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Gelöbnis am Reichstag: Operation Helmut Schmidt

Es war eine historische Veranstaltung: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sprachen Bundeswehrrekruten ihr Gelöbnis vor dem Reichstag. Höhepunkt der Feier war eine Rede von Altkanzler Helmut Schmidt - die trotz aller Vorkehrungen nicht ganz ohne Störungen ablief.

Von Sebastian Christ

Das Berliner Regierungsviertel ist eingesponnen in einen Kokon aus stählernen Röhren, weiß und rot, die sich von oben betrachtet wie starre Metallfäden um die Gebäude legen, in mehreren Ringen, dicht und undurchlässig. Das Brandenburger Tor ist zu, die Wilhelmstraße, die Friedrich-Ebert-Straße, die Brücken zum Hauptbahnhof, auch die Straße des 17. Juni. Insgesamt 1800 Polizisten patrouillieren in ganz Berlin-Mitte, immer auf der Suche nach Demonstranten.

Ein Ring aus Stahlgittern

An diesem Sonntag liegt der engste Stahlring um den Platz der Republik, eine mehrere Hektar große Wiese vor dem Reichstag, auf der sonst Berlinbesucher liegen und träumen, oder sich die endlose Warteschlange vor dem Eingang des Parlamentsgebäudes im Nichts verliert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik soll heute an diesem Platz ein Gelöbnis mit Bundeswehrrekruten stattfinden, Helmut Schmidt hat als Ehrengast zugesagt. Auf dem Rasen liegen Kabel, graue Platten, davor steht eine Besuchertribüne mit knapp 3000 Sitzplätzen und einem weißen Wellendach aus Kunststoff.

An den Toren rund um das Regierungsviertel werden Menschen abgewiesen. Spanier, Franzosen, Amerikaner, Touristen, die das ganze Zeremoniell nicht wirklich verstehen. Einige Hundert Meter weiter, vor dem Holocaust-Mahnmal, haben sich Bundeswehr-Gegner vom Bündnis "Gelöbnix" zu einer Demonstration getroffen. Ursprünglich hofften die Veranstalter auf knapp 1000 Teilnehmer, gekommen sind 250. Die Polizei hat auch sie blitzschnell eingesponnen, in einen Ring aus Stahlgittern. Anfangs ist ein Seitentor noch offen, Radfahrer vom Potsdamer Platz können passieren, Demoteilnehmer kommen hinein. Ab halb sieben jedoch ist der Weg zum Reichstag verschlossen. Immer wieder sind deutlich Flüche zu vernehmen. Einer der Veranstaltungsmoderatoren versucht, die Stimmung aufzuheizen, indem er allen Demo-Teilnehmern von der Beschlagnahmung eines Transparents erzählt: "Bundeswehr in den Grenzen von 1988, gegen deutsche Soldaten helfen nur rote Panzer." Einige Pfiffe, sonst keine Reaktion.

"Gelöbnis in Berlin - Nur mit Heizöl und Benzin", steht auf einem anderen Banner, das nicht beschlagnahmt wurde. Getragen wird das bemalte Laken von drei Männern mit Kapuzenpullis und Sonnenbrillen und großen Halstüchern, die fast das gesamte Gesicht bedecken.

Die Polizei wird später von einer friedlichen Demonstration sprechen. Insgesamt nimmt sie sieben Menschen vorübergehend in Gewahrsam, wegen Farbschmierereien und Widerstands gegen Beamte. Auch die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett ist darunter.

Proteste gegen Schmidt

Es regnet. Kleine Tropfen fallen auf das Pflaster, malen Punktmuster in den Staubfilm auf der Straße. Eine aufgebrachte Frau sitzt in einem Kleinbus, sie kommt von einer linken Einrichtung, einem antimilitaristischem Café, das dem "Gelöbnix"-Bündnis angehört. Über Lautsprecher schallen ihre Worte in alle Richtungen. Sie redet von der "Kriegskanzlerin" und "Kriegsministern". Besonders wütend klingt es, wenn sie von Altbundeskanzler Helmut Schmidt redet. "Ausgerechnet der ehemalige Wehrmachtsoffizier Schmidt-Schnauze soll heute die Rede halten", brüllt sie. "Schmidt hat in den 70er Jahren sämtliche Mittel der Kriegsführung eingesetzt, um den revolutionären Widerstand zu zerschlagen." Ihre Stimme dreht jetzt Loopings. "Wir fragen Helmut Schmidt: Wer hat Ulrike Meinhof 1976 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim aufgehängt?"

Zur selben Zeit marschieren Soldaten an den Seiteneingängen des Reichstags vorbei. Die Angehörigen des Wachbataillons von der Julius-Leber-Kaserne in Berlin tragen steingraue Uniformen. Dazu kommen einige weiß gekleidete Matrosen und viele junge Männer in Dunkelblau, von der Luftwaffe. Gegen sieben Uhr betreten sie den Platz, das Heeresmusikkorps spielt.

Die Besuchertribüne ist jetzt voll, fast jeder Platz besetzt. Feldjäger stehen am Rand der Wiese und sagen den letzten ankommenden Besuchern, dass sie jetzt besser nicht mehr quer über den Platz, sondern nur noch an den Seitenrändern lang gehen sollen. Im Publikum sitzen Mütter und Väter der jungen Soldaten, auch Freundinnen, viele sehr schick, in Cocktailkleidern, mit Perlohrsteckern. Junge Männer sind gekommen, mit streng gekämmten Frisuren und Seidentüchern unterm Kragen. Andere Frauen tragen zu große Handtaschen, zu grelle Lidschatten und opulente Dauerwellen. Ein paar Politiker sind auch da, nicht sehr viele, aber immerhin: Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU), der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), der Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD), dazu die Wehrexperten Bernd Siebert (CDU), Ulrike Merten (SPD), Jörg van Essen (FDP), und einige weitere Parlamentskollegen.

Helmut Schmidt trifft ein. Er steigt aus seiner Limousine, ein Bundeswehroffizier hilft ihm aus dem Fond. Langsam geht er am Podium vorbei, gestützt auf einen hellbraunen Gehstock, nimmt Platz auf dem grau gepolsterten Schalensitz. Bald darauf ist wieder Musik zu hören, Angela Merkel schreitet mit Verteidigungsminister Jung die Reihen ab, mit all den Soldaten, deren Hände seit endlosen Minuten dicht an der seitlichen Hosennaht liegen, deren Hacken paarweise zusammenstehen, still, stramm. Um den Kreislauf anzuregen, spielen einige von ihnen mit dem Zehen in ihren Schuhen.

"Auch wir Deutschen bleiben verführbar"

Die Sonne ist durch die Wolkendecke gebrochen, über dem Reichstag liegen Schäfchenwolken. Im Schatten der Pressetribüne holt eine Sanitäterin Wasserflaschen aus dem Gebüsch. Eine Trage liegt auch bereit. In den vorderen Reihen halten alle Rekruten bis zum Ende durch. Feldjäger halten Ausschau nach Demonstranten. Sie finden keine. Der Stahlkokon hält.

Franz-Josef Jung redet, sein Ton wirkt gequält, nasal, brüchig. Er verneigt sich vor der historischen Leistung von Schmidt. Dann tritt der Altkanzler selbst ans Mikrofon.

"Heute vor über 70 Jahren bin ich selbst Rekrut gewesen", sagt er. Im Jahr 1944 musste er als Beobachter die Schauprozesse gegen die Attentäter des 20. Juli verfolgen. "Da habe ich angefangen, den verbrecherischen Charakter des 'Dritten Reichs' zu begreifen." Im Publikum ist es still, sogar auf der Pressetribüne, wo die Journalisten noch Minuten zuvor über den Tonfall von Franz-Josef Jung gefeixt hatten.

"Heute muss kein Deutscher sich in der eigenen Seele mit seinem gespaltenen Bewusstsein quälen, des Nachts Hitler zum Teufel zu wünschen, aber am nächsten Tage abermals seine Befehle zu befolgen. Heute leben wir alle unter einer besseren inneren Verfassung als jemals in früheren Generationen", sagt Schmidt.

Aus dem Hintergrund würgen sich Störgeräusche durch die Baumkronen des Tiergartens. Stumpfe, lautsprecherverstärkte Schreie. Tschechenböller detonieren. Das meiste an Schallwellen bleibt im Laub der Bäume hängen. Schmidts Stimme ist fest, seine Betonungen sitzen exakt und ergeben in ihrer Summe eine getragene Lesemelodie.

"Zugleich aber legt uns das Vertrauen, das unsere Nachbarn und das die einstmaligen Sieger in uns setzen, eine schwere Bürde auf. Denn wir allesamt sind belastet mit der Verantwortung dafür, dass sich die Schrecken der deutschen Vergangenheit nicht wiederholen dürfen. Das ist eine schwere Verantwortung", sagt Schmidt. "Es ist leider wahr, dass wir Menschen verführbar sind. Auch wir Deutschen bleiben verführbar."

Applaus für Schmidt

Die Störversuche ebben ab. Nur noch ab und zu dringen Lautfetzen bis auf die Wiese durch. Über dem Kanzleramt geht die Sonne unter.

"Liebe jungen Soldaten! Ihr habt das große Glück - anders als ich als Rekrut des Jahres 1937 - einer heute friedfertigen Nation und ihrem heute rechtlich geordneten Staat zu dienen. Ihr müsst wissen: Euer Dienst kann auch Risiken und Gefahren umfassen. Aber ihr könnt Euch darauf verlassen: Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen. Denn die Würde und das Recht des einzelnen Menschen sind das oberste Gebot - nicht nur für die Regierenden, sondern für uns alle."

Schmidt geht zurück zu seinem Platz, auf der Tribüne applaudieren die Menschen, stehend. Einige Minuten später sprechen die Soldaten ihre Gelöbnisformel, Merkel dankt den Rekruten, die Limousinen fahren vor, Schmidt, Jung und die Kanzlerin steigen ein.

Kurz nach dem Gelöbnis. Unter den Linden säbeln die Kegel von Dutzenden Autoscheinwerfern durch den immer dunkler werdenden Abend. Vor dem Holocaust-Mahnmal packen die letzten Demonstranten ihre Transparente zusammen, im rot-weißen Stahlkäfig harren vielleicht noch zwanzig, dreißig Personen aus.

Es ist leise geworden. Helmut Schmidt ist nicht mehr da.