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Geburtstagsparty zum 80.: Die Jubelsitzung der Genscheristen

1500 Gäste sind zum Jubeln ins Zirkuszelt gekommen, nur die engsten Freunde, von Henry Kissinger bis zu Udo Jürgens. Sie erlebten einen blendend aufgelegten Genscher, der Ötzi-Witze erzählte und sich in Lobeshymnen sonnte. Alle waren da. Fast. Zwei gewichtige Politiker fehlten.

Von Hans Peter Schütz

Die Frage galt als eines der großen Geheimnisse der deutschen Nachkriegsgeschichte: Weshalb ist Hans-Dietrich Genscher nach 18 Jahren als Außenminister 1992 über Nacht zurückgetreten? Gab es dunkle Flecken in seiner Vita? Hatte er schlicht die Nase voll? Drängelte seine Frau? Nichts von alledem. Genscher hat die Frage jetzt endlich aus Anlass seines 80. Geburtstages beantwortet.

Es war ganz simpel: Im Jahr zuvor hatte man den mumifizierten Gletschermann Ötzi auf den eisigen Höhen des Schnalstaler Gletschers in Südtirol ausgebuddelt. Als sie Ötzi in der Skihütte aufgetaut, wiederbelebt und mit einem Enzian gestärkt hatten, fragte er: "Und ist der Genscher immer noch deutscher Außenminister?" Als ihm das vertraulich hinterbracht worden war, so Genscher, da habe er zu seiner Frau gesagt: "Höchste Zeit, dass ich aufhöre."

Nur die engsten 1500 Freunde

Womit der Ruf des deutschen Rekordmeisters der Außenpolitik als bester Witzerzähler der deutschen Politik einmal mehr gefestigt wurde. Geschehen ist es gestern Abend im Schnee bedeckten Zelt des Zirkus Sarrasani, aufgebaut neben dem neuen Berliner Hauptbahnhof, denn anders wäre die Festversammlung der 1500 Gäste (FDP: "Nur die engsten Freunde Genschers sind eingeladen.") nicht unterzubringen gewesen, die sich beim Jubilar zum Gratulieren drängelte.

Ein einmalig großes Stück Zeitgeschichte war zu besichtigen, ihre Gewinner wie ihre Verlierer waren gekommen, um dem Mann, der natürlich einmal mehr sein Kennzeichen des FDP-gelben Pullunders trug ihren Respekt für eine bewundernswerte Lebensleistung zu bezeugen. Die 150 Kellner trugen ebenfalls gelb und es wurde ein Abend einer ganz großen gelben Koalition der Genscheristen. Denn das waren auf unterschiedliche Art alle, die gekommen waren. "Genscherist, was einmal ein Schimpfwort war, ist heute eine Ehrenbezeugung," rief FDP-Chef Westerwelle stolz wie Guido über die illustre Gesellschaft zu seinen Füssen durchs Festzelt.

"Genscherist: eine Ehrenbezeugung"

Noch einmal wurde die historische Szene auf die Großbildschirme eingespielt, mit denen Genscher 1989 den verzweifelten DDR-Flüchtlingen in der deutschen Botschaft in Prag die Ausreise in die Bundesrepublik verkündete. Der Beifall im Zirkuszelt war fast so brausend wie jener von Prag.

"Mister Bundesrepublik" hieß Genschman an diesem Abend, und dass er Weltpolitik gemacht hat, war eindrucksvoll zu besichtigen. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger war gekommen, der damalige sowjetische Amtskollege Eduard Schewardnadse, Frankreichs Ex-Außenminister Roland Dumas. Michail Gorbatschow war krankheitsbedingt verhindert, gratulierte seinem Duzfreund jedoch schriftlich in einem viereseitigen Brief und nannte ihn "ein Ereignis auch von europäischer und internationaler Bedeutung Natürlich Kanzlerin Angela Merkel und ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Die zwei an einem Tisch, man hatte es seit der Wahl noch nicht gesehen, wobei es den Altkanzler geschmerzt haben könnte, dass der Begrüßungsbeifall für ihn deutlich leiser ausfiel als für die Nachfolgerin.

Genscher und Jürgens beim Mauerfall

Zur Rechten der Kanzlerin saß der Genscher-Verehrer Udo Jürgens. Der war "unglaublich glücklich, dass ich heute dabei sein darf." Genscher und der Sänger hatten sich in der Nacht kennen gelernt, als in Berlin die Mauer fiel und die Trabis westwärts qualmten. Der Außenminister und seine Frau saßen damals im Restaurant "Hein Holl", kamen ins Gespräch und schließlich traute sich Udo Jürgens die Frage: "Was machen Sie heute noch an einem solchen Tag?" Genschers auf ihre Art historische Antwort: "Ich werde nach Hause gehen." Gestern Abend holte Jürgens nach, wozu es ihn schon damals gedrängt hatte und sang für Genscher sein Lied "Das ist Dein Tag." "Wer dich mag, denkt heute an Dich. Die Welt ist reicher, weil es dich gibt." Da ließ Genscher erkennen, was er sonst strikt vermeidet - Rührung. Und stand schließlich Wange an Wange mit dem Sänger.

Angela Merkel, mit Beifall schon vor dem ersten Wort begrüßt, als stünde da die Chefin einer diskret bereits verabredeten schwarz-gelben Koalition am Mikrophon, gewann das Publikum mit dem Geständnis, weshalb auch ihr Leben durch Genscher reicher geworden ist. "Dass ich hier stehen darf als Kanzlerin, hat mit der Politik Hans-Dietrich Genschers ganz viel zu tun." Ein Satz, für den das Publikum sie in Beifall badete.

Unbestimmte Sätze - alle zufrieden

Und auch Angie lüftete ein Geheimnis ihres politischen Erfolgs. Als sie, damals stellvertretende Regierungssprecherin der abzuwickelnden DDR bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen an der Seite von Lothar de Maizière in Moskau weilte, schmuggelte sie sich als stille Lauscherin in ein Presse-Hintergrundgespräch Genschers. Verblüfft sei sie danach gewesen, erzählte sie, durch die "Unbestimmtheit" der Äußerungen Genschers - "und die gleichzeitige Zufriedenheit der Journalisten." Und fügte schmunzelnd hinzu: "Auf meinem politischen Lebensweg hat das eine nachhaltige Wirkung erzielt." Das ist bis heute zu spüren: Angela Merkel, die Genscheristin.

"Einen echten Held", nannte Schewardnadse den Partner von einst. Roland Dumas gab sich hoffnungsvoll, dass "wir uns, Hans Dietrisch in 25 Jahren wieder sehen." Liselotte Pulver war im pinkfarbenen Hosenanzug gekommen, erzählte die Uraltklamotte mit den zwei sich begegnenden Flugzeuge "und in jedem saß Genscher drin." Friedrich Merz war natürlich da, was ihm von Moderator Max Schauzer, ja es gibt ihn noch, den Zuruf eintrug: "Bekennen Sie sich. Der Fraktionszwang ist heute aufgehoben." Das Bundeskabinett war so gut wie vollständig gekommen, Kabarettist Dieter Hallervorden war da, Peter Maffay, Oskarpreisträger Florian Henckel von Donnersmarck. Und EU-Kommissar Günther Verheugen, den die Wende von Genscher getrennt hat, der ihm dennoch bis heute fast väterliche Gefühle entgegen bringt. Und, und, und. SPD-Fraktionschef Peter Struck, 64 Jahre jung, wunderte sich sehr, "wie fit all die alten Herren sind."

"Drei Jahre große Koalition sind genug"

Und dann musste Lieselotte Pulver noch einmal ihr berühmtes Lachen zeigen und alle dachten an Piroschka. Barbara Genscher, seit 20 Jahren Präsidentin der Deutschen Herzstiftung, durfte anstelle der nicht erwünschten Geschenke für ihren Mann einen Scheck über 30.000 Euro für die Stiftung entgegennehmen, was allerdings in Anbetracht, dass an diesem Abend hunderte bestens betuchte Menschen gekommen waren, ziemlich mickrig war.

Genscher genoss die liberale-überparteiliche Jubelfeier. Weil da viele im Publikum saßen, die ihn für die Wende von 1982 zu Helmut Kohl verflucht hatten, mochte er sich den Hinweis jedoch nicht verkneifen, er sei jetzt zwar 61 Jahre FDP-Mitglied, aber "bei dieser unglaublich liebenswerten Partei rechnen die Jahre doppelt." Und an Merkels Adresse ging die Botschaft, dass die Liberalen 1966 von der Großen Koalition überrumpelt worden seien. Nach drei Jahren habe die FDP beschlossen, die Sache zu beenden. "Auch heute sind drei Jahre genug."

Zwei fehlten: Kurt Beck - und Kohl

Wieder applaudierten alle, sogar die möglicherweise einmal betroffenen Sozialdemokraten. Oder klatschten sie, weil es 2009 doch noch einmal wie 1969 laufen könnte? Schade drum, dass diesen Abend Kurt Beck schwänzte. Wer weiß, ob er nicht eines Tages Genschers dezente Fürsprache gebrauchen könnte, wenn es um eine rot-grün-gelbe Koalition geht. Denn noch immer mischt der FDP-Ehrenvorsitzende in der Kulisse kräftig mit.

Und noch einer fehlte: Helmut Kohl. Zufall oder Absicht? FDP-Sprecher von Rimscha erklärte tapfer, weil er nach einer Knie-Operation noch nicht wieder fit sei, habe der Altkanzler nicht kommen können. Immerhin sei er ja zum 70. Geburtstag Klaus Kinkels ebenso gekommen wie zum 75. Von Otto Graf Lambsdorff.

Verlässliche Witterung

Genscher selbst ist sich in dieser Frage nicht so sicher. Deutlich aussprechen würde der geborene Genscherist dies natürlich nie. Aber auf seine Witterung konnte sich Deutschland immer verlassen. Glückwunsch, Genscher!