Kandidaten von Schwarz-Gelb sagte: "Christian Wulff hat eine politische Laufbahn vorzuweisen, aber Joachim Gauck sein ganzes Leben." Das sitzt, immer wieder. Dann geht Gabriel ins Theater, das Schauspiel kann beginnen.

Der Rummel ist riesig, gut ein Dutzend Kamerateams und ein Fotografenschwarm warten vor der Bühne auf Beute. Im Parkett und auf den Rängen sitzen die Menschen, die Gauck künftig vertreten will - Junge und Alte, in Hemd, Kleid oder T-Shirt, ein Querschnitt Deutschlands im Sommeroutfit. Endlich tritt der Kandidat - dunkler Anzug, blaugraue Krawatte, weißes Hemd - an das Pult. Er begrüßt mit "Hochverehrte Bürger", das signalisiert schon, wohin die Rede geht. Gauck präsentiert sich in der kommenden Stunde als Vermittler und Vertreter, als Bindeglied zwischen Regierenden und Regierten.

Glückstränen nach der ersten Wahl

Gauck spricht ruhig, eindringlich und mit fester Stimme. Er nimmt die Zuhörer mit in seine Kindheit, in die Nachkriegszeit, in eine Jugend in der DDR. Er erzählt von der Deportation des Vaters nach Sibirien, von der Liebe zur Mutter. Und von den Sehnsüchten seiner Generation: "Wir haben die Freiheit idealisiert, weil wir sie nicht besaßen." Gauck nennt Persönlichkeiten, die ihn prägten: Vaclav Havel, Nelson Mandela und Martin Luther King, den er als junger Pfarrer in Ostberlin persönlich traf. All das bündelt sich in seiner Überzeugung: "Widerstand ist nicht, Widerstand wird."

Sein Ausflug in die Vergangenheit endet mit der friedlichen Revolution 1989. "Wir sind das Volk" sei die mächtigste Botschaft, die die Deutschen je gehabt hätten, glaubt Gauck. Er schließt mit seiner ersten freien Wahl 1990. "Mir standen die Glückstränen in den Augen, als ich aus dem Wahllokal kam. Und ich sagte mir: Nie wieder werde ich eine Wahl versäumen." Seine Stimme bricht, er stoppt und trinkt sein Wasserglas in einem Zug leer. Tosender Applaus im Theater.

Er sagt zu allem ein bisschen

In den ersten Reihen klatschen jene, die Gauck aufgestellt haben: Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles von den Sozialdemokraten, Renate Künast und Claudia Roth von den Grünen. Auch der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf ist da, dazu Künstler, Schriftsteller und Köpfe der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Was dann folgt, ist der realpolitische Teil der Rede. Afghanistan, Finanzkrise, Politikverdrossenheit, Integration. Zu allem sagt der Kandidat ein bisschen, er redet jetzt schneller, als wolle er abhaken. Er steht ausdrücklich hinter dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan, die Soldaten seien "auch aus Verantwortung da hingeschickt worden". Gauck bekennt sich auch zum Kapitalismus: "Nur weil einige Spieler Foul spielen, schaffen wir ja auch nicht den Fußball ab." Etwas zu lange spricht er über die Selbstverantwortung der Schwächeren und fordert von Einwanderern mehr Integration. Claudia Roth schaut jetzt ein wenig gequält.

Über seine Vorstellung eines Bundespräsidenten sagt Gauck: "Er folgt keinen Parteiinteressen, jeder darf ihm vertrauen." Das Staatsoberhaupt könne nicht die Grundlagen der Politik bestimmen, es könne aber zwischen Regierten und Regierenden für eine bessere Verständigung versorgen. Hier im deutschen Theater hat der Kandidat sich beiden Seiten verständlich gemacht: Sie goutieren seine Rede mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus. Gauck steht am Bühnerand, blickt hoch, gerührt, ein wenig suchend.

Hinterher im Foyer gibt die Politprominenz schon wieder Statements ab. Claudia Roth fordert die Kanzlerin auf, die Bundespräsidentenwahl freizugeben. Auch der Comedy-Arzt Eckhard von Hirschhausen darf was sagen; er findet Gauck gut, was sonst. Zwischen Tonangeln und Kamerastativen hindurch sucht Renate Schiffmann den Weg nach draußen. "Ich glaube, dass Gauck nicht so stromlinienförmig ist wie Wulff. Der wird nicht einfach alles abnicken", sagt die Rentnerin.

Erst aber muss ihr Kandidat gewählt werden, denn noch hat Wulff ein komfortables Stimmenpolster. Und in der Bundesversammlung zählt nicht, wen Menschen und Medien mehr mögen.

  • Adrian Pickshaus