HOME

Gerangel um Grünen-Vorsitz: Zweifel an Entertainer Özdemir

Er ist eloquent, gutaussehend, geschmeidig. Mit Cem Özdemir bewirbt sich nun ein geübter Politik-Darsteller für den Grünen-Vorsitz. Aber die Begeisterung über die Kandidatur ist nicht einhellig: In der Partei schwelen erhebliche Zweifel an Özdemirs Eignung.

Von Hans Peter Schütz

Ganz klar, dass der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer für Cem Özdemir ist. Dass der neben Claudia Roth zweiter Parteichef der Grünen werden soll. Sie wohnen nahe beisammen in Baden-Württemberg, sie sind sich auch politisch nahe, weil sie beide grüne "Realos" sind, und sie kennen sich seit vielen Jahren aus der politischen Arbeit. Palmer gerät bei Fragen nach Özdemir richtiggehend ins Schwärmen. Der sei der "geradezu ideale Kandidat, weil er der Partei ein Gesicht geben kann und über ein großes Maß an praktischer Politik-Erfahrung verfügt."

Gerangel um Bundestagssitze

Normal wäre es, wenn ein Kandidat, der vom überaus beliebten Grünen Palmer so empfohlen wird, von den südwestdeutschen Grünen einhellig unterstützt würde. Genau dies aber ist nicht der Fall. Der 43-Jährige Özdemir will nämlich keineswegs nur neuer Bundesvorsitzender anstelle von Reinhard Bütikofer werden. Ein Mandat im Bundestag soll unbedingt dazugehören. Das macht seine Bewerbung für manche zum Konflikt.

Acht Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg sitzen im Parlament, wie es sich gehört: vier Frauen und vier Männer. Am Fraktionschef Fritz Kuhn darf nicht gerüttelt werden, der Tübinger Abgeordnete Winfried Hermann ist ebenfalls unangreifbar in der Partei, ebenso der Mandatsträger Alexander Bonde. Alle, die danach auf der Liste stehen, müssen Özdemir als Gegner fürchten.

Geld von Hunzinger

Der zweite Streitpunkt in der Bewerbung Özdemirs liegt in seiner Person. Faul sei er doch gerne, murren seine Gegner. Der wolle Abgeordneter und Parteichef zugleich sein? Er trete gerne vor Publikum auf, sitze aber ungern hinterm Schreibtisch. Und wie so oft schon in seinem Leben gehe es ihm vor allem darum, das relativ bescheiden bezahlte Amt des grünen Bundesvorsitzenden noch mit den ordentlich Diäten eines Volksvertreters zu wattieren.

Das führt schnurstracks zum dritten, schwersten Vorbehalt gegen Özdemir. Zwar war er einst schon mit 15 Lenzen bei den Grünen, war mit 32 innenpolitischer Sprecher im Bundestag und war ein meist mit Maßanzug gekleideter deutschtürkischer Starpolitiker, fast schon auf einer Höhe mit Joschka Fischer. Einen "anatolischen Schwaben" nannten ihn viele. Erst recht, nachdem bekannt geworden war, dass er sich vom dubiosen PR-Manager Moritz Hunzinger, der einst Rudolf Scharping eingekleidet hatte, einen besonders zinsgünstigen 80.000-Mark-Kredit besorgt hatte. Da wäre er besser zur nächsten Kreissparkasse gegangen. Und dann hat er auch noch mit den bei Dienstflügen als Politiker gesammelten Bonusmeilen geschummelt.

Kampfabstimmung unvermeidlich

Er ist relativ weich gelandet, weil er nach dem Ausstieg aus dem Bundestag (2002) schon zwei Jahre später ins Europarlament ziehen durfte, wo die Diäten auch nicht schlechter sind. Dort wiederum findet sich ein vierter Vorbehalt gegen ihn. Denn er teilt mit dem FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis in Brüssel eine gemeinsame Wohnung. Und der wiederum predigt seit Längerem die enge Kooperation zwischen Liberalen und Grünen - ein Gedanke, der den linken Grünen unverzüglich Übelkeit bereitet. Bei den rechten Grünen wiederum findet die derart dokumentierte Nähe zum bürgerlichen Lager durchaus Wohlwollen.

Vor diesem Gesamthintergrund ist es ziemlich mutig von Özdemir, sich für einen Posten zu interessieren, den er wahrscheinlich nur im Wege einer Kampfabstimmung gewinnen kann. Wochenlang hatte sich zunächst kein attraktiver Grüner für die Bütikofer-Nachfolge ernsthaft interessiert. Aber zuletzt zeigte der 48-jährige Volker Ratzmann heftiges Interesse, derzeit noch Fraktionschef der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Noch hat der keine offizielle Bewerbung eingereicht. Aber er besitzt einflussreiche Unterstützung. Die grüne Fraktionschefin Renate Künast, die mit Jürgen Trittin Spitzenkandidatin im kommenden Bundestagswahlkampf sein wird, lobte ihn energisch nach vorn. Dies, obwohl Ratzmann einst als Mann des linken Flügels Karriere gemacht hatte. Deshalb wird er von den Realos abgelehnt.

Künast in der Kritik

Künast sagte: "Ich unterstütze seine Kandidatur." Man möge doch bitte den Kandidaten nach seiner konkreten politischen Arbeit beurteilen. Das Loblied hat allerdings einige Realos sehr geärgert. So maulte die sächsische Fraktionsvorsitzende Antje Hermenau, die für Özdemir ist, in Richtung Künast: Es sei schon recht störend, "dass eine noch nicht mal gewählte Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl sich ihren Kandidaten selber aussucht".

Gegen den Berliner Anwalt Ratzmann gibt es vor allem einen Einwand nicht: Dass er vielleicht nicht emsig genug im Parteiamt sein könnte. Bei Özdemir wisse man eher das Gegenteil, vor allem das Klein-Klein der Parteiarbeit mache ihm wenig Spaß. Er liebe nun einmal vor allem den glanzvollen kommunikativen Auftritt. Weil Ratzmann in den vergangenen Monaten aber immer wieder Realo-Standpunkte eingenommen hat, können sich viele aus diesem Parteilager seine Wahl durchaus vorstellen.

Als "Foul-Spiel" rügen die Realos die Parteinahme von Künast. Schließlich liege das Vorschlagsrecht ganz allein beim realpolitischen Lager. Kein Problem ist die Kampfabstimmung für die Co-Parteivorsitzende Claudia Roth. Sie könnte mit jedem der beiden Bewerber. Dass Özdemir allerdings die bessere Show an der grünen Parteispitze produzieren würde, das steht auch für sie außer Frage.